Erinnerungslücken und Ordnungsgeld Neue Zeugenaussagen im Valentin-Prozess

Vergeblich warteten Richter und Anwälte Anfang Februar auf gleich drei Zeugen im Prozess gegen Werder-Ultra Valentin S. Immerhin zwei davon waren Donnerstag da - der Wert ihrer Aussagen ist aber fraglich.
18.02.2016, 00:00
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Neue Zeugenaussagen im Valentin-Prozess
Von Ralf Michel

Vergeblich warteten Richter und Anwälte Anfang Februar auf gleich drei Zeugen im Prozess gegen Werder-Ultra Valentin S. Immerhin zwei davon waren am Donnerstag da - der Wert ihrer Aussagen ist aber fraglich.

Warten prägte Tag fünf im Prozess gegen Valentin S. und zwei weitere Werder-Ultras, die sich wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht verantworten müssen. Warten auf Zeugen, die eine Ladung vor Gericht offenbar nicht sonderlich ernst nehmen. Warten auf Zeugen, die zwar Polizisten in Bremen sind, aber trotzdem nicht erreichbar. Und Warten nicht zuletzt auch darauf, ob die Zeugen – wenn sie denn erscheinen – den Prozess tatsächlich ein Stück voranbringen.

Drei der Zeugen hätten eigentlich schon Anfang Februar vor Gericht erscheinen sollen, ignorierten jedoch die Vorladung. „Meine Freundin war beim Zahnarzt, ich musste aufs Kind aufpassen“, begründete dies am Mittwoch der erste aus dem Trio. Und beantwortete anschließend entwaffnend ehrlich die Frage des Richters, ob er denn nicht auf die Idee gekommen sei, anzurufen, um Bescheid zu sagen: „Nein.“ 100 Euro Ordnungsgeld brachte ihm dieses Versäumnis ein. Weil er arbeitslos ist – sonst wären es 150 Euro gewesen.

Nummer zwei blieb ein Ordnungsgeld erspart, er konnte belegen, dass ihn die erste Ladung nicht erreicht hatte. Dass er am Mittwoch zur Verhandlung kam, darf trotzdem als eher glücklich bezeichnet werden. Schließlich hatte ein Kumpel ihm gesagt, „dass das Ganze ohnehin fallen gelassen wird und ich deshalb gar nicht mehr hinzugehen bräuchte“. Der Dritte im Bunde kam auch diesmal nicht zur Verhandlung. Wie sich herausstellte, ist der Mann umgezogen, und die Ladung per Post hat ihn an seiner aktuellen Adresse nicht erreicht. Sein Glück, denn der Richter hatte bereits angekündigt, ihn zwangsweise von der Polizei vorführen zu lassen.

Dies wäre beim nächsten Zeugen, auf den das Gericht am Mittwoch vergeblich wartete, ein Fest für die linke Szene im Zuschauerraum gewesen. Handelte es sich doch um einen Polizeibeamten. Warum genau er nicht zum anberaumten Termin erschien, blieb unklar. Es soll etwas damit zu tun haben, dass er sich derzeit in Elternzeit befindet und außerdem wohl den Namen seine Frau angenommen hat.

Immerhin erschienen letztlich zumindest doch drei Zeugen, zwei aus besagtem Trio und ein Polizist. Letzterer sagte zur Festnahme von zwei der drei Angeklagten nach dem Spiel von Werder Bremen gegen Schalke 04 im Herbst 2014 aus. Drei Männer hatten einen Mann zusammengeschlagen und waren dann geflüchtet. Er habe kurz darauf mit anderen Kollegen drei Tatverdächtige dingfest gemacht, darunter die jetzt angeklagten Valentin S. und Wesley S.. An die Täterbeschreibung, die damals über Funk weitergegeben worden war, erinnerte sich der Polizist nicht mehr. Nur daran, dass sie zu dem festgenommenen Trio passte. Vor allem eine schwarze und eine rote Jacke.

Juli 2014: Gruppe feierte WM-Halbfinalsieg gegen Brasilien

Ob diese Angaben zur Überführung der Angeklagten führen werden, bleibt abzuwarten. Gleiches gilt für die Aussagen der beiden jungen Männer, die am Mittwoch vernommen wurden. Beide gehörten zu der Gruppe Männer, die im Juli 2014 mit Bier und Musik unter einer Hochstraße in der Vahr den deutschen Halbfinalsieg bei der Fußballweltmeisterschaft feierten.

Was dann geschah, schien zumindest vom Ablauf her nach dem bisherigen Prozessverlauf geklärt. Die Feiernden wurden von einem vorbeikommenden jungen Mann beschimpft, dem ihr Jubel offenbar zu deutsch ausfiel. Ein Wort gab das andere, schließlich nahm einer aus der Gruppe die Verfolgung des Mannes auf. Der nahm Reißaus und die Sache schien erledigt. Kurz darauf jedoch wurde die vierköpfige Gruppe von drei maskierten Männern überfallen. Einer der Feiernden wurde dabei krankenhausreif geprügelt und mit einem Gettoblaster am Kopf verletzt, die anderen konnten flüchten.

Zeuge nimmt Aussage zurück

Er habe deshalb von den Schlägen und Tritten gegen seinen Freund nichts mitbekommen, sagte jetzt einer von ihnen vor Gericht aus. Als er damals die Polizei alarmierte, hatte sich das noch ganz anders angehört. Alle vier seien geschlagen und einer von ihnen mit einem Totschläger angegriffen worden, hatte er da gesagt. „Nein, stimmt nicht. Das nehme ich zurück“, erklärte er nun vor Gericht. Das habe er nur aus Angst und Panik gesagt.

Wirklich kurios wurde es dann bei der Aussage des zweiten Mannes aus dem feiernden Quartett. Der überraschte das Gericht mit einem Radfahrer, der an den Feiernden vorbeigefahren sein soll – bislang war stets von einem Fußgänger die Rede. Und damit, dass zwei aus ihrer Gruppe hinter dem Mann hergelaufen seien, „weil sie ihn wohl anpöbeln wollten“ – bislang war stets die Rede davon gewesen, dass der Passant die Gruppe beschimpft hatte. Allerdings räumte der Zeuge ein, vom Geschehen nur wenig mitbekommen zu haben, weil er sich gerade zum Pinkeln in die Büsche geschlagen hatte.

Keine Erinnerung an Gespräche nach dem Vorfall

Auch an den Inhalt der Gespräche mit seinen Freunden in den Tagen nach dem Überfall könne er sich nicht erinnern, wiederholte der Mann mehrfach auf die insistierender Fragen des Staatsanwaltes, der vergeblich anmerkte, dass sich „so ein außergewöhnliches Ereignis doch in die Erinnerung einbrennt“.

Zumindest auf das Gewicht des Gettoblasters, mit dem sein Freund verletzt worden war, konnte sich der Zeuge mit dem Staatsanwalt einigen. Ja, der sei etwa so schwer wie eine Kiste Bier. Was Rechtsanwalt Horst Wesemann, Verteidiger von Valentin S., später allerdings noch auf zwei Sixpacks Bier runterhandeln konnte.

Ein gewisser Unterhaltungswert war diesen Zeugenaussagen nicht abzusprechen – wäre da nicht der Umstand, dass sie es sind, die zur Verurteilung der Angeklagten beitragen sollen.

Die Verhandlung wird am Montag, 22. Februar, um 9 Uhr fortgesetzt.

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