Frisch erschienene Ausgabe der „Zeitschrift der Straße“ beschäftigt sich mit dem Huchtinger Ortsteil Neues aus Sodenmatt

Die neue Ausgabe der „Zeitschrift der Straße“ ist auf dem Markt. Dieses Mal sind die Autoren durch den Ortsteil Sodenmatt in Huchting gezogen, um neue spannende Geschichten zu finden. Mit einer kleinen Theatervorstellung, einer musikalischen Darbietung und zwei Lesungen wurde die 22. Ausgabe in den Räumen der Zeitschrift vorgestellt.
25.05.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ina Schulze

Die neue Ausgabe der „Zeitschrift der Straße“ ist auf dem Markt. Dieses Mal sind die Autoren durch den Ortsteil Sodenmatt in Huchting gezogen, um neue spannende Geschichten zu finden. Mit einer kleinen Theatervorstellung, einer musikalischen Darbietung und zwei Lesungen wurde die 22. Ausgabe in den Räumen der Zeitschrift vorgestellt.

„Grassoden, die sie als Einstreu für ihre Ställe nutzen, gewinnen die Mittelshuchtinger Bauern einst auf einer Wiese am Südrand ihres Dorfes, genannt das Sodenmatt“, schreibt Armin Simon in der neusten Ausgabe der „Zeitschrift der Straße“. Gemeinsam mit Studenten der Hochschule für Künste zog der Chefredakteur Armin Simon erstmalig durch Huchting. Dabei erkundeten sie jede Ecke des Stadtteils und suchten nach unerzählten Geschichten. Die Autoren haben sich gefragt, über wen oder was es sich lohnt zu schreiben? Und welcher Blick auf diesen Ortsteil Huchtings fehlt?

Karl Bartsch zum Beispiel weiß, wie man sich niemals unterkriegen lässt. Nina Rathje porträtiert den 81-Jährigen eindrucksvoll, der von seinen Erlebnissen mit Überschwemmungen, Feuer und Krankheiten berichtet. Tinka Lehn hingegen schreibt über Sabine Röhricht, die wohl ihren Traumjob auf der Stadtteilfarm aufgeben muss. Und Paul Wiese führte ein Interview mit Karim Bellarabi, der seine Fußball-Karriere beim FC Huchting begann. Wer diese und andere Geschichten noch nicht kannte, erfährt nun vieles in der neuen Ausgabe „Sodenmatt“ der prämierten „Zeitschrift der Straße“. Autorinnen und Verkäufer stellten die neuste Ausgabe vor.

Ein schwerer Gehstock aus Holz schlägt laut klappernd auf dem Boden auf. Heini Holtenbeen betritt die Räume der „Zeitschrift der Straße“ „Vor Ort“ im Lloydhof und heißt alle Gäste herzlich willkommen. Heini Holtenbeen verdankt seinen Spitznamen einem Irrglauben. „Er hatte lediglich ein steifes Bein. Jeder glaubte aber, dass es ein Holzbein, also ein Holtenbeen, war“, sagt Andreas Kuhlmann, der das Bremer Original verkörpert. Seinen früheren Job musste der 49-Jährige krankheitsbedingt aufgeben und ist nun Hartz IV-Empfänger. Seit Anfang des Jahres ist er Verkäufer der „Zeitschrift der Straße“. „Betteln hat sich nicht gut angefühlt. Aber das bisschen Hartz IV reicht kaum aus, um sich mal eine neue Hose zu kaufen“, sagt Kuhlmann. Laut Kuhlmann reicht es schon aus, Raucher zu sein oder andere unerwartete Ausgaben zu haben, damit Hartz IV zu knapp ist. Der Verkauf der Zeitschrift lief bis vor Kurzem richtig gut und macht ihm viel Freude, aber bei schlechtem Wetter läuft das Geschäft schleppend. Die Zeitschrift selbst gefällt ihm richtig gut, und er lernt neue inspirierende Menschen kennen. „Karl Bartsch macht es uns allen vor. Aufgeben gibt es nicht“, sagt Kuhlmann, „Übrigens, wenn euch jemand Schwein nennt, dann ist das ein Kompliment. Denn Schweine gehören zu den intelligentesten und saubersten Tieren.“ Andreas Kuhlmann ist seit Neustem auch unter die Blogger gegangen und berichtet auf der Homepage der Zeitschrift unter anderem von seiner Verkaufszeit als Heini Holtenbeen auf der Straße.

Auf ihrer Suche nach Geschichten entdeckten die Autoren weit mehr als in die gedruckte Ausgabe gepasst hat. Daher wurden einige Artikel auch im Internet veröffentlicht.

Für ihre Geschichten legten sich die Teilnehmer der Schreibwerkstatt mächtig ins Zeug. Allein Kim-Nikoline Kraul verbrachte über einen längeren Zeitraum ein bis zwei Stunden in der Kneipe „Filippos“, um ihre Reportage zu schreiben. „Ich war dort erst ein richtiger Fremdkörper“, sagt Kraul aus Walle, „Die Zeitschrift ist aber ein tolles Projekt, und ich wollte meinen Teil dazu beitragen.“

Christina Böhm hingegen steuerte die einzige fiktive Geschichte für die Zeitschrift bei. „Die Geschichte ist durch den Sodenmattsee inspiriert“, sagt Böhm aus Findorff, „ich habe auch schon ältere Exemplare der ,Zeitschrift der Straße’ gelesen. Vom Design her ist sie auffällig gut gemacht.“ Beide Autorinnen gaben ihre Veröffentlichungen bei der Präsentation zum Besten und ernteten viel Applaus und beeindruckende Kommentare.

Marco Anders hat mal in Berlin halbprofessionell Musik gemacht. Bei der Vorstellung der Zeitschrift stellt er a cappella sein schnelles Mundwerk mit persönlichen Texten unter Beweis. „Schreiben kann ich noch besser als rappen“, sagt Anders, der zugibt, dass er ordentlich nervös vor seinem Auftritt war. Seine beiden Texte handeln von ihm selbst, was er im Leben falsch gemacht hat und tiefstes Vertrauen. „Wahrheit, Vertrauen und Respekt sind für mich selbstverständlich. Aber alles zu vereinen, ist wohl für viele schwer“, sagt Anders. Der 32-Jährige ist bereits seit drei Jahren Verkäufer und seit der zweiten Ausgabe der „Zeitschrift der Straße“ aktiv dabei. Davor ist er viel Klauen gegangen, um Geld zu verdienen. „Ich brauche halt mehr Geld als das bisschen Hartz IV, das ich kriege. Alle paar Monate kam ich deswegen in den Knast: Das lohnt sich echt nicht“, steht über Marco Anders in der Zeitschrift geschrieben. Inzwischen versucht er sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu bewegen und auch die Musik wieder etwas voranzutreiben. „,Die Zeitschrift der Straße’ werde ich aber immer weiter unterstützen“, sagt Anders. Mit seinen Verkaufsexemplaren steht er oft vor Lidl, Aldi oder Rewe in der Hemmstraße oder im Buntentorsteinweg in der Neustadt. Ein Euro des Verkaufspreises von zwei Euro geht direkt an den Verkäufer.

Unter dem Motto „Sehen, hören, schreiben“ finden auch die unerzählten Geschichten der Verkäufer Platz in der „Zeitschrift der Straße“. „Es werden Geschichten erzählt, die nicht jeder kennt“, sagt Armin Simon. „Dabei ist die neuste Ausgabe nicht nur für Huchtinger interessant, sondern auch für alle anderen.“

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.zeitschrift-der-strasse.de

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