Erstes Willkommenscafé für Flüchtlinge im evangelischen Gemeindehaus / Familien berichten über ihre Flucht Neuanfang in Lüssum

17 neue Flüchtlingsfamilien aus verschiedenen Ländern sind seit Herbst in Lüssum untergebracht. Jetzt hat das Haus der Zukunft eine Willkommensveranstaltung organisiert. Bei Kaffee und Kuchen stellten sich die Familien im evangelischen Gemeindehaus vor.
10.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christina Denker

17 neue Flüchtlingsfamilien aus verschiedenen Ländern sind seit Herbst in Lüssum untergebracht. Jetzt hat das Haus der Zukunft eine Willkommensveranstaltung organisiert. Bei Kaffee und Kuchen stellten sich die Familien im evangelischen Gemeindehaus vor.

Ihre Bilder konnte Rossaillien „Rose“ Al Chalabi nicht mehr retten. Aber sie hat Fotos von ihnen gemacht. Großformatige Abzüge davon hängen jetzt an den Wänden im Haus der Zukunft: Ein schreiender Mann, ein Paar in stummer Umarmung. Dazwischen eine Kinderzeichnung und Werke, die vor dem Krieg entstanden sind. Die Architekturstudentin Rose Al Chalabi ist vor gut einem halben Jahr aus Syrien geflohen, gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern.

Der Vater ging schon ein paar Monate vorher, um in Europa eine Bleibe für die Familie zu suchen. Jetzt stellte sich die syrische Familie bei einer Willkommensveranstaltung mit Kaffee und Kuchen in Lüssum vor. Genauso wie mehrere andere, die größtenteils aus Serbien oder dem Kosovo kommen. Auch ein junger Familienvater aus Tschetschenien war mit seiner Frau und den Kindern gekommen. Begrüßt wurden sie im Haus der Zukunft, Kaffee getrunken wurde dann im evangelischen Gemeindehaus.

Warum sie nach Deutschland gekommen sind? Sie hoffe, dass ihre Kinder es hier einmal besser haben werden, sagt eine junge Mutter unverblümt. In Serbien sei ein Schulbesuch nicht ohne Weiteres möglich, weil dieser Geld koste. „Und das haben wir nicht“, fügt der Vater hinzu.

So geht es offenbar vielen: Am Nebentisch sitzt ebenfalls eine Familie aus Serbien; vier Frauen mit mehreren Kindern, die durch den Raum wuseln. Worin sich Deutschland am deutlichsten von ihrem Heimatland unterscheide? „Dass es hier so regelmäßig ist“, lässt eine Frau übersetzen. Gemeint sind die Mahlzeiten. Zu Hause habe man selten gewusst, wann es wieder etwas Vernünftiges zu essen gibt. Seit Herbst wohnen 17 Flüchtlingsfamilien mit insgesamt 88 Personen neu in Lüssum, sagt Quartiersmanagerin Heike Binne. Sie sind – quer durch alle Schichten – so unterschiedlich wie ihre Herkunftsländer: Rossaillien aus Syrien, die 22-jährige Architekturstudentin – der zurückhaltende, beinahe schüchtern wirkende Tschetschene oder Frauen aus Serbien, deren Gesichter von einem mühevollen Leben zeugen. Sie alle leben jetzt nur wenige Gehminuten entfernt vom Haus der Zukunft.

Viele halten ein Faltblatt in der Hand: „Deutschkursus für Anfänger“. Das will er unbedingt machen, sagt der Tschetschene. Dann könne man sich beim nächsten Mal besser unterhalten, hofft er. Auch Rossaillien und ihre Familie wollen unbedingt Deutsch lernen. Das sagt auch ihr Vater, Hassan. Ein Architekt, den der Krieg in seinem Heimatland über Ägypten, Libyen, Jordanien und später Italien nach Deutschland geführt hat.

Die Situation in Syrien brennt ihm auf der Seele, Hassan Al Chalabi will reden. „In Damaskus“, erzählt der freundliche Mann auf Englisch, „war ich ein erfolgreicher Architekt. Jetzt fange ich wieder bei null an.“ Es ist ein neues Leben, in dem sich Familie Al Chalabi erst zurechtfinden muss. Rossaillien jedenfalls hofft, ihr Studium bald wieder aufnehmen zu können.

Wie er sich die Zeit hier vertreibt? Er versuche, hier zu helfen, wo es nur gehe, sagt Hassan Al Chalabi, manchmal bis zu 16 Stunden am Tag. Er begleitet Menschen bei Arztbesuchen und übersetzt vom Arabischen ins Englische. Und auch sonst versucht er, sich nützlich zu machen.

„Der Krieg hat alles in meinem Leben verändert“, sagt

Hassan Al Chalabi, der, wie er sagt, sich in der jüngsten Vergangenheit häufiger die Frage nach dem Sinn gestellt hat. Doch trotz seines Schicksals ist er dankbar: „Die Leute haben uns freundlich aufgenommen. Hier gibt es viele gute Menschen.“

Dankbar ist auch eine junge Familie aus Serbien. Insbesondere darüber, dass der schwer behinderte Sohn hier in Deutschland eine medizinische Versorgung erhalte. Dann ist die Familie an der Reihe, sich vorzustellen. Der Familienvater am Nebentisch traut sich nicht und gibt das Mikrofon zurück.

Rossaillien Al Chalabi sitzt am Kaffeetisch und spielt mit ihrer kleinen Schwester. Nein, viel konnte sie nicht mitnehmen, auf der Flucht vor Baschar al-Assad. „Da sterben Menschen, da leiden Menschen, es ist schwer zu erklären“, erzählt sie. Ob sie Heimweh hat? „Natürlich. Syrien ist ein schönes Land“, sagt die junge Frau. Ob sie es je wiedersehen wird, weiß und kann sie indes nicht sagen.

Viele der Flüchtlinge, die in Lüssum eine Bleibe gefunden haben, kommen zur Willkommensveranstaltung in das Haus der Zukunft.

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