Wirtschaftskriminalität Nadelstreifen hinter Gittern: Manager und Funktionäre im Gefängnis

Uli Hoeneß, Thomas Middelhoff und Bernie Madoff wurden wegen Wirtschaftsdelikten zu Haftstrafen verurteilt. Was die einstigen Manager und Funktionäre im Gefängnis erlebt haben.
15.03.2018, 19:04
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Nadelstreifen hinter Gittern: Manager und Funktionäre im Gefängnis
Von Jan-Felix Jasch

Der Absturz kommt schnell und unvermittelt. Noch beim Frühstück des 14. November 2014 plant Thomas Middelhoff den Abend mit seiner Familie. Sie wollen den erwarteten Freispruch für den ehemaligen Bertelsmann- und Arcandor-Manager feiern. Doch das passiert nicht. Das Landgericht Essen verurteilt Middelhoff wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft. „Es rauscht in meinem Kopf, ich bin unfähig, mich zu bewegen, unfähig, etwas zu sagen, unfähig, irgendeine Regung zu zeigen“, beschreibt er den Moment der Verkündung in seinem Buch „A 115 – Der Sturz“. A 115 ist die Nummer seiner Zelle. Weil Middelhoffs erster Wohnsitz in Südfrankreich ist, befürchten die Richter, dass er fliehen könnte und lassen den damals 61-Jährigen noch im Gerichtssaal verhaften. Statt mit seiner Familie verbringt er den Abend allein – in einer Zelle.

Middelhoff wird alle 15 Minuten kontrolliert. Die Richter haben Angst, dass er sich umbringt. „Nie im Leben würde ich mir selbst etwas antun!“, schreibt er. Was Wahrheit ist und was Fiktion, weiß nur Middelhoff. Der „Handelsblatt“-Redakteur Massimo Bognanni hat eine Biografie über den Manager veröffentlicht. Die Bücher widersprechen einander. Eine Zusammenarbeit scheitert, weil Bognanni selbst recherchieren und nicht im Auftrag Middelhoffs schreiben will.

Steuerhinterziehung und Betrug

Middelhoffs Fall ist bei Weitem nicht der einzige, der im Gedächtnis blieb: Der ehemalige Post-Vorstand Klaus Zumwinkel wurde wegen Steuerhinterziehung zu einer Bewährungs- und Geldstrafe verurteilt. Das Landgericht München II verhängte gegen Uli Hoeneß, damals Präsident von Bayern München, eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren – ebenfalls wegen Steuerhinterziehung. Franjo Pooth, Ehemann von Verona Pooth, musste sich in Düsseldorf wegen Bestechung und Vorteilsnahme sowie Untreue und Insolvenzverschleppung verantworten. Die Kammer bestrafte ihn mit einem Jahr auf Bewährung. Der US-Amerikaner Bernard Lawrence Madoff wurde gar zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt. Durch einen Investmentfonds verursachte er einen wirtschaftlichen Schaden von 65 Milliarden Dollar. Sein Fall gilt als „erster wirklich globaler Betrugsfall“, wie ein Anwalt während des Prozesses sagte. Die Staatsanwaltschaft Mannheim erhob Anklage gegen Peter Graf, Vater der Tennisspielerin Steffi. Er wurde wegen Steuerhinterziehung zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Die Liste der prominenten Wirtschaftskriminellen lässt sich national wie international weiterführen. Die Genannten sind nur einige der bekanntesten Beispiele.

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Gemein ist ihnen, dass sie einst wichtige Rollen in der Wirtschaft gespielt haben: Vorstände, Unternehmer, Chefs. Sie trifft man selten als Angeklagte in Gerichtssälen. Auch im Gefängnis entsprechen sie eher nicht dem gängigen Bild des Insassen. Berichte zeigen, wie unterschiedlich sie mit diesem Aufenthalt umgegangen sind. Middelhoff beschwert sich in seinem Buch etwa über die Kleidung: Wie in Trance habe er die „verwaschene, beigefarbene, unförmige Unterwäsche, kurze schwarze Socken mit weißen Ringeln, blaue, zu weite Jeans, die von einem Gürtel gehalten werden, ein kurzärmeliges blaues T-Shirt, ein ausgebleichtes mittelblaues Sweatshirt und schwarze Halbschuhe“ übergestreift. Für Middelhoff hat die Kluft Symbolcharakter. „Wer hier gelandet ist, hat seinen Anspruch auf Würde, Achtung und Stolz verwirkt“, schreibt er. Er hat es so empfunden. Die sogenannte Anstaltskleidung ist gesetzlich vorgeschrieben. Der Leiter kann den Häftlingen gestatten, eigene Hosen oder Pullover zu tragen. Von Hoeneß sind keine Klagen bekannt. Im Gegenteil: Ein Beschluss des Landgerichtes Augsburg lobt ihn als vorbildlichen Gefangenen.

