Prozess gegen Bremer Pflegehelfer

Neue Details: Überdosis wäre tödlich gewesen

Im Prozess gegen den Bremer Pflegehelfer, der Altenheimbewohnerinnen mit Insulin vergiftet haben soll, sind neue medizinische Details ans Licht gekommen.
18.12.2019, 18:16
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Neue Details: Überdosis wäre tödlich gewesen
Von Carolin Henkenberens
Neue Details: Überdosis wäre tödlich gewesen

Bis zu zehn Jahre Haft drohen dem Bremer Pflegehelfer im Falle einer Verurteilung.

Oliver Berg

Er bewegt seine Knie auseinander – und zusammen. Auseinander – und zusammen. Manchmal bleiben die Beine auch kurz still. Dann schaut der Angeklagte auf, zum Vorsitzenden Richter oder zu der Zeugin oder dem Zeugen. Danach wippt er weiter. Zum vierten Mal sind am Mittwoch die Beteiligten im Prozess gegen den Bremer Pflegehelfer, der zwei älteren Frauen ohne medizinische Notwendigkeit Insulin gespritzt haben soll, zusammen gekommen. Die Zeugen ändern sich, doch der Angeklagte gibt immer ein ähnliches Bild ab. Die Hände hat er oft auf den Oberschenkeln abgelegt.

Er trägt meist einen Kapuzenpullover und Sneakers. Seine Beine bewegen sich fast durchgehend. So auch dieses Mal. Eine Ärztin ist geladen. Die Internistin hat für das Gericht als Sachverständige ein Gutachten erstellt, das den Richtern bei der Beurteilung helfen soll, ob der Angeklagte wirklich Insulin gespritzt hat und falls ja, wie viel. Dafür wurde eine Blutprobe von einer der beiden Frauen, einer 75 Jahre alten Dame, zur Untersuchung in ein Labor der Sporthochschule Köln geschickt. Die Experten dort seien auf Insulin-Analysen spezialisiert, erklärte die Sachverständige.

Lesen Sie auch

„Das Untersuchungsergebnis zeigte, dass da Insulin glargin gefunden werden konnte“, sagte die Ärztin. Dieses Insulin sei ein Inhaltsstoff eines unter dem Namen „Lantus“ vertriebenen Langzeitinsulins. Damit fügt sich das Bild: Schon zuvor hatte ein anderer Zeuge, ein Pfleger des Altenheims in Bremen-Mitte, in dem Verfahren ausgesagt, dass genau dieses Langzeitinsulin plötzlich gefehlt habe. In dem Blut der 75-Jährigen konnte ein „exorbitant hoher Wert“ an Insulin glargin nachgewiesen werden, sagte die Sachverständige weiter.

Abgenommen wurde es ihr am 30. März, also dem Tag, an dem sie ins Krankenhaus kam. Über zehn Nanogramm pro Milliliter wiesen die Blutanalysen nach. Wie viel genau, wurde nicht geklärt, weil der Wert schon „außerhalb des Kalibrationsbereichs“ gelegen habe, berichtete die Sachverständige. Zum Vergleich: Das Medikament sei mit gerade einmal zwei Nanogramm pro Milliliter zugelassen. Damit habe die Diagnose festgestanden, dass jemand Insulin glargin in einer Überdosis bekommen habe.

Die hohe Dosis habe auch bewirkt, dass bei der Frau drei Tage lang äußerst niedrige Blutzuckerwerte von 20 bis 30 gemessen worden seien, sagte die Sachverständige. Im Krankenhaus Sankt-Joseph-Stift habe die 75-Jährige in den folgenden Tagen 600 Milliliter Glucose erhalten, sagte die Sachverständige als Zeugin. „Das ist schon ziemlich viel.“ Erst danach habe sich ihr Zustand gebessert. Hätte sie ohne diese intensive medizinische Versorgung überlebt? „Nein“, sagte die Expertin klar. Ein Blutzuckerwert von weniger als 50 sei für gesunde Menschen selbst mit einer Diät nicht zu erreichen.

Lesen Sie auch

Bekannt wurde am Mittwoch auch, dass dem Pflegehelfer vorgeworfen wird, der alten Dame am Morgen des 30. März zwei Mal Insulin verabreicht zu haben. Nach der ersten Insulingabe habe er den Raum verlassen, als er kurz darauf zurückgekehrt sei und keine Wirkung festgestellt habe, soll er der Frau noch eine weitere Dosis Insulin in die Bauchdecke gespritzt haben.

Der Krankenwagen wurde den Akten des Rettungsdienstes zufolge um 9.45 Uhr alarmiert. Die Frage, wann genau das Insulin gespritzt worden ist, lässt sich der Sachverständigen zufolge nicht eindeutig rekonstruieren. Es muss aber eine bis zwei Stunden zuvor passiert sein, da es sich um ein Langzeitinsulin gehandelt hat. Das wirkt nicht sofort nach dem Spritzen, sondern erst einige Stunden später. Das sei aber bei jedem Menschen unterschiedlich.

In einer polizeilichen Vernehmung hatte der 39-jährige Pflegehelfer gestanden, der 75 Jahre alten Frau am 30. März dieses Jahres Insulin gespritzt zu haben. Vor Gericht äußerte er sich bisher nicht zu dem Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung in zwei Fällen. Die Ermittler prüfen derzeit noch drei weitere Fälle, die der Angeklagte begangen haben könnte. Bei einer Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+