Erster Band vorgestellt / Gunter Demnig verlegt Montag Stolperstein in Findorff

Nächste Bücher sind in Arbeit

Das Projekt „Stolpersteine“ hat in der Zentralbibliothek die erste von insgesamt sechs Publikationen über Bremer NS-Opfer präsentiert. Das Buch beschreibt Schicksale von Menschen aus Bremen-Nord. Weitere Bände sollen folgen.
27.02.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Monika Felsing und NINA HEINRICH
Nächste Bücher sind in Arbeit

Barbara Johr, hier bei einer Stolperstein-Verlegung für Christine Sauerbrey an der Karl-Bröger-Straße in Gröpelingen, hofft auf weitere Unterstützer für ihr Buchprojekt.

Roland Scheitz

Das Projekt „Stolpersteine“ hat in der Zentralbibliothek die erste von insgesamt sechs Publikationen über Bremer NS-Opfer präsentiert. Das Buch beschreibt Schicksale von Menschen aus Bremen-Nord. Weitere Bände sollen folgen.

Stolpersteine in Bremer Bürgersteigen weisen seit zehn Jahren auf die Opfer der Nazi-Diktatur hin. Insgesamt sind bereits 600 der Gedenksteine in der Stadt verlegt worden. Mittlerweile gibt es das erste Stadtteilbuch dazu. Mit einer musikalischen Lesung in der Zentralbibliothek ist die Publikation „Stolpersteine in Bremen. Biografische Spurensuche. Region Nord“ am Dienstag vorgestellt worden.

Auf berührende Weise trug die Journalistin Marlies Backhus Auszüge aus den Lebensgeschichten der Opfer vor. Das Quartett Paradawgma begleitete sie mit sensibel ausgewählten Stücken, die mal leise und nachdenklich, mal rhythmisch und stimmungsvoll Akzente setzten. Zum Abschluss zeigten die Filmemacher Paul Lindsay und Alisdair Jardine den Musikclip „A Rose for Nettie Green“ („Eine Rose für Nettie Grün“), in dem sie sich künstlerisch mit dem Schicksal Grüns beschäftigen.

Nettie Grün stammte aus Czernowitz in der heutigen Ukraine und heiratete 1931 den Bremer Julius Grün. Gemeinsam mit ihrem Mann und der 1933 geborenen Tochter Inge lebte sie in der Daniel-von-Büren-Straße. 1941 wurde die Familie nach Minsk deportiert und dort ermordet. Das Buch versammelt die Biografien der Verfolgten und Ermordeten, ergänzt durch Texte zur Stadtteilgeschichte und zum Projekt „Stolpersteine“, etwa die Erfahrungen bei der Kontaktaufnahme zu Angehörigen. Ferner liegt ein Stadtplan bei, auf dem alle Stolpersteine in Bremen-Nord und Rundwege für eine persönliche Spurensuche eingezeichnet sind. Der Band umfasst Burglesum, Vegesack, Blumenthal und Ritterhude.

Barbara Johr von der Landeszentrale für politische Bildung ist Vorsitzende des Vereins „Erinnern für die Zukunft“ und treibende Kraft der neuen Publikationsreihe. Dass der Band zu Bremen-Nord als erstes erscheint, hat verschiedene Gründe: „Wir wollten zuerst Mitte machen, aber Bremen-Nord war der erste Stadtteil, in dem alle bisher bekannten Stolpersteine verlegt waren“, berichtet Barbara Johr. Außerdem habe sie mit Wiltrud Ahlers „den Kern des Engagements in Bremen-Nord“ an ihrer Seite. Ahlers knüpfte Kontakte und führte Interviews mit vielen Zeitzeugen. Details aus diesen Gesprächen machen die Menschen und ihre Erlebnisse hinter den harten Fakten greifbar. „Eine Frau schilderte im Gespräch, wie eine jüdische Nachbarin beim Milchkaufen immer wieder von den anderen wartenden Frauen ans Ende der Schlange geschickt wurde“, erzählt die 74-jährige Frau aus Blumenthal, „bis schließlich eine Frau ihr die Milch gab, die sie selbst gekauft hatte.“

Das Team um Barbara Johr besteht aus Ehrenamtlichen, die Stunden und Tage in die Recherche in Archiven stecken, Texte verfassen und die Verlegung der „Stolpersteine“ organisieren. Für die Publikationsreihe setzt Barbara Johr auf weitere Ehrenamtliche: „Für den Stadtplan Mitte brauchen wir Freiwillige, die die Wege entlanggehen und gucken, ob die Rundgänge funktionieren.“ Aber auch finanzielle Unterstützung ist gefragt – für den Druck der Bücher. Fünf weitere Bände zu Mitte, Östliche Vorstadt (für Herbst 2014 geplant) Schwachhausen, Horn-Lehe, Hemelingen, Neustadt,Woltmershausen sowie Findorff, Walle, Gröpelingen sollen folgen.

Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig verlegt 16 weitere Stolpersteine in Bremen. Am Montag, 3. März, hat er unter anderem um 14 Uhr einen Termin mit dem Intendanten von Radio Bremen, denn der Sender hat die Patenschaft für den Stein übernommen, der zum Gedenken an Jean Gros in der Großenstraße 2 ins Pflaster eingelassen wird. Die ersten beiden Steine werden am Montag um 9 Uhr in der Frühlingstraße 12 gesetzt, für Ruth Kaufmann, geborene Oswald, und ihren Mann Julius. Es folgen Stolpersteinverlegungen für weitere NS-Opfer: um 9.45 Uhr für Ewald Nöhre, Grünebergstraße 12 in Findorff, gegen 10.30 Uhr für Julius Platzer, Wegesende 5, um 11 Uhr für Ernst Buchholz, Am Wall 149, um 11.30 Uhr für Bianca Martens, geborene Singer, und ihren Mann Friedrich, um 12 Uhr für David Meyerhoff, Marterburg 29b, um 14.30 Uhr für Kurt Ahron und Ernst Feldheim, Faulenstraße 98/100, um 15 Uhr für Lothar und Hugo Meyer, Faulenstraße 26/28, und um 15.30 Uhr für Lotte Rosenwald und ihren Mann Günther Scheige, Hamburger Straße 10.

Das Buch über die Stolpersteine in Bremen-Nord ist im Sujet Verlag Bremen erschienen und für 14,80 Euro erhältlich. Wer „Erinnern für die Zukunft“ unterstützen möchte, kann sich an Barbara Johr, 3 61 - 26 26, wenden. Mehr online auf www.stolpersteine-bremen.de.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+