Gutachten zur Prozessunfähigkeit Neue Diskussion über Kevins Fallmanager

Bremen. Das Verfahren gegen Kevins früheren Amtsvormund Bert K. ist gestern gegen Zahlung von 5000 Euro eingestellt worden. Ursprünglich war auch der Ex-Fallmanager des Kindes, Günther J., mit angeklagt. Er galt im Vorfeld jedoch noch als prozessunfähig.
26.08.2010, 05:50
Lesedauer: 3 Min
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Von Rose Gerdts-Schiffler

Bremen. Das Verfahren gegen Kevins früheren Amtsvormund Bert K. ist gestern, wie erwartet, gegen Zahlung eines Geldbetrages in Höhe von 5000 Euro eingestellt worden. 'Sie saßen hier stellvertretend für einen großen Kreis von Verantwortlichen', gab die Kammervorsitzende dem 67-Jährigen mit auf den Weg. Ursprünglich war auch der Ex-Fallmanager des Kindes, Günther J., mit angeklagt. Er galt im Vorfeld jedoch als prozessunfähig. Nach Informationen unserer Zeitung wurde Günther J. Anfang der Woche von einem Amtsarzt als 'voll arbeitsfähig' beurteilt.

Die rechtlichen Konsequenzen aus dem brisanten, amtsärztlichen Gutachten sind für den Ex-Fallmanager noch völlig unklar. Petra Kodré, Sprecherin der Sozialbehörde, wollte sich gestern mit Verweis auf den Datenschutz nicht zu dem Fall äußern. Nach Informationen unserer Zeitung wird jedoch innerhalb der Behörde diskutiert, ob der Gutachter alle Informationen erhalten habe. Der 58-jährige Günther J. gilt als zentrale Figur in dem Drama um den im Sommer 2006 unter staatlicher Obhut gewaltsam ums Leben gekommenen zweijährigen Kevin. Bis auf eine Vernehmung bei der Polizei hatte sich Kevins Fallmanager nie für sein Fehlverhalten offiziell rechtfertigen müssen. Eine ärztliche Bescheinigung ersparte ihm eine Aussage vor dem Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft.

Mehrere ärztliche Stellungnahmen und ein Sachverständigengutachten bewerteten ihn später als 'prozessunfähig', sodass der 67-jährige Amtsvormund Bert K. allein auf der Anklagebank im Landgericht Platz nehmen musste. Günther J., der seit den Vorwürfen gegen ihn von der Sozialbehörde freigestellt wurde, wollte aber zurück an seinen Arbeitsplatz. Die Behördenspitze wiederum, so heißt es, wolle ihn am liebsten in Rente schicken. Aus diesem Konflikt heraus war das aktuelle amtsärztliche Gutachten in Auftrag gegeben worden.

Der inzwischen pensionierte Amtsvormund Bert K. zeigte sich gestern erleichtert über den Prozessausgang. 'Ich hätte es nicht länger ertragen können.' Sein Anwalt Eckart Behm hatte ursprünglich einen Freispruch erwirken wollen. Aber: 'Mein Mandant kann nicht mehr.' Nach Zahlung von 5000 Euro an den Kinderschutzbund wird das Verfahren endgültig eingestellt.

Sowohl die Staatsanwältin als auch die Vorsitzende Richterin Barbara Lätzel betonten, dass gegen Bert K. zum jetzigen Zeitpunkt der Beweisaufnahme ein 'hinreichender Tatverdacht wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassung' bestehe. Beide Seiten arbeiteten noch einmal heraus, an welchen Punkten der Amtsvormund hätte intervenieren müssen. So habe er von der Drogensucht des Ziehvaters gewusst und sei von einer Familienrichterin gewarnt worden, dass dem Methadonarzt des Ziehvaters nicht zu trauen sei, wenn dieser attestiere, dass der Ziehvater keine weiteren Drogen zu sich nehme.

Verteidiger Eckart Behm hielt dagegen, dass dem Amtsvormund vom Fallmanager viele Informationen vorenthalten wurden. Zugleich habe der Fallmanager die zu dem Zeitpunkt bereits verstorbene Mutter von Kevin stets als das 'eigentliche schwierige Elternteil' dargestellt. Die Vorsitzende Richterin als auch die Staatsanwältin würdigten die intensive Auseinandersetzung des Amtsvormundes mit seiner persönlichen Verantwortung. 'Die tiefe Betroffenheit über den Tod ihres Mündels ist im Gerichtsverfahren zu spüren gewesen.'

Bert K., der die Amtsvormunschaft für Kevin ein halbes Jahr vor dessen Tod übernommen habe, sei dem Gericht zudem von allen Seiten als engagiert und zuverlässig beschrieben worden. Jedoch habe er zum Zeitpunkt von Kevins Amtsvormundschaft rund 260 andere Mündel zu betreuen gehabt. In Urlaubszeiten sei er für bis zu 500 Kinder und Jugendliche verantwortlich gewesen. Aus diesen Gründen, so die Staatsanwältin, sei eine Einstellung vertretbar.

Ein Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums, der laut 'Mainzer Allgemeine Zeitung' gestern auf den Weg gebracht wurde, sieht vor, die Zahl der Mündel pro Amtsvormund auf 50 zu begrenzen. Die Bundesjustizministerin hatte bereits Anfang des Jahres angekündigt, den Kinderschutz in Vormundschaftsfällen zu verbessern und die gesetzlichen Vorgaben für Jugendämter zu verschärfen.

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