Bündnis für Inklusion stellt Forderungen

Kritiker sehen Schule für alle in Gefahr

Schülertische, die alle auf die Tafel ausgerichtet sind, getrennte Gruppen für stärkere und schwächere Schüler: Zum Teil habe Corona zu Rückschritten für die Inklusion geführt, kritisiert ein neues Bündnis.
06.07.2020, 05:00
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Kritiker sehen Schule für alle in Gefahr
Von Sara Sundermann
Kritiker sehen Schule für alle in Gefahr

Die Rückkehr zum Frontalunterricht würde einen Rückschritt bedeuten, kritisiert das neue Bündnis für Inklusion.

Robert Michael /dpa

Wichtige Errungenschaften an Bremer Schulen seien zuletzt auf der Strecke geblieben, das kritisiert ein neues Bündnis für Inklusion, das sich in der Stadt gegründet hat. Einerseits sei die Inklusion seit dem Ausbruch des Coronavirus an einigen Schulen aus dem Blick geraten, andererseits müsse das Bildungsressort ganz