Neuausschreibung für Bremen

Gelbe Säcke und Tonnen: Wer den Zuschlag bekommt

Säcke und Sammler: Gegenwärtig wird die Sammlung gelber Säcke und die Leerung gelber Tonnen für die nächsten drei Jahre neu ausgeschrieben. Was bleibt, ist die Wahl zwischen den Sammelbehältnissen.
14.08.2020, 05:00
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Gelbe Säcke und Tonnen: Wer den Zuschlag bekommt
Von Justus Randt
Gelbe Säcke und Tonnen: Wer den Zuschlag bekommt

Die Sammlung gelber Säcke und die Leerung gelber Tonnen sind ab Januar für drei Jahre neu ausgeschrieben.

Frank Thomas Koch

Nach mehr als fünf Monaten und ungezählten E-Mails hat Holger Sagehorn aus Huchting kaum noch Hoffnung, Ersatz für seine beschädigte gelbe Tonne zu bekommen. Jedenfalls nicht von der Rohstoffmanagement GmbH (RMG), die im Auftrag des dualen Systembetreibers Bellandvision sogenannte Leichtverpackungen in Bremen sammelt. Turnusgemäß wird der privatwirtschaftliche Auftrag gegenwärtig für die kommenden drei Jahre neu ausgeschrieben.

Welche Folgen das für Bremerinnen und Bremer hat? Schwer zu sagen. Auch wenn Holger Sagehorn und viele andere Gelbe-Tonne-Geplagte das für schwer nachvollziehbar halten: In den Kreisen der Abfallprofis gelten die Bedingungen, unter denen in Bremen gelbe Säcke eingesammelt und gelbe Tonnen geleert werden, als ausgesprochen gut.

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Die wochenlangen Anfangsschwierigkeiten im Januar 2018 bei der Abfuhr der gelben Säcke sind unvergessen, aber geschenkt: „Man muss bedenken, dass RMG mit Sitz in Eltville am Rhein ganz neu in Bremen war. Daran gemessen, ist das Ergebnis okay gewesen“, sagt Jens Rösler, der im Referat für Grundsatzfragen und Vertragsmanagement des städtischen Unternehmens „Die Bremer Stadtreinigung“ (DBS) arbeitet.

Als Vertragspartner ist er an der sogenannten Abstimmungsvereinbarung beteiligt, dem einzigen Instrument, mit dem der öffentlich-rechtliche Entsorger Einfluss auf die vom Handel bezahlten Systembetreiber und deren Sammelgebaren nehmen kann. „Ich hätte mit mehr Schwierigkeiten gerechnet“, sagt er über die Bremer Premiere von RMG. „Die legen sich schon ins Zeug. Das Problem ist das Callcenter, das weit weg ist und diverse Städte und Landkreise mit unterschiedlichen Regelungen bearbeitet.“

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Die Urversion dieser Vereinbarung ist 30 Jahre alt, sie stammt aus der Zeit, als in einer Verpackungsverordnung festgeschrieben wurde, dass der Handel einen Wertstoffkreislauf in Gang halten muss. Seinerzeit entstand das Duale System Deutschland (DSD) mit dem Grünen Punkt und erhielt den Auftrag, Plastikverpackungen zu recyceln. Das Geschäft boomte. Schon um ein Müllkartell zu verhindern, wurden weitere Gründungen zugelassen.

Die Branche ist schnelllebig. Aktuell dürften bundesweit zehn Systembetreiber das Recycling organisieren. „Zuletzt war das Unternehmen Bellandvision Ausschreibungsführer für die Region Bremen und wurde abgelöst durch Interseroh aus Köln“, sagt Jens Rösler. Wer in den Jahren 2021, 2022 und 2023 in Bremen gelbe Säcke abfahren und gelbe Tonnen leeren werde, stehe voraussichtlich Ende September fest.

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Wie das zu geschehen habe, sei in etwa 200 Einzelregelungen festgelegt, weiß Gerhard Schreve, ehemaliger Leiter der kommunalen Bremer Abfallwirtschaft und Vater der Abstimmungsvereinbarung. Seither hat sich viel geändert in der Welt des Verpackungsmülls. „Inzwischen ist das ein Entsorgungssystem, das keiner mehr versteht, weil es so komplex ist“, sagt er. „Daran verdienen Rechtsanwälte mehr Geld als die Entsorger.“ Seine Nachfolger bei der heutigen Bremer Stadtreinigung schätzen die Errungenschaften der Vereinbarung sehr, und nicht nur im Interesse der Kommune. „Das ist toll für die Bürger“, sagt Jens Rösler.

Auf diese Einschätzung wäre Tim Haga (CDU) nicht spontan gekommen. „Seit einiger Zeit verschwinden bei uns im Stadtteil gelbe Tonnen spurlos, ohne ersetzt zu werden“, sagt der stellvertretende Sprecher des Vahrer Beirats. „Böse Zungen behaupten, RMG seien die Tonnen ausgegangen.“ Noch bösere Zungen verbreiten das Gerücht, die Sammelgefäße würden hier weggeholt, um sie dort auszuteilen. Dem widerspricht das Unternehmen: Es gebe, auch bedingt durch Corona, einen Auslieferungsstau von aktuell rund 500 gelben Tonnen in der Stadt. Tim Haga ist skeptisch: „Es kann nicht sein, dass man auf eine neue Ausschreibung warten muss, da muss eine klare Ansage her. Vom DSD oder von der Senatorin.“

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Jens Rösler kann helfen, das einzuordnen: „Bei der bundesweiten Ausschreibung wird der Bestbietende genommen. Bei dem System geht es nur um Geld.“ Seiner Auffassung nach ist die Logistik von RMG „okay“. Rösler räumt ein: „Wo es hapert, was ein großes Ärgernis in Bremen ist, ist die Tonnenauslieferung, da wird verzögert. Da liegt daran, dass Tonnen Geld kosten.“ Dennoch: „Wir wollen nichts an Mehrleistung, wir sind schon optimal.“

Als Bremer Errungenschaft werde auch für die kommenden drei Jahre in der Abstimmungsvereinbarung zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Entsorger festgeschrieben, dass in Bremen freie Wahl zwischen Sack und Tonne bestehe. Außerdem bleibe es beim 14-Tages-Rhythmus der Sammlung und beim kombinierten Sammelsystem: Man kann gelben Müll abholen lassen oder selbst zu einer Recyclingstation bringen.

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Auch eine Neuerung sei vereinbart worden: Ab 2021 werden auch Unterflurgefäße, unterirdische Sammelbehälter für Leichtverpackungen, vom künftigen Entsorger geleert. Anders als bei Säcken und Tonnen sind dabei Beschaffungsprobleme ausgeschlossen: Hauseigentümer müssen die Fünf-Kubikmeter-Gefäße nach niederländischen Vorbild selbst beschaffen und vergraben.

Die bundesweite Verpackungsverordnung steht aktuell nicht zur Disposition. Der Verband für kommunale Unternehmen, dessen Mitglied die Bremer Stadtreinigung ist, vertritt allerdings die Forderung, dass die Sammlung aller Haushaltsabfälle in die Hand der Kommunen gehört: „So können sie den privaten Haushalten eine Wertstofferfassung aus einer Hand anbieten und anspruchsvolle Recyclingziele erreichen.“

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