Hilfe für Afrika

Neuenkirchener initiiert Bildungsprojekte

Eine Stippvisite in Tansania machte dem angehenden Lehrer 2014 klar: Er kann vor Ort helfen. So gründete der ehemalige Waldschüler Timo Eylers den Verein „African Roots“.
31.07.2017, 07:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Alexander Bösch
Neuenkirchener initiiert Bildungsprojekte

Kinder vor der neuen Schule in Sanya Juu in Tansania.

Timo Eylers

Schwanewede/Sanya Juu. Eigentlich sollte es nur eine mehrwöchige Stippvisite sein, die Timo Eylers 2014 erstmals nach Tansania führte. Der Lehramtsstudent für Geschichte und Germanistik hatte sich beim Austauschprogramm „Easy go-easy come“ in seinem Studienort Münster ein Praktikum als Lehrer in dem ostafrikanischen Land organisiert – und war gleich hellauf begeistert.

In der Primary School im Ort Sanya Juu war Timo Eylers mit zwölf weiteren Lehrern für rund 500 Schüler zuständig. Wenn die Sonne gut stand, konnte der gebürtige Neuenkirchener vom Schulhof direkt auf den Kilimandscharo schauen. Bei den Massai lernte der Student, ritualisierte Stammestänze und kulinarische Besonderheiten wie Kuhohren und Ziegenfleisch zu schätzen. Ein Trip in die Serengeti ermöglichte ihm den atemberaubenden Blick auf stampfende Elefanten und Heerscharen von Flamingos.

Doch der ehemalige Waldschüler wollte es nicht bei einer einmaligen Reise auf den schwarzen Kontinent bewenden lassen. Die nachhaltigen Eindrücke bewegten den 28-Jährigen dazu, sich auch langfristig zu engagieren. „African Roots“ heißt der Verein, den Timo Eylers gemeinsam mit einigen Kommilitonen im April 2015 gründete. Mittlerweile zählt der Verein mehr als 30 Mitglieder, von denen 14 aktiv an den Bildungsprojekten mitarbeiten. Die meisten Mitglieder haben auf Lehramt oder im Bereich 'Soziale Arbeit' studiert. Gemeinsam mit Behörden und lokalen Initiativen aus den Partnerländern Tansania und Burkina Faso arbeiten die ehrenamtlichen Mitglieder auf Augenhöhe an verschiedenen Bildungsvorhaben.

Im Mittelpunkt der Bemühungen steht derzeit der Bau der Sanya Hoe Primary School im Bundesland Kilimanjaro-Region. Im April 2015 wurde damit begonnen. „Als neuer Verein war es am Anfang nicht einfach, an Spenden für Bildungsprojekte zu kommen. Doch mittlerweile sind wir nicht nur in Münster bekannter geworden, und erhalten immer mal wieder kleinere und größere Zuwendungen“, erzählt Eylers, der in Neuenkirchen aufwuchs und auch heute noch oft im Haus seines Vaters in Beckedorf zu Besuch ist.

„Die Bezirksregierung wird das Gehalt der Lehrkräfte zahlen und schafft Tafeln und Schulbänke an. Ein Lokalpolitiker hat mit einer großzügigen Spende den Bau einer Latrinenanlage finanziert und die lokale Bevölkerung organisiert den Bau einer kleinen Küche“, berichtet Timo Eylers über das ambitionierte Projekt.

Dem Verein sei es wichtig gewesen, dass sich alle Parteien finanziell beteiligen, damit eine Identifikation mit dem Bau entsteht. Von Anfang an hatte die Bevölkerung vor Ort mitgeholfen, das nötige Material zu beschaffen. Der Ältestenrat des Dorfes hatte Gelder gesammelt, um Tische und Stühle zu finanzieren. Und das, obwohl die Organisation karikativer Projekte in Afrika aufgrund der weit verbreiteten Korruption nicht immer einfach sei. „Wenn Polizisten einen Weißen im Safari-Auto sehen, winken sie ihn oft ohne nähere Begründung heraus und verlangen das sogenannte ,Teegeld'", hat der 28-Jährige auf seinen vier Reisen beobachtet.

Vor allem der marode Zustand der Grundschulen in seiner Gastgemeinde im Bundesland Kilimandscharo hatte Eylers nach seiner Rückkehr Gewissensbisse bereitet. „In den rund 20 Primary Schools, die die erste bis siebte Klasse umfassen, gab es Klassen mit bis zu 130 Schülern. Die sanitären Anlagen waren in einem ramponierten Zustand, acht Lehrer waren für 900 Schüler zuständig“, erinnert er sich. Über offenem Feuer werden Mais und Bohnen für die Schüler gekocht. Oft sind in den Schulen statt Fenstern nur löchrige Holzbretter vorhanden, durch die wenig Licht scheint oder durch die es hineinregnet.

