21. Nacht der Jugend

Nacht der Jugend als Lichtblick

Mehrere Hundert Jugendliche aus Schulen, Vereinen und Verbänden verwandeln das historische Bremer Rathaus bei der Nacht der Jugend, dem 80. Jahrestag der Reichspogromnacht, in ein lebendiges, offenes Haus.
06.11.2018, 20:58
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Nacht der Jugend als Lichtblick
Von Justus Randt
Nacht der Jugend als Lichtblick

Der Bremer Antifaschist Kurt Nelhiebel, der als Journalist den Auschwitz-Prozess beobachtet hat, ist Ehrengast der Nacht der Jugend.

Frank Thomas Koch

Die 21. Nacht der Jugend, am 8. November, ist auch für Bürgermeister Carsten Sieling ein besonderes Datum: „Hunderte Jugendliche“, sagte er am Dienstag, „haben sich auf diesen Tag vorbereitet.“ Dabei gehe es um ein vielfältiges Programm junger Akteure, das schließlich im „Prozess der Beteiligung die Stärkung der Demokratie beinhaltet“, sagte Sieling. Die Beteiligung junger Menschen aus allen Stadtteilen sei erfreulich in Zeiten, „in denen Demokratien gefährdet seien, wobei es in anderen Ländern eine stärkere Bedrohung gibt“. Insofern sei das Nacht-Motto gut gewählt: „Was geht mich das an?“

Die Antwort liegt auf der Hand. Mit Blick auf den Untertitel, den die Nacht der Jugend trägt, wird schnell klar: „Unsere Zukunft hat Geschichte“, das deutet auf das „historische Element“ des Datums 9. November 2018 hin, wie Sieling den 80. Jahrestag der Reichspogromnacht nennt. Am selben Tag berät die Bürgerschaft ein Konzept des Senats zur Bekämpfung von Antisemitismus in Bremen.

"Was geht mich das an?"

Mit der Reichspogromnacht begann „der größte und schlimmste Völkermord in der Geschichte der Menschheit“, heißt es in einer Mitteilung des Senats: Auch in Bremen wurden Juden ermordet und misshandelt, brannten Synagogen und jüdische Geschäfte, wurden Wohnungen zerstört. „Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung.

„Was geht mich das an?“ Wenn Politiker die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss der Geschichte“ darstellen, ist das für Ulli Barde vom Sportgarten Bremen, der zum Organisatorenteam gehört, nicht nur ein Indiz für eine Verrohung der Sprache, sondern etwas, „das Hass sät und zu Verunsicherung führt“. Das Plakat zur Nacht der Jugend haben Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Wagenfeld-Schule in Huchting gestaltet. Es zeigt ein Paar schreckgeweiteter Augen, in denen sich eine Gewaltszene spiegelt. „Man kann wegschauen, wie damals“, sagt Ulli Barde dazu. „Oder man kann sich einmischen.“

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Was persönliche Haltung betrifft, erwarten die jugendlichen Bremer Akteure der Nacht drei Ehrengäste, die klarmachen, warum sie all das etwas angeht. Das hat unterschiedliche Gründe: Der deutsch-beninische Journalist und Fotograf Philipp Awounou hatte mit seiner Freundin und dem Ultraschallbild eines Fötus für ein Krankenkassenmagazin posiert – und einen rechten Shitstorm erlebt. Matthias Heyl ist pädagogischer Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und wird aus seinem Alltag berichten. Mit einem Grußwort bei der gemeinsamen Eröffnung mit dem Bürgermeister wendet sich der Zeitzeuge Kurt Nelhiebel an die Akteure dieser Nacht der Jugend – und ihre Gäste – zum Beispiel aus Bremens südafrikanischer Partnerstadt Durban.

Der 91-jährige Bremer Journalist und Antifaschist wurde unter anderem ausgezeichnet mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon und ist, seit April, Träger des Bundesverdienstkreuzes, das er aus der Hand Sielings entgegennahm. Der kündigt Nelhiebel als Persönlichkeit „von unglaublicher Eloquenz“, die „einiges einzubringen“ habe. Beispielsweise dieses Postulat: „Die Erinnerung ist kein Selbstzweck, sondern ein notwendiges Korrektiv für die Gegenwart.“

Idee stammt aus Bremen

Mirijam Hafner, die wie Derya Keyssler zum Organisatorenteam gehört, kennt die Nacht der Jugend von Beginn an und seit dem Kindesalter. „In meinem Freundeskreis gibt es viele Menschen, die integriert sind, nicht mit Anfeindungen konfrontiert sind. Es gilt die Masse derer, die einfach nur dabei sind, wachzurütteln. Sonst fragt man sich irgendwann, wie das alles passieren konnte.“ Derya Keyssler – „ich bin als Gastarbeiterkind in Gröpelingen aufgewachsen“ – macht bereits die elfte Nacht der Jugend mit. „Die Jugendlichen sind nicht als Gäste, sondern als Akteure dabei, und das bedeutet ihnen etwas, dabei zu sein ist eine Ehre für sie und erfüllt sie mit Freude.“

Keyssler erinnert daran, dass die Idee aus Bremen stamme. Inzwischen hat sie Verbreitung gefunden. „Die Nacht der Jugend ermutigt dazu, sich einzumischen, die Zukunft mitzugestalten und für ein kreatives und weltoffenes Bremen einzutreten. Deshalb ist sie für Bremen auch so ungeheuer wertvoll und unverzichtbar.“ Delmenhorst, Stuhr, Weyhe, Syke und Bassum können das von sich ebenso behaupten.

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An diesem Donnerstag beginnt das Programm um 18 Uhr mit Musik. Um 18.30 ist die Begrüßung. Im Verlauf des Abends sind laut Ankündigung unter anderem Chöre, Streicher, Rapper Slammer, Jazz- Pop- und Rockmusik, Tänzerinnen und Tänzer in den Rathausräumen zu erleben, einschließlich der Diskussion über Europapolitik. Der Haupt-Act Aletschko war im vergangenen Jahr als jüdisches Duo dabei – jetzt tritt die Gruppe in größerer Besetzung auf.

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