Exoten bewohnen Bürgerpark Neue Tierarten in Bremen

Bremen. Durch die weltumspannenden Warenströme der Globalisierung und den Klimawandel gelangen neue Tier- und Pflanzenarten nach Deutschland. Auch in Bremen tummeln sich einige neuen Arten.
06.06.2013, 05:00
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Neue Tierarten in Bremen
Von Sara Sundermann

Bremen. Sie wandern in Verpackungen von Natursteinen aus China ein, reisen als blinde Passagiere in alten Reifen mit oder im Ballastwasser der Frachtschiffe. Durch die weltumspannenden Warenströme der Globalisierung und den Klimawandel gelangen neue Tier- und Pflanzenarten nach Deutschland. Auch in Bremen tummeln sich einige neuen Arten – womöglich gibt es sogar Waschbären im Bürgerpark.

Die Eschen im Bürgerpark sind krank: An den dicken Zweigen weiter unten grünt es noch, doch die Spitzen liegen blank. Verursacher ist das Falsche Weiße Stengelbecherchen, ein Pilz, der erst 2010 als eigene Art beschrieben wurde. Er sieht seinem einheimischen, harmloseren Verwandten, dem Weißen Stengelbecherchen, zum Verwechseln ähnlich und hat sich vermutlich über Polen nach Deutschland ausgebreitet. Der exotische Schlauchpilz setzt auch Bremer Eschen zu. "Bei uns im Park sind sehr viele Bäume befallen, es ist erschreckend", sagt Bürgerparkdirektor Tim Großmann. Das Sterben sei so extrem, dass man davon absehe, neue Eschen nachzupflanzen.

Als eine Folge der Globalisierung werden immer mehr Tier- und Pflanzenarten weltweit verschleppt, meldet das Bundesamt für Naturschutz. "Nach unseren Erkenntnissen haben sich bis heute in Deutschland über 800 gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten in der freien Natur etablieren können," sagt Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). Doch nur wenige davon, die sogenannten invasiven Arten, schädigen die Ökosysteme vor Ort. Das BfN listet aktuell 15 Tier- und Pflanzenarten auf, die in Deutschland Schaden anrichten könnten und warnt vor Glattem Krallenfrosch, Flutendem Heusenkraut und Folterpflanze.

Manche allerdings sind schon da: Als invasiver Einwanderer kam die Miniermotte vor zehn Jahren vom Balkan nach Nordeuropa. Sie nistet sich in den Blättern der Rosskastanie ein. Das lässt sich auch im Bremer Bürgerpark beobachten. Die Miniermotte hat hier keine natürliche Feinde. Es wurden aber wiederholt Blau- und Kohlmeisen beobachtet, die in größeren Trupps Blatt für Blatt absuchen. "Um die Bäume zu schützen, hängen wir gezielt mehr Nistkästen für Meisen auf", sagt Großmann.

Als einer der gefährlichsten Neuzugänge unter den Insekten gelten die Raupen des Eichenprozessionsspinners, die in Niedersachsen bereits mit Hubschraubern bekämpft werden. Bislang sind die Raupen, deren Haare Hautreizungen und sogar einen allergischen Schock auslösen können, noch nicht in Bremen unterwegs. Doch der Bürgerparkdirektor ist besorgt: "In Hamburg-Harburg wurde er schon gesichtet – es ist eine Frage der Zeit, bis der Eichenprozessionsspinner auch hier auftaucht", sagt Großmann. "Es ist eine echte Gewissensfrage, was wir dann tun sollen." Muss man dann Teile des Parks sperren? Oder sollte man auch hier Insektizide versprühen? "Das Gift würde nicht nur die gefährlichen Raupen töten, sondern systematisch auch andere Insekten – wir würden den Vögeln die Nahrungsquelle nehmen", sagt Großmann. Der Gifteinsatz wäre ein Eingriff in das Ökosystem des Parks.

Den Umgang mit neuen Arten betrachtet Großmann auch als politisches Problem: "In der EU gibt es einen sträflichen Umgang mit diesem Thema", sagt Großmann. Er fordert, Container müssten in den Häfen systematisch begast werden, um die Arten-Wanderung zu vermeiden.

"Flora und Fauna sind im Wandel", sagt die Landschaftsökologin Heidrun Nolte vom Bremer Naturschutzbund (Nabu). "Es gibt nicht unseren Marienkäfer oder unseren Storch." Insgesamt seien etwa 1100 gebietsfremde Tierarten in Deutschland bekannt. Die Allergie-Pflanze Ambrosia, deren Samen sich durch Vogelfutter verbreiten, sei überall in Bremen zu finden. Auch der riesige Ochsenfrosch aus Nordamerika sei weit verbreitet – vermutlich auch in den Wümme-Wiesen. "Er hat einen Riesenhunger und keine Feinde, er frisst von Amphibien bis zu kleinen Vögeln alles", sagt Nolte. In den 80er-Jahren wurde er in Gartenbaumärkten angeboten – er büchste aus und vermehrte sich. Wandernde Arten gab es schon immer: Heinrich Kuhbier vom Naturwissenschaftlichen Verein berichtet von der russischen Wolga-Ranke, die sich auf Norderney ausbreitet und vom Riesenbärenklau, der überall in Bremen wuchert.

Unterdessen bleibt ungewiss, ob es Waschbären im Bürgerpark gibt: "Gut möglich, dass sie schon da sind, denn wenn wir sie sehen würden, gäbe es schon sehr viele", sagt Großmann. "Waschbären hinterlassen kaum Spuren." Die aus Amerika stammenden Allesfresser wurden in den 20er-Jahren durch Pelztierzüchter eingeführt und ausgewildert. In Hessen und Nordrhein-Westfalen sind sie bereits weit verbreitet. "Waschbären sind anpassungsfähige Opportunisten", sagt Heidrun Nolte. "Sie stellen kaum Ansprüche und brauchen im Prinzip nur eine Baumhöhle."

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