Viel Kundschaft, wenig Lehrer

Nachwuchssorgen belasten Bremer Fahrschulen

Volle Fahrschulen, wenig Fahrlehrer: Nachwuchssorgen belasten die Branche. Ein Großteil der Fahrlehrer kommt bald ins Rentenalter. Der Bremer Fahrschulinhaber Roland Plate sieht schwarz.
25.08.2018, 13:28
Lesedauer: 3 Min
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Nachwuchssorgen belasten Bremer Fahrschulen
Von Marlo Mintel

Roland Plate hat resigniert. „Es ist doch eh aussichtslos“, sagt er und seufzt. Der Inhaber der Fahrschule Pade im Viertel hat sich daran gewöhnt, dass er auf sich allein gestellt ist – seit drei Jahren. „Ich könnte einen angestellten Fahrlehrer gut gebrauchen, der mich ein wenig entlastet“, sagt er. „Es fehlt einfach der Nachwuchs. Der Markt ist leer.“

Michael Kreie, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Bremen, stimmt ihm zu. Die Branche hat einen Fachkräftemangel. Besorgt sollten Fahrschüler aber nicht sein, sagt er. „Noch bekommt jeder, der in Bremen einen Führerschein machen möchte, auch die Möglichkeit dazu. Die älteren Kollegen sind noch kräftig am Fahren.“ 120 Mitglieder gehören dem Bremer Fahrlehrerverband an.

Der Großteil von ihnen kommt bald ins Rentenalter. „Der Altersdurchschnitt liegt deutlich über 50 Jahre“, sagt Kreie. Weniger als ein Fünftel der Mitglieder ist jünger als 50. Fahrschulinhaber Roland Plate ist 52. Nach seiner Ansicht hat vor allem die Bundeswehr den Fachkräftemangel in der Branche verursacht. Sie bilde seit Jahren deutlich weniger Fahrlehrer aus als zu Wehrpflicht-Zeiten.

Auf Umwegen zum Fahrlehrer

In Deutschland sank den Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes zufolge die Zahl der Fahrlehrer zwischen 2011 und 2017 von rund 55.000 auf 44.500. Abhilfe soll eine Reform des Fahrlehrergesetzes schaffen, die zu Jahresbeginn in Kraft getreten ist. Vorausgesetzt wird lediglich ein Pkw-Führerschein des künftigen Fahrlehrers.

Früher waren auch die Führerscheine für Motorrad und Lkw notwendig. Außerdem wurde das Mindestalter für angehende Fahrlehrer von 22 auf 21 Jahre gesenkt. Plate selbst ist auf Umwegen Fahrlehrer geworden. Der gelernte Einzelhandelskaufmann aus der Hifi- und Videobranche arbeitete nach der Ausbildung ein Jahr lang bei einer Bremer Kaffeerösterei.

Seinen beruflichen Werdegang setzte er bei der Bundeswehr fort, insgesamt zwölf Jahre war er dort. „Ich bin allerdings kein Bundeswehr-Fahrlehrer“, stellt der Bremer klar. „In den letzten Jahren beim Bund war ich Rechnungsführer.“ Eine Rückkehr in den Einzelhandel kam für Plate danach nicht mehr infrage. Die Aussicht, den ganzen Tag im Laden stehen zu müssen, schreckte ihn ab. „Das war einfach nichts mehr für mich.“

Die Ausbildung zum Fahrlehrer schon eher. Er nahm die Hilfe des Berufsförderungsdienstes der Bundeswehr (BFD) in Anspruch. Dieser hilft bei der Eingliederung in den zivilen Arbeitsmarkt nach Dienstzeitende. Der BFD trug Plates Kosten für die Fahrlehrerausbildung für Motorrad und PKW. Insgesamt waren dies rund 17.000 Euro, wie der Bremer erzählt. Seit 2001 ist er Fahrlehrer, seit 2004 selbstständig.

Er sorgt sich um seine Branche. Nicht nur, weil viele Fahrlehrerkollegen in absehbarer Zeit in Rente gehen. Abends Theorie-Unterricht, Nachtfahrten, hohe Arbeitsbelastung, dazu brauche es körperliche und geistige Fitness. Plate glaubt, dass sein Beruf an Attraktivität verloren habe. Der 52-Jährige wünscht sich eine bessere Bezahlung für sich und seine Kollegen. Das fordert auch Michael Kreie. Allerdings warnt er: „Dann wird natürlich auch der Führerschein teurer.“

Prüflinge aus Nicht-EU-Ländern

Der Vorsitzende der Fahrlehrerverbandes vermisst manchmal die Wertschätzung durch die Fahrschüler. „Ein Handwerker bekommt schon Geld für den Anfahrtsweg, wenn er eine Waschmaschine repariert. Das bezahlen die meisten, ohne zu murren. Vom Fahrlehrer wird dagegen erwartet, dass er seine Schüler möglichst von zu Hause abholt. Als Serviceleistung, versteht sich.“

Über fehlende Kundschaft kann sich die Fahrschule Pade nicht beschweren. Roland Plate sitzt an einem Augusttag abends in seinem Büro. Eine Fahrschülerin betritt den Raum, vereinbart mit ihm weitere Termine für Fahrstunden. Plate macht sich Notizen in seinem Kalender. „Ich kann mich vor Aufträgen gar nicht retten“, sagt er.

In seine Fahrschule kommen derzeit etliche sogenannte Umschreiber. Tendenz steigend. Umschreiber werden Prüflinge aus Nicht-EU-Ländern genannt, die in ihrer Heimat bereits einen Führerschein erworben haben und sich in Deutschland noch einmal der Prüfung in Theorie und Praxis stellen müssen, bevor ihre Lizenz umgeschrieben wird. „Das Geschäft läuft insgesamt gut“, zieht Plate eine kurze Bilanz. Der 52-Jährige möchte seinen Job nicht missen. Ihm mache der Umgang mit jungen Menschen Spaß, sagt er. Ans Aufhören denkt er daher noch nicht. „Ich fahre so lange, bis es mir keinen Spaß mehr macht.“

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