Bremer Bürgerschaftswahl

Neue Wahlzettel in leichter Sprache

Bremen will Menschen mit schwachen Lesekenntnissen die Teilnahme an der Bürgerschaftswahl am 10. Mai erleichtern. Deshalb gibt es erstmals Wahlunterlagen in leichter Sprache und mit Zeichnungen.
26.03.2015, 15:52
Lesedauer: 3 Min
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Neue Wahlzettel in leichter Sprache
Von Ralf Michel
Neue Wahlzettel in leichter Sprache

Der Stimmzettel zur Bürgerschaftswahl ist dieses Jahr in leichter Sprache verfasst.

Binkle

„Gehen Sie zur Wahl und lassen Sie Ihr persönliches Wahlrecht nicht ungenutzt.“ Natürlich kann man den Appell an die Bürger so formulieren, wie es die Stadt beim Verschicken der Musterstimmzettel zur Bürgerschaftswahl 2011 tat.

Es geht aber auch viel einfacher: „Gehen Sie zur Wahl. So können Sie mitbestimmen“, heißt es diesmal. Kurze, klare, einfache Sätze – so lautet die Vorgabe beim Verschicken der Unterlagen zur Wahl am 10. Mai an alle Bremer Haushalte. „Leichte Sprache“, nennen das Landeswahlleiter Jürgen Wayand und Innensenator Ulrich Mäurer (SPD). Damit sollen auch die Wähler erreicht werden, die Probleme mit dem Lesen und Verstehen von Texten haben.

>> Kommentar zur leichten Sprache

Bei der Wahl zur Bremischen Bürgerschaft vor vier Jahren gab es insgesamt 9139 ungültige Stimmen. Bei einer Wahlbeteiligung von 55,5 Prozent waren dies 3,3 Prozent der abgegebenen Stimmzettel. Ob die Wahlzettel bewusst falsch ausgefüllt wurden oder aus Unwissenheit, kann Jürgen Wayand nicht sagen. Aber daran arbeiten, dass es diesmal weniger werden, das wollen er und der Innensenator. Ab dem heutigen Freitag werden an alle Bremer Haushalte Musterstimmzettel nebst Erklärungen zur Wahl am 10. Mai 2015 verschickt. Die Unterlagen folgen den Mustern vergangener Wahlen, sind aber erstmals komplett in leichter Sprache verfasst. Hinzu kommen optische Elemente, wie das farbige Logo jeder politischen Partei am Kopf jeder Seite mit Kandidatenliste.

Die einfachen Sätze und die zahlreichen Worttrennungen – Stimm-Zettel statt Stimmzettel, Wahl-Lokal statt Wahllokal – seien für manchen Bürger eventuell eine Zumutung, sagt Mäurer und erwartet durchaus Kritik. „Die werden sagen, dass sie so etwas nicht brauchen. Aber diese Unterlagen sind für alle gedacht, auch für funktionale Analphabeten, also Menschen, die zwar lesen können, aber lange verschachtelte Sätze nicht verstehen.“

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Und davon gebe es viel mehr als man denke, sagt Elisabeth Otto vom Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe, das für die Übersetzung der Texte verantwortlich zeichnet. 40 Prozent der Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland würden sich bei den Lese- und Rechtschreibkompetenzen auf Grundschulniveau bewegen. Eine Größenordnung, die den Landeswahlleiter überrascht. Er sei von 10 000 bis 20 000 Menschen in Bremen ausgegangen, die diese Art Probleme hätten, sagt Jürgen Wayand. „Aber lassen wir die Statistik mal beiseite. Festzuhalten bleibt: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung hat Schwierigkeiten.“

Die Komplexität der deutschen Sprache überfordere diese Menschen, erklärt Elisabet Otto. Deshalb müssten Texte entsprechend heruntergebrochen werden: Leichte Sprache, einfache Grammatik, verständliche Inhalte, das Ganze nach Möglichkeit mit Abbildungen verbunden. Nur so seien auch diese Menschen zu erreichen, nur so könnten auch sie ihr Grundrecht auf Wählen wahrnehmen. Der Weg, den Bremen hierbei als erstes Bundesland eingeschlagen habe, könnte wegweisend sein, lobte die Mitarbeiterin der Lebenshilfe. Für sie bedeute dies den „Verzicht auf das Machtmittel Sprache“ und ein Zugehen auf die Menschen.

Das hat seinen Preis: Die Zusatzkosten für den wegen der Parteien-Logos farbigen Druck der Musterstimmzettel beziffert Landeswahlleiter Wayand auf 125 000 Euro, die Übersetzung der Wahlunterlagen in Leichte Sprache schlagen mit 50 000 Euro zu Buche. Bei den Gesamtkosten für die Wahl strebe man dennoch an, wie 2011 Mal unter drei Millionen Euro zu bleiben.

„Alle klagen über die niedrige Wahlbeteiligung, aber wenn man daran etwas ändern will, muss man auch was tun“, hält Ulrich Mäurer möglichen Kritikern entgegen. Wie wichtig es sei, sprachliche Hürden abzubauen, erlebe er oft genug im eigenen Haus. „Ich habe Probleme mit vielen Schreiben meiner Verwaltung. Die muss ich selbst dreimal lesen, bis ich eine Ahnung davon bekomme, worum es gehen könnte.“

Viel Post zur Wahl

Die ersten Haushalte werden schon am Freitag einen dicken Briefumschlag von der Stadt im Kasten haben. Darin befinden sich die Musterstimmzettel zur Bürgerschaftswahl und zur Wahl der Beiräte am 10. Mai. Damit können sich die Wähler in Bremen und Bremerhaven schon im Vorfeld darüber informieren, welche Parteien, Wählervereinigungen und Einzelbewerber kandidieren. Außerdem können sie sich mit den umfangreichen Stimmzetteln vertraut machen. In der Postwurfsendung befindet sich auch ein Infoschreiben mit Erläuterungen zur Wahl. Die meisten Haushalte werden dieses Schreiben in der kommenden Woche erhalten, die letzten am Dienstag nach Ostern, erklärt Landeswahlleiter Jürgen Wayand. Bereits kurz darauf, etwa ab Mitte der Woche nach Ostern, wird das nächste Schreiben verschickt: die Wahlbenachrichtigung. Anders als gewohnt handelt es sich dabei diesmal nicht um ein Schreiben in Postkartenformat, sondern um einen Brief. Darin werden alle wichtigen Details zur Wahl und zum Briefwahlverfahren mitgeteilt. Ab diesem Zeitpunkt können dann die Briefwahlunterlagen beim Statistischen Landesamt angefordert werden.

>> Hier gibt es den Stimmzettel digital zur Ansicht

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