Die Findorffer Torfkähne starten mit einer neuen Anlegestelle und einem prallen Programm in die Saison 2016 Nächste Station: Platzhirsch

Weidedamm-Lehe. In Bremen gibt es eine nagelneue Anlageform. Sie besteht aus Sandstein und Holz, und Anleger finden sie am Kuhgrabenweg auf Höhe des Restaurants „Zum Platzhirsch“.
04.04.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Anke Velten

In Bremen gibt es eine nagelneue Anlageform. Sie besteht aus Sandstein und Holz, und Anleger finden sie am Kuhgrabenweg auf Höhe des Restaurants „Zum Platzhirsch“. Rechtzeitig zum Saisonstart weihten die Findorffer Torfkähne ihre neunte Haltestelle feierlich ein. Sie baut im wahrsten Sinne des Wortes auf Bremer Historie auf: Denn die beteiligten Handwerker stießen auf Relikte eines uralten Bootsanlegers, der soweit möglich gerettet und in die neue Konstruktion integriert wurde. Das Freilegen und Wiederbeleben Bremer Geschichte: Das ist seit mittlerweile zehn Jahren das Vorhaben, dem sich die Findorffer Torfkähne verschrieben haben, sagt Ullrich Mickan, Betriebsleiter der Torfkähne Bremen mit Sitz am Findorffer Torfhafen.

Vom Torfhafen aus ist der neue Bootsanleger in einer guten Stunde zu erreichen. Das ginge zwar heutzutage zweifellos viel schneller, vielleicht auch komfortabler als auf dem Wasserweg. Aber viel dichter an der Natur und der Geschichte Bremens kann man sich nicht bewegen als in diesem typisch bremischen Verkehrsmittel. Der aktuelle Fahrplan hält dafür wieder genügend Abwechslung für jede Tages- und Jahreszeit bereit, und für außerplanmäßige Unternehmungen lassen sich die Kähne chartern.

Zum festen Bestandteil des Fahrtprogramms gehören beispielsweise die Touren mit Geschichtenerzählerin Christine Bongartz. Das nächste Mal legt sie damit am Sonntag, 10. April, 11 Uhr, am Torfhafen ab. Für besonders nervenstarke Passagiere hat „Tine ut’n Moor“ nun eine Reihe der schauerlichsten Gruselgeschichten zusammengestellt, die man sich früher im Moor erzählte. Unter dem Motto „Das Grauen aus dem Moor“ wird es erstmals am Freitag, 22. April, um 22 Uhr losgehen. Der Fahrpreis für die jeweils rund eineinhalbstündigen Fahrten in die Nacht mit der Geschichtenerzählerin beträgt 21 Euro. Seit der vergangenen Saison ist es auch möglich, in den Findorffer Torfkähnen eine Reifeprüfung zu absolvieren. Der Weg zum Findorffer „Torf-Abitur“ dauert gute drei Stunden und kann nach Vereinbarung gebucht werden. Während der Fahrt erzählen die Skipper ihrer Reisegesellschaft viel Wissenswertes aus der Geschichte der Torfwirtschaft, und wer gut aufpasst, kann die abschließende Theorieprüfung locker bestehen. Für die praktische Prüfung gilt es unter anderem, einen Schifferknoten zu knüpfen, elegant eine „lütje Lage“ zu konsumieren oder sich beim Torfbosseln mit dem Lumpenball zu beweisen: Die vergnügliche Alternative für private und geschäftliche Gemeinschaftsaktivitäten kam schon voriges Jahr bei zahlreichen Betriebsausflügen, Junggesellenabschieden, Geburtstagsfeiern oder Vereinstreffen sehr gut an, berichtet Ullrich Mickan.

Das Pendant für jüngere Gäste in der Altersklasse zwischen sieben und elf Jahren nennt sich „Torfräuber-Patent“: Die offizielle Ehrenurkunde wird im Rahmen der rund dreistündigen Kindergeburtstags-Tour „Düwelsmoor“ verliehen. „Schmugglerfahrten“ nennt sich das Angebot für Familienausflüge, bei denen die Großen und die Kleinen auf ihre Kosten kommen.

Ebenfalls sehr gut angenommen werden laut Mickan die „Naturentdeckertörns“, die im vergangenen Jahr eingeführt wurden. Die rund zweistündigen Exkursionen verbinden Naturkunde und Stadtgeschichte. In kompetenter Begleitung lernen die Mitreisenden die Flora und Fauna im und um den Torfkanal kennen und erfahren parallel viel Interessantes über die Geschichte der Torfschifffahrt und das Leben der Moorbauern, über bemerkenswerte Gebäude am Ufer, die Brücken und Bootshäuser am Torfkanal, die Entstehung des Bürgerparks und das Ökosystem in Hamme und Wümme: So viel Wissenswertes steckt nämlich in den wenigen Kilometern zwischen Torfhafen und Kuhgraben. Der erste Naturentdeckertörn dieser Saison ist für Sonnabend, 14. Mai, 13 Uhr, geplant, die Teilnahme kostet 19 Euro.