Die Wahrheit bleibt unklar

Middelhoff ist kein Freund der Medien. Trotzdem weiß er, mit Journalisten umzugehen und sich zu inszenieren. In seinem Buch holt er zum Rundumschlag gegen die Medienlandschaft aus. Er beschwert sich über hämische Berichte der „Bild“ und über eine Vorverurteilung. Dabei lobte er die „Bild am Sonntag“ einst – weil sie seine skandalösen Haftbedingungen öffentlich machte. Darunter Schlafentzug durch die Suizidkontrolle: Angeblich der Grund für Middelhoffs Autoimmunkrankheit, wegen der er operiert werden musste. Er schreibt von Schikane und Fehldiagnosen. Biograf Bognanni berichtet anders: Weder Middelhoff, noch seine Verteidiger oder Angehörigen hätten von einer übermäßigen Belastung des Inhaftierten berichtet. Klagen über den Schlafentzug und Gesundheitsprobleme seien der Anstaltsleitung erst nach Ende der Suizidkontrolle bekannt geworden. Die Wahrheit bleibt einmal mehr unklar. Middelhoff verdeutlicht bereits auf der ersten Seite seines Buches, wie er zu seiner Zeit im Gefängnis steht. Die Autobiografie sei jenen gewidmet, „die an der Gerechtigkeit in Gerichtssälen zweifeln, sowie jenen, die mit den Unzulänglichkeiten des geschlossenen Vollzugs konfrontiert sind“.

Auch Hoeneß habe während seiner Haft ein regelrechtes Martyrium durchlebt, schrieb „Die Welt“ Anfang 2016. Aus dem Beschluss des Landgerichts Augsburg gehe hervor, dass Mithäftlinge den ehemaligen Bayern-Präsidenten beleidigt, verleumdet, erpresst und ausspioniert hätten. Dennoch habe sich Hoeneß nie etwas zuschulden kommen lassen. Er habe keine Allüren gezeigt, sei hilfsbereit und zuvorkommend gewesen. Ein Verhalten, das zu seiner vorzeitigen Entlassung beitrug. Knapp drei Jahre zuvor hatte „Der Stern“ Hoeneß mit einem Schweizer Nummernkonto in Verbindung gebracht, auf dem mehrere Millionen Schweizer Franken versteckt seien. Der Bayern-Präsident hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits zu einer Selbstanzeige entschlossen. Sie war jedoch unvollständig und daher wirkungslos. Ab April 2013 ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Hoeneß. Sie durchsuchte sein Haus am Tegernsee und erhob im Juli Anklage. Es ging um Steuerschulden von knapp 30 Millionen Euro. Hoeneß erhielt eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren, die das Gericht nach der Hälfte zur Bewährung aussetzte.

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Für Aufsehen sorgte Hoeneß, als er auf einer Gala in Liechtenstein auf seine Verurteilung zurückblickte. „Ich bin der einzige Deutsche, der Selbstanzeige gemacht hat und trotzdem im Gefängnis war. Ein Freispruch wäre völlig normal gewesen. Aber in diesem Spiel habe ich klar gegen die Medien verloren“, sagte er. Der damalige nordrhein-westfälische Justizminister, Thomas Kutschaty (SPD), forderte daraufhin, Hoeneß Bewährungsauflagen zu prüfen. Dessen Anwalt reagierte mit einer Gegenoffensive, eine Schlammschlacht begann. Sie sollte jedoch die einzige im Zusammenhang mit der Steuerhinterziehung von Hoeneß bleiben. Er kehrte zum FC Bayern zurück, ist dort wieder Präsident.

65 Milliarden Dollar Schaden

Bevor Madoff als Anlagebetrüger überführt wurde, arbeitete er als angesehener Börsenmakler in New York. Der US-Amerikaner gilt als einer der ersten weltweit agierenden Wirtschaftskriminellen. In den USA hat er mit einem Investmentfonds einen Schaden von mehr als 65 Milliarden Dollar verursacht. Insgesamt betrog er fast 5000 Anleger. Auch der Regisseur Steven Spielberg oder die verstorbene Schauspielerin Zsa Zsa Gabor gehörten zu den Geschädigten. Im Juni 2009 verurteilte das Bundesgericht Manhattan den damals 71-Jährigen zu 150 Jahren. Sie folgte damit der Forderung der Staatsanwaltschaft, obwohl sich Madoff reuig zeigte. Die Verteidigung hatte auf zwölf Jahre plädiert.

Seine Zeit in Haft scheint der heute 79-Jährige verhältnismäßig angenehmen gestalten zu können. Laut Berichten eines Amazon-Podcasts sei er „ein Star, weil er mehr Geld gestohlen hat als irgendjemand zuvor.“ Mitinsassen bitten ihn in Finanzfragen um Rat. Auch seinen Geschäftssinn habe Madoff nicht verloren. „Einmal hat er den Markt für heiße Schokolade beherrscht. Er hat jedes Paket gekauft und mit Gewinn auf dem Hof verkauft. Wer Kakao haben wollte, musste zu Bernie.“

Madoffs Zellentür sei nachts nicht verschlossen, heißt es. Außerdem genieße er die Vorzüge eines „ziemlich großen Panoramafensters“. Wohl nur ein geringer Trost für den Investmentbanker – er kann bei guter Führung frühestens im Jahr 2139 mit einer vorzeitigen Entlassung rechnen.

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