Da er bereits bei seinem ersten Aufenthalt von Lokalpolitikern gebeten worden war, sich langfristig zu engagieren, beschloss Eylers, ein weiteres Mal in das Land am Indischen Ozean zu reisen und eine Hilfsorganisation zu gründen. „Oft wird ja kritisiert, dass man im Grunde nichts Nachhaltiges tut, wenn man für ein paar Wochen in einer afrikanischen Schule als Lehrer aushilft und wieder nach Hause fliegt“, erklärt er seine Motivation.

Zusammen mit sechs weiteren Kommilitonen, die ebenfalls ein Praktikum in Tansania oder Burkina Faso absolviert hatten, gründete er schließlich den gemeinnützigen Verein African Roots. Durch sein Praktikum hatte Eylers bereits die nötigen Kontakte zur Bezirksregierung geknüpft.

„Ich habe schon mit zehn Jahren Reportagen über Afrika verschlungen“, gesteht der gebürtige Neuenkirchener, der gerade seine vierte Expedition nach Tansania beendete. Ende 2016 wurde African Roots von einer westfälischen Zeitung im Zuge einer Spendenaktion ausgewählt und erhielt 60 000 Euro an Zuwendungen. Seine Reisekosten finanziert sich Eylers, indem er neben seinem Studium halbtags als Deutschlehrer für Flüchtlinge arbeitet.

In den letzten Monaten wurden die Fenster und Türen in die künftige Sanya Hoe Primary School eingebaut. Das Schulgebäude – zwei Klassenräume, ein Lehrerzimmer und ein Materialraum – ist somit betriebsbereit. Die für die rund 100 Grundschüler zuständigen drei Lehrer hat Eylers bei seinem jüngsten Besuch kennengelernt und mit den Behörden über die weitere Finanzierung gesprochen. „Dennoch sind wir auf Spenden angewiesen, um weitere Klassenräume an die Schule anzubauen“, betont der ehemalige Waldschüler. Eylers hatte sich bei seinen vergangenen Reisen selbst um die Begehung der Bauplätze und die Koordination der Kosten gekümmert.

An der neuen Primary School sollen nicht mehr als 40 Schülerinnen und Schüler pro Klasse unterrichtet werden, eine Maßnahme zur Steigerung des Lernerfolgs. Statt aus Holz und Wellblech besteht die neue Primary School aus solidem Beton, unterrichtet wird auf Suaheli und Englisch. Zudem seien im Siha Distrikt über 20 Grundschulen in einem renovierungsbedürftigen Zustand. „Das Budget der Behörden reicht gerade dafür, um ein bis zwei Schulen pro Jahr zu renovieren“, erklärt Eylers. Mit einem befreundeten Maasai-Priester reiste er auch an die kenianische Grenze, um sich den Bau einer Privatschule anzuschauen. Timo Eylers traf sich ebenso mit dem Bischof von Moshi, um künftige Umweltschutzprojekte anzuschieben.

African Roots ist auch in Burkina Faso aktiv. Kollegen von Timo Eylers unterstützen dort ein vierwöchiges Fußball-Bildungscamp im Süden des Landes. Während des Camps erhalten die Teilnehmer Unterricht in Mathematik, Französisch und Englisch. Ihnen wird theoretisches und praktisches Wissen über Fußball vermittelt und sie arbeiten an Projekten zum Schutz der heimischen Umwelt und lernen den richtigen Umgang mit Müll. Am Ende pflanzt jeder Teilnehmer einen Baum.

Das größte Projekt in dem westafrikanischen Land ist der Bau einer neuen Vorschule mit drei Klassenräumen in Tiébélé. Dort sollen die Kinder des Ortes frühzeitig mit der Verkehrssprache Französisch in Berührung kommen. Die Schule soll im Oktober eröffnet werden.

Timo Eylers selbst unternimmt im August erst einmal eine ausgedehnte Reise durch Indien. Die Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit der Afrikaner vermisst er jetzt schon. „Als ich das erste Mal zurückkam, ging mir die Kleinkariertheit der Deutschen fast auf die Nerven“, gesteht er lachend.

Weitere Informationen gibt es unter www.africanroots-ev.de.

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