Früher legten jährlich bis zu 20 000 Torfkähne aus den Moorgebieten am Findorffer Torfhafen an. Nachdem das Brennmaterial seine Bedeutung verloren hatte, fiel auch der Hafen in einen Dornröschenschlaf. Im Jahr 2006 wurde der Torfhafen nach aufwendiger Sanierung wiederbelebt und mit ihm die Torfkahnfahrten zu diversen Zielorten der Region. Mittlerweile gelten die Torfkahnfahrten als Vorzeigebeispiel sanften, nachhaltigen Tourismus, den Vertreter der Stadt gerne auf internationalen Symposien präsentieren, erzählt Ullrich Mickan. Der Beschäftigungsträger Bras e.V. stieg mit zwei Torfkähnen in die Materie ein. Inzwischen ist die Findorffer Flotte auf sieben Kähne gewachsen, die nicht nur von Findorff aus ins Hollerland und ins Blockland ablegen, sondern auch die „Hammetour“ von Ritterhude bis Worpswede bedienen. Dass es dabei nie langweilig wird, dafür sorgt eine Crew von derzeit rund 35 Skippern, die ihre Fahrgäste auf informative und unterhaltsame Weise durchs Land schippern. Es sind Männer und auch einige Frauen, die neben der formalen Erlaubnis zur Fahrgastbeförderung auch einen großen Enthusiasmus mitbringen, so Mickan: Für eine bescheidene Aufwandsentschädigung stellen sie ihre Zeit und ihr Wissen über die Natur und die Geschichte ihrer Heimatgefilde zur Verfügung. Skipper der Bremer Torfkähne stehen übrigens auch am Steuer der „Marie“, dem Fahrgastschiff des Bremer Bürgerparks.

Mit den sieben Booten können die Bremer Torfkähne gleichzeitig bis zu 112 Fahrgäste transportieren – und das kommt tatsächlich vor, wenn die Bremer Touristik-Zentrale oder größere Firmen und Institutionen sich mit großen Gruppen auf den Weg machen wollen. Ab und zu bleibt ein Boot aber auch bewusst unterbesetzt, berichtet Mickan: Verliebte Pärchen gönnen sich den Luxus einer „romantischen Moorlichterfahrt“, auf der neben dem Skipper höchstens noch ein auf Wunsch dazu engagierter Musiker die traute Zweisamkeit begleiten darf. 263 Fahrten mit rund 2900 Fahrgästen zählten die Findorffer Kähne im vergangenen Jahr, und die Nachfrage steige noch immer, so Mickan: „Wir hatten noch nie so viele Frühbucher wie in diesem Jahr. Bis in den Mai sind viele Fahrten schon jetzt ausgebucht.“

Die neue Anlegestelle füge sich perfekt ins Liniennetz der Bremer Torfkähne, erklärt der Betriebsleiter: Sie kann als Zwischenstation dienen auf der längeren Tour Richtung Dammsiel, um Skipper und Passagieren die Gelegenheit zu geben, sich auf einer kurzen Pause die Beine zu vertreten. Andererseits bietet sie sich auch als gezielte Endstation für Kurzausflüge an. Ermöglicht wurde der Bau durch eine großzügige Spende von Gastronom Martin Bielefeld. Auch für den Inhaber des Restaurants „Zum Platzhirsch“ ist die Anlegestelle zweifellos ein Gewinn: Er kann damit rechnen, dass die Kähne künftig auch für seine Gäste das Fortbewegungsmittel der Wahl werden. Sie können die Einkehr mit einer Partie Minigolf und einem Spaziergang zum Kuhgrabensee verbinden. Die ersten Passagiere werden am heutigen Montag, 4. April, 14 Uhr, am Torfhafen einchecken. Die nächste Gelegenheit für eine Tour zum Platzhirsch ist fahrplanmäßig am Freitag, 29. April, 13 Uhr. Der Fahrpreis für die dreistündige Ausflugsfahrt beträgt 16 Euro.

Der Fahrplan 2016 mit sämtlichen Linien- und Sonderfahrten der Torfkähne Bremen liegt ab sofort an der Hütte am Torfhafen aus oder kann über die Internet-Adresse www.torfkaehne-bremen.de heruntergeladen werden. Nähere Auskünfte über die einzelnen Fahrten und über Preise und Buchungen gibt es beim Torfkähne-Team im Büro an der Neukirchstraße 1, telefonisch unter der Rufnummer 37 87 75 - 86 (montags bis freitags 11 bis 16.30 Uhr) oder per E-Mail an torfkaehne@bras-bremen.de.

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