Vahr 2035

Neue Vahr im Wandel

Die Großsiedlung Neue Vahr soll fit für Zukunft werden. Erste Maßnahmen, um die Lebensqualität im Quartier zu verbessern, sind bereits angekündigt.
30.01.2019, 16:57
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Neue Vahr im Wandel
Von Christian Hasemann
Neue Vahr im Wandel

Jürgen Tietz (von links), Karin Mathes, Dirk Christiansen, Susanne Kirchmann, Peter Stubbe, Iris Reuther und Oliver Platz warfen einen Blick in die Zukunft der Neuen Vahr.

PETRA STUBBE

Ein Ortsteil unter der Lupe – das ist in den vergangenen zwei Jahren die Neue Vahr gewesen. In dem Fall war die Lupe der genaue Blick der Experten, die im Auftrag des Wohnungsbauunternehmens Gewoba die Großsiedlung Neue Vahr auf ihre Potenziale und Entwicklungschancen untersucht haben. Die Ideen und Vorhaben summieren sich unter der Überschrift „Vahr 2035“. In einer Podiumsdiskussion im Foyer der Schule an der Kurt-Schumacher-Allee stand dieser Prozess im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dabei wurden auch erste Maßnahmen angekündigt.

Welcher Bedeutung der Neuen Vahr in der Stadt, aber auch überregional und international beigemessen wird, ließ sich an der illustren Diskussionsrunde und mit einem Blick in das Publikum ablesen. Auf der Bühne diskutierten Senatsbaudirektorin Iris Reuther unter anderem mit dem Berliner Architekturkritiker und Publizisten Jürgen Tietz, der auch die Veranstaltung moderierte, Peter Stubbe, Vorstandsvorsitzender der Gewoba, und Susanne Kirchmann, Geschäftsführerin bei Immobilien Bremen. Im Publikum saßen neben Vertretern des Beirates auch einzelne Bürgerschaftsabgeordnete und der baupolitische Sprecher der Grünen, Robert Bücking.

„Ganz neue Lösungen“

Um zu verstehen, warum die Expertenbüros, die sich der Neuen Vahr annahmen und allesamt nicht aus Bremen stammen, der Großsiedlung eine so große Bedeutung beimessen, muss ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte große Wohnungsnot. „Acht Millionen Wohnungen haben in Nachkriegsdeutschland gefehlt“, verdeutlichte Jürgen Tietz die immensen Herausforderungen, vor denen die damaligen Stadtplaner standen. Die Lösung: Großsiedlungen auf dem Acker. Den Anfang machte die Gartenstadt Vahr, sie war quasi die Blaupause für die Neue Vahr, die ein paar Jahre später geplant und gebaut wurde. „Es brauchte ganz neue Lösungen“, so Jürgen Tietz. Ein „Quantensprung“ sei die Neue Vahr in ihrer damaligen Zeit gewesen. „Küche, Bad, Wohnraum, ein innovatives Heizkraftwerk und ein eigenes Farbkonzept.“ So etwas habe es zuvor noch nicht gegeben. In nur fünf Jahren wurden knapp 11 000 Wohnungen aus dem Boden gestampft. Das Neue: ein großzügiges Wege- und Straßennetz und weiträumige Grün- und Wasserflächen, eine organische Anordnung der einzelnen Bauriegel.

An dem Landschaftsarchitekten Dirk Christiansen war es, die wichtigsten Erkenntnisse und Ergebnisse aus den vergangenen Jahren zusammenzufassen. „Wir haben in dialogischen Prozessen drei Punkte herausgearbeitet: die mobile Stadt, die Stadt für alle und die blau-grüne Stadt.“

Verbinden oder trennen Straßen?

Mit dem Punkt der „mobilen Stadt“ verknüpfen sich viele Ideen, wie die Fortbewegung der Zukunft aussehen könnte. Denn neue Mobilitätsformen sind notwendig, damit einige der Ideen überhaupt umgesetzt werden können. Beispiel Straßenzüge: „Die Frage ist, ob Straßen Wohngebiete verbinden oder nicht viel eher trennen. Wir sehen sehr große Chancen, die Straßen wieder zu verbindenden Elementen zu machen“, sagte Dirk Christiansen. Gemeint ist damit unter anderem Straßenflächen zu verkleinern und dadurch mehr Fläche für neue Nutzungsmöglichkeiten zu bekommen. Wenn aber weniger Autos fahren sollen, dann müssen andere Formen des Verkehrs her. Hier bringen die Stadtplaner sogenannte Mobilitätsstationen ins Spiel. „Man muss Strategien entwickeln, um Alternativen anzubieten“, so Dirk Christiansen. „Mobility Hubs“ seien ein Versprechen. „Deswegen vertreten wir den Ansatz, diese Punkte exemplarisch auszuprobieren.“ In diesen Mobilitätsstationen könnten künftig öffentlicher Nahverkehr, (Leih-)Fahrräder und Car-Sharing an einem Punkt zusammenlaufen. Aber die Gedanken gehen noch weiter: An den Punkten könnten auch Paketstationen und kleine Versorgungszentren entstehen.

Aus dem Publikum kam die Frage nach einem barrierefreien Umbau der Bestandswohnungen. „Es ist schön zu hören, dass die Wege verkürzt werden sollen. Aber die erste Verkürzung wäre, von unten nach oben zu kommen.“ Eine einfache Lösung für den nachträglichen Einbau von Fahrstühlen wird es allerdings nicht geben. „Das lässt sich im Bestand nicht immer umsetzen“, so Peter Stubbe. Gerade bei Gebäuden mit einem Hochparterre sei der Einbau eines Fahrstuhls schwierig bis unmöglich.

Ausschreibung für „Blau-Grün“

Peter Stubbe machte deutlich, dass es nicht um grundlegende Veränderungen in der Neuen Vahr gehe. „Vieles wird als eine Art Bebauungsplan verstanden. Aber wir werden nicht an einer Seite anfangen und alles auf links drehen.“ Stattdessen: „Wir werden schauen, was sich umsetzen lässt in Zusammenarbeit mit den Bewohnern.“ Er machte aber auch deutlich, dass der Prozess schon angefangen hat. „Für Blau-Grün gibt es schon eine Ausschreibung, sodass wir damit in einem Wohnfeld anfangen können.“ Mit Blau-Grün sind die Wasser- und Grünflächen gemeint, die insgesamt aufgewertet und „erlebbar“ gemacht werden sollen.

Damit dürfte der Vorstandsvorsitzende einen Nerv bei vielen Bewohnern der Neuen Vahr, aber auch bei Ortsamtsleiterin Karin Mathes getroffen haben, die zuvor meinte: „Die Vahr ist im Moment eher ein blau-brauner Stadtteil, weil das Regenwasser noch ungefiltert in die Fleete fließt. Mein großer Wunsch ist, den ersten Schritt weiterzukommen und den Vahrer See zu entschlammen.“ Mit solchen eher kleinen Maßnahmen könnte die Aufenthaltsqualität für die Bewohner erhöht werden.

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