Krankenhausbunker Neuer Blick auf ein Kriegsrelikt

Zum Kirchentag von 2009 wurde der frühere Krankenhausbunker an der Hans-Böckler-Straße zwar bemalt. Doch seine Geschichte blieb im Dunkeln - das ändert sich jetzt mit einer neuen Ausstellung.
21.09.2018, 06:02
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Von Elisabeth Nöfer

Der ehemalige Krankenhausbunker an der Hans-Böckler-Straße 58 fällt auf. Nicht nur aufgrund der massiven, rund 17 Meter hohen Betonwände, sondern auch, weil Figuren in schwarzer Farbe von jeder der vier Seiten mit Ferngläsern in die Ferne schauen. Der Künstler Victor Ash schuf das Werk mit dem Titel „Look at me, look at you“ (Schau mich an, schau dich an) anlässlich des 32. Evangelischen Kirchentags 2009.

„Mit der optischen Veränderung der Außenwände fand keine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Bunkers statt“, schreiben jedoch die Macher der Ausstellung „Der Bunker, der auf Bremen schaut“. Das haben Geschichtsstudierende der Universität Bremen jetzt nachgeholt. Zwei Semester lang forschten sie unter der Leitung der Historikerin und Kuratorin Dr. Sonja Kinzler. Ihre Ergebnisse sind jetzt als Ausstellung in einem weiteren Hochbunker im Steintor zu sehen, den der Verein Kultur im Bunker als Veranstaltungsort nutzt. Rund 100 der im Zweiten Weltkrieg erbauten Hochbunker stehen heute noch sichtbar in Bremen.

Der Bau des Krankenhausbunkers „BK6“ in Walle neben dem Diakonissenhaus begann im April 1942. Die evangelische Schwesterngemeinschaft brauchte den Bunker für Operationen und zum Schutz ihrer Patienten, die bei Fliegeralarm in das Gebäude gebracht wurden. Die Bilder in den beleuchteten Glasvitrinen zeigen das Leben der Diakonissen während des Krieges: Neben der Pflege und Hauswirtschaft beseitigten sie nach Luftangriffen auch noch Trümmer. Die vielen Kriegsverletzten mussten versorgt werden, Lebensmittel und medizinische Materialien wurden knapp. Im „Feuersturm“ in Walle in der Nacht vom 18. zum 19. August 1944 wurde das alte Diakonissenhaus zerstört, heute ist die Pflegeeinrichtung in Gröpelingen.

Neben den Fotos und Akten zur Arbeit der Diakonissen förderten die Studierenden auch neue Erkenntnisse über den Einsatz von Zwangsarbeitern zutage. „Wir waren überrascht, dass in den Akten stand, welche Firma mit Bunkerbau beauftragt war“, sagt Kinzler. Mithilfe des Firmennamens, Windschild und Langelott, konnten sie herausfinden, dass unter den insgesamt 58 Arbeitskräften auch 21 Kriegs- und Strafgefangene waren. Die Zuflucht in den Luftschutzbunker blieb den ausländischen Zwangsarbeitern allerdings verwehrt, ebenso die medizinische Behandlung, heißt es im Ausstellungstext.

Auch unter den Pflegerinnen im Krankenhaus waren Zwangsarbeiterinnen. In Blättern aus dem Diakonissenhaus fanden die Geschichtsstudierenden bedrückende Berichte einer Schwester, die sich an eine junge deportierte Russin auf der Station erinnert. „Da war man schon sehr nah dran an der NS-Unrechtsgeschichte“, sagt Kinzler.

Der Bunker diente bis in die 1950er Jahre als Krankenhaus. Dann wurde er zum Zivilschutzbunker umgebaut, für den Fall eines Atomkriegs. Mit Wassertanks- und pumpen, falls das Grundwasser in der Umgebung verseucht worden wäre, und fluoreszierenden Phosphorstreifen an den Wänden, um bei Stromausfall eine Massenpanik zu verhindern. „Wir haben uns gefragt, wie können wir so einen Ort überhaupt nutzen, der diese Historie hat?“, sagt eine Sprecherin vom Kulturnetzwerk Zucker e.V., die den Bunker kaufen wollen, um dort Tanzflächen und Atelierräume einzurichten. „Aber der Ort kann ein Mahnmal sein und trotzdem neu bespielt werden.“

Die Lösung ist für die Kulturschaffenden eine Dauerausstellung in den Räumen. Deshalb habe der Verein den Anstoß für die geschichtliche Aufarbeitung in Form einer Ausstellung gegeben. Zunächst durch den Kontakt zur Bremer Hochschule der Künste (HfK), deren Studierende ein Bunker-Modell mit Videoinstallation beisteuerten. Durch das Uni-Seminar nahm das Projekt weiter Gestalt an. Rejane Salzmann von der HfK übernahm die anschauliche Gestaltung, die ein vergessenes Stück Geschichte wieder sichtbar macht.

Zu sehen ist die Ausstellung zur Geschichte des Diakonissenbunkers noch bis Freitag, 12. Oktober, im Verein Kultur im Bunker, Berliner Straße 22C, 28203 Bremen. Geöffnet ist donnerstags und freitags von 15 bis 19 Uhr sowie auch sonnabends von 10 bis 15 Uhr.

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