Drogenpolitik

Neue Anlaufstelle für Drogenabhängige in Bremen

Bremen lässt die Einrichtung eines sogenannten Druckraums für Drogenabhängige prüfen. Anlass ist das im September beschlossene Sicherheitskonzept für den Hauptbahnhof.
04.03.2019, 19:13
Lesedauer: 3 Min
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Neue Anlaufstelle für Drogenabhängige in Bremen
Von Sabine Doll

Sie werden Druckraum, Fixerstube oder Drogenkonsumraum genannt, 24 solcher Anlaufstellen für drogenabhängige Frauen und Männer gibt es in deutschen Städten. Auch in Bremen wird jetzt die Einrichtung eines Drogenkonsumraums geprüft. Das geht aus einer Vorlage der Gesundheitsbehörde hervor, mit der sich der Senat an diesem Dienstag befasst. Die Fraktion der Grünen hatte Ende Januar eine entsprechende Anfrage gestellt.

Im November vergangenen Jahres hatte die Behörde von Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) das Institut für Public Health und Pflegeforschung an der Universität Bremen mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt, Ende Juni sollen die Ergebnisse vorliegen. Seit Anfang des Jahres recherchieren die Uni-Wissenschaftler, welche Erfahrungen Städte wie Hamburg, Hannover oder Berlin mit Einrichtung und Betrieb von Drogenkonsumräumen gemacht haben. „Seit Mitte der Neunzigerjahre gibt es Drogenkonsumräume mit ganz unterschiedlichen Konzepten“, erklärt Uni-Professor Henning Schmidt-Semisch. „Sie richten sich an Schwerstabhängige, die ihre selbstbeschafften Drogen in den Räumen unter hygienischen Bedingungen konsumieren können. Außerdem erhofft man sich durch die Einrichtung von Druckräumen, mehr Betroffene für Angebote der Drogenhilfe erreichen zu können.“

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Bei den Trägern kommt die Studie gut an: „Aus fachlicher Sicht ist ein Druckraum in einer Stadt wie Bremen nicht wegzudenken“, sagt Wolfgang Adlhoch von der Comeback GmbH. In die Anlaufstelle der ambulanten Drogenhilfe in der Nähe des Hauptbahnhofs kämen täglich rund 100 Menschen, um sich zu unterschiedlichen Themen Rat zu holen oder anonym Spritzen zu tauschen. „Im Vordergrund steht dabei eine Drogenproblematik mit intravenösem Konsum. Für diese Gruppe wäre ein solcher Raum absolut angebracht – aus Gründen der Hygiene, der Gesundheitsprophylaxe und um den Drogenkonsum im öffentlichen Raum einzudämmen“, so Adlhoch.

Anlass für die Machbarkeitsstudie war laut Vorlage der Senatsbeschluss zum „Sicherheitsprogramm Bremer Hauptbahnhof“ im September 2018. Neben der Gesundheitsbehörde sind außerdem das Innen- sowie das Justizressort beteiligt. Rechtliche Grundlage für die Einrichtung von Drogenkonsumräumen ist der Paragraf 10a des Betäubungsmittelgesetzes. Danach kann die Landesbehörde über eine Rechtsverordnung eine behördliche Erlaubnis erteilen.

Ob und in welcher Form ein Drogenkonsumraum in Bremen vorstellbar wäre, macht die Behörde neben den inhaltlichen Anforderungen an ein Konzept auch von der Finanzierung abhängig. In der Senatsvorlage wird Berlin als Beispiel genannt: Für den Betrieb eines Drogenkonsumraums mit mindestens zwei besonders qualifizierten Mitarbeitern und einer Öffnungszeit von acht Stunden an jedem Wochentag liegen die Kosten danach bei 750 000 Euro pro Jahr. In der Bundeshauptstadt gibt es laut Vorlage zwei feste Räume, dazu zwei Drogenkonsummobile. Die Investitionskosten für ein mobiles Angebot belaufen sich danach auf rund 180 000 Euro im Jahr.

Die Kosten seien auch davon abhängig, welche weiteren Angebote ein Drogenkonsumraum vorhalten soll: So gebe es sogenannte nackte Einrichtungen ohne sonstige soziale und medizinische Hilfen. Bei diesen Konzepten werde ausschließlich die Möglichkeit zum Drogenkonsum geboten. Bei einem integrierten Konzept wie in Berlin sei der Konsumraum an Angebote der Drogenberatung mit sozialen und medizinischen Hilfen angedockt. Sollte sich Bremen für einen Drogenkonsumraum entscheiden, müsse für die Umsetzung mit mindestens einem Jahr gerechnet werden, heißt es in der Vorlage.

Als Standort hält der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Nima Pirooznia, das Bahnhofsumfeld für den optimalen Standort: „Dort gibt es bereits Angebote der ambulanten Drogenhilfe, alles andere macht kein Sinn.“ Der Bürgerschaftsabgeordnete hält die Einrichtung für längst überfällig. „Es handelt sich um Menschen mit einer schweren Erkrankung, die man wegen eines Sicherheitskonzepts nicht verdrängen kann. Das würde außerdem nicht funktionieren und widerspricht moderner Drogenpolitik.“ Unterstützung bekommt das Anliegen der Grünen-Fraktion von der linken Fachpolitikerin Cornelia Barth. Die Landessprecherin der Partei ist seit den Neunzigerjahren als Sozialarbeiterin tätig: „Durch einen Druckraum mit angeschlossener Beratungsstelle hätte man ganz andere Einwirkungsmöglichkeiten auf die betroffenen Konsumenten.“ Aus diesem Grund sei die Einrichtung eines Drogenkonsumraums in fußläufiger Nähe zu Angeboten rund um den Hauptbahnhof sinnvoll.

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