Sanierung der Liebfrauenkirche in Bremen Neue Steine für den Nordturm

Mit Hilfe eines 36 Meter hohen Gerüsts bearbeiten Handwerker die Fassade der Kirche Unser Lieben Frauen. Bis vor einigen Wochen sind die meisten der Arbeiter noch am Kölner Dom tätig gewesen.
25.03.2015, 18:15
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Neue Steine für den Nordturm
Von Nikolai Fritzsche

Es ist nicht zu übersehen: Am Nordturm der Kirche Unser Lieben Frauen wird gewerkelt. Weiße Abdeckplane verhüllt die Sandsteinmauern des knapp 70 Meter hohen Turms. Mit Hilfe eines 36 Meter hohen Gerüsts bearbeiten Handwerker die Fassade, die ab dem Jahr 1220 errichtet wurde.

Bis vor einigen Wochen waren die meisten der Arbeiter noch am Kölner Dom tätig. Einer war gar an der Sanierung der Grabeskirche in Jerusalem beteiligt. Nun sind sie damit beschäftigt, mit Elektrohämmern Mörtel aus den Fugen zwischen den Sandsteinen zu stemmen. „In den vergangenen Jahrzehnten wurde bei Sanierungen oft Zementmörtel benutzt“, erklärt Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki. Dieser sei für Sandsteinmauern jedoch nicht geeignet, weil er kaum Feuchtigkeit durchlasse.

Regenwasser, das ins Gemäuer eindringt, sammle sich deshalb oberhalb der Fugen und lagere sich dort ab. Manche Steine sind davon so porös geworden, dass man sie an diesen Stellen mühelos mit dem Finger abkratzen kann.

Damit die aktuelle Sanierung einige Jahrzehnte lang hält, kommt für die Fugen nun Mörtel auf Kalkbasis zum Einsatz, der nach einer alten Rezeptur hergestellt wird. Dieser soll ähnlich durchlässig für Feuchtigkeit sein wie der Stein.

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Für einige Steine in der Fassade des Turms kommt die Rettung zu spät. Manche haben unter dem falschen Mörtel gelitten. Andere sind durch eiserne Haken gesprengt worden, die vor Jahrzehnten zur Stabilisierung ins Gestein getrieben wurden: Metall dehnt sich beim Rosten aus, die Haken und Klammern spalten den Stein, den sie halten sollen.

„Ein gesprengter Stein stellt eine Gefahr da“, erklärt Thilo Wichmann. Er ist Bauleiter der Evangelischen Kirche Bremen und muss nicht nur an die Erhaltung des Gotteshauses denken, sondern auch an die Sicherheit derjenigen, die an diesem vorbeilaufen. Zum Beispiel auf dem Blumenmarkt.

Zu Wichmanns Aufgaben gehört es auch, Ersatzteile zu beschaffen. Das war im Fall der Liebfrauenkirche schwierig, denn es sollen nicht irgendwelche Sandsteine verbaut werden, sondern die Originalsorte: Portasandstein. „Dessen Maserung und Braunfärbung sind europaweit einzigartig“, sagt Wichmann.

Portasandstein wird seit dem Krieg nicht mehr abgebaut. Doch Wichmann hatte Glück: In Petershagen, in der Nähe der nordrhein-westfälischen Stadt Porta Westfalica, lagerte in einem Wald tonnenweise Portasandstein. Wichmann vermutet, dass dieser von einer abgerissenen Eisenbahnbrücke stammt.

Nun lagern Steine verschiedenster Form und Größe auf Paletten am Fuß des Nordturms der Liebfrauenkirche. Immer, wenn in der Fassade ein beschädigter Stein entdeckt wird, holt der Steinmetz einen Brocken von unten und bearbeitet ihn auf dem Gerüst, bis er genau in die Lücke passt, die der verwitterte Stein hinterlässt. Wichmann vermutet, dass bei der Sanierung des Turms insgesamt fünf bis sechs Tonnen Stein verbaut werden.

Damit die spätgotischen Fenster der Kirche nicht beschädigt werden, sind sie mit Pappe verdeckt. Nicht geschützt ist hingegen das Ziffernblatt der Turmuhr, denn es soll ebenfalls aufpoliert werden. Die Zeiger und die Striche des Ziffernblatts bekommen einen neuen Überzug aus Blattgold.

Solche Schönheitsreparaturen sind laut Skalecki die einzigen Bestandteile der Sanierung, die sich richtig planen lassen. Bei allem anderen gelte: „Wir wissen zwar im Prinzip, wie wir vorgehen wollen. Aber bei so einer Restaurierung muss man Zentimeter für Zentimeter neu entscheiden.“

Jeder Stein werde einzeln untersucht, jede bei früheren Sanierungen angebrachte Klammer geprüft. Diese Klammern, teils mehrere Meter lang, sollen die Südfassade des Turms stabilisieren Aber: „Sie bestehen aus Kupfer und Bronze, relativ weichen Metallen“, erklärt Gerhard Buchenau. „Wir müssen schauen, ob die noch wirksam sind.“ Buchenau ist ein Mitarbeiter der Firma Claus Ellenberger Bau GmbH, die mit der Sanierung betraut ist. Ihr Sitz befindet sich im osthessischen Herleshausen. Für die Mitarbeiter ist die Liebfrauenkirche eine alte Bekannte: Im vergangenen Jahr sanierten sie bereits den kleineren Südturm aus dem elften Jahrhundert.

800.000 Euro wurden dafür investiert. Die gleiche Summe veranschlagt die Evangelische Kirche Bremen für die laufenden Arbeiten am Nordturm. 2016 soll die Südseite drankommen, auf die die Stadtmusikanten blicken. Für 2017 ist der letzte Bau-Abschnitt geplant: die Sanierung der Nordseite, die zur Baustelle der Bremer Landesbank zeigt. Die Bremische Evangelische Kirche rechnet mit Gesamtkosten in Höhe von drei Millionen Euro.

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