Ausgetreten wegen Willy Brandt

Neuer Landeschef der Linken ist ein alter Bekannter

Als 18-Jähriger schloss sich Christoph Spehr der SPD an. Nun bekleidet er bei den Linken zum zweiten Mal den Posten des Landesvorsitzenden - und will in der neuen Koalition Akzente setzen.
19.11.2019, 21:00
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Neuer Landeschef der Linken ist ein alter Bekannter
Von Frank Hethey
Neuer Landeschef der Linken ist ein alter Bekannter

Drückt aufs Tempo: der neue Landesvorsitzende der Linken, Christoph Spehr.

Christina Kuhaupt

Wie so viele Mitglieder der Linken war auch der neue Landesvorsitzende Christoph Spehr einmal ein Sozialdemokrat. Doch das ist lange her, länger als bei den meisten anderen Abtrünnigen, die der SPD wegen ihrer Agenda-2010-Politik den Rücken kehrten. „Der letzte Anlass war, als Brandt und Kohl die Nationalhymne gesungen haben“, sagt der 56-Jährige. Eine Anspielung auf den denkwürdigen Auftritt des großen alten Mannes der SPD an der Seite des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU). Einen Tag nach dem Mauerfall stimmten sie am 10. November 1989 gemeinsam mit anderen Polit-Größen auf dem Balkon des Rathauses Schöneberg das Deutschlandlied an, die Menge quittierte es mit einem gellenden Pfeifkonzert. Auch Spehr konnte der patriotischen Aufwallung nichts abgewinnen.

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Nach Norddeutschland hat es Spehr vor knapp 30 Jahren verschlagen. Ursprünglich kommt er aus Bayern. In Augsburg wurde er 1963 geboren, dort hat er auch studiert: Sozialwissenschaften, Philosophie und Geschichte. Sogar einen Doktortitel kann Spehr vorweisen, allerdings als Forstwissenschaftler, bei den Wildbiologen in München fand er seine erste Anstellung. „Mich haben umweltgeschichtliche Themen interessiert“, sagt Spehr. Beim Studium in Augsburg lernte er auch seine Lebensgefährtin kennen, die jetzige Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard. „Es war klar, dass wir nicht in Bayern bleiben wollten.“ Berlin sei eine Option gewesen, aber nicht mit Kind. 1991 zog das Paar ins Umland, zwei Jahre später nach Bremen. „Die Stadt gefiel uns gut, besser als Hamburg.“

„Man geht zu den Jusos und versteht kein Wort“

Noch in Bayern hatte sich Spehr der SPD angeschlossen. „Mit 18 Jahren bin ich eingetreten, habe aber wenig gemacht“, sagt er. „Man geht in den Ortsverein, man geht zu den Jusos und versteht kein Wort.“ Danach engagierte sich Spehr in der Internationalismus-Bewegung, in der Arbeit für Dritte-Welt-Solidargruppen. Erst 2005 trat er in Bremen der SED-Nachfolgepartei PDS (Partei des demokratischen Sozialismus) bei, die damals noch fast ausschließlich in den neuen Bundesländern verankert war. Als sich 2006 der Zusammenschluss mit dem westdeutschen Gegenstück, der WASG (Partei für Arbeit & soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative) abzeichnete, bekam Spehr sein erstes Parteiamt – „ich wurde Fusionsbeauftragter für Bremen“.

Als die Linken bei der Bremer Bürgerschaftswahl im Mai 2007 erstmals in einem westdeutschen Bundesland die Fünf-Prozent-Hürde knackten, kam Schwung in Spehrs Parteikarriere. Als Mitarbeiter der Bürgerschaftsfraktion lernte er die parlamentarische Routine kennen. „So verdiene ich bis heute meine Brötchen“, sagt er. Täglich flattert ihm reichlich Lesestoff auf den Tisch, er bereitet Unterlagen für die Ausschüsse und Deputationen vor, verfasst in Absprache mit den Abgeordneten seiner Partei parlamentarische Initiativen. Von 2008 bis 2015 amtierte Spehr schon einmal als Landessprecher, wie der Landesvorsitz der Linken offiziell heißt. 2015 kandidierte er nicht mehr wegen der Acht-Jahre-Regel – länger soll man bei den Linken tunlichst keinen Posten bekleiden.

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Beim Landesparteitag nun das Comeback in der Führungsspitze. Sein Vorgänger Felix Pithan war amtsmüde, da juckte es ihn, in der schon früher erprobten Doppelspitze mit Cornelia Barth wieder Verantwortung zu übernehmen. Erst recht jetzt, da die Linken erstmals im Westen an einer Koalitionsregierung mit der SPD und den Grünen beteiligt sind. „Ich dachte, ich bewerbe mich ums Upgrade.“ Das Ergebnis von 33 Ja-Stimmen bei elf Gegenstimmen ist laut Spehr normal. „So lange ich denken kann, gab es immer solche Ergebnisse. Mal ein wenig knapper, mal ein bisschen reichlicher.“

Mietendeckel als Top-Thema

Ein brennendes Thema schon auf dem Parteitag: der viel diskutierte Mietendeckel. Von Abwarten bis zur gerichtlichen Klärung hält Spehr nichts. „Das heißt, dass man in dieser Legislaturperiode nichts macht.“ Im Koalitionsvertrag sei dieser Punkt „halb offen gehalten“. Verwunderlich findet er das Zögern der SPD. „Dann muss man auch ehrlich sagen: Wir machen es nicht.“ Dennoch wollen die Linken mit beiden Koalitionspartnern ins Gespräch kommen. „Möglicherweise gibt es ja auch Teilschritte, die man machen könnte.“ Also eine Art Mietendeckel light für Bremen.

Bei den umstrittenen Grundstücksverkäufen im Hulsberg-Quartier sieht Spehr weiter dringenden Handlungsbedarf – obwohl Bürgermeister und Finanzsenator erst jüngst erklärt hatten, eine Vergabe nach Erbbaurecht über das zugestandene Maß hinaus komme nicht in Frage. „Da müssen wir noch mal ran, das läuft schief“, widerspricht Spehr. Zumal sich die Koalition eigentlich einig sei, wegzukommen vom Verkauf städtischer Flächen und mehr Grundstücke im Erbbaurecht zu vergeben. Das Argument, mit dem lukrativen Grundstücksverkauf könne die schwer angeschlagene Gesundheit Nord (Geno) ein paar Finanzlöcher stopfen, will Spehr nicht gelten lassen. „Die Geno stirbt nicht, wenn die Grundstücke nicht verkauft werden.“

„Wir müssen Initiative entwickeln“

Sonderlich weitsichtig findet Spehr den angestrebten Verkauf ohnehin nicht. „In zehn Jahren wird man händeringend nach naheliegenden Flächen suchen.“ Nicht zu vergessen der soziale Aspekt: „Nach einem Verkauf droht die Gefahr, dass sich das Quartier entmischt und zu einem Hochpreisgebiet wird.“ Darüber müsse geredet werden. „Das können wir nicht ausklammern“. Die Probe aufs Exempel sieht Spehr bei den Haushaltsberatungen im Frühjahr 2020 kommen. „Erst dann werden die politischen Weichen gestellt.“ Ein Weiter so dürfe es nicht geben, der Unterschied zur alten rot-grünen Koalition müsse fühlbar sein. „Wir dürfen nicht mehr nur verwalten, wir müssen Initiative entwickeln.“

Seine Partei sieht Spehr als Koalitionsneuling am Drücker. Dabei ist er durchaus Realist, gerade angesichts der neuen Millionendefizite bei Geno und Flughafen: „Die Spielräume sind immer kleiner, wenn man näher hinschaut.“ Mit ein bisschen politischer Fantasie könne man neue Spielräume aber auch erschließen.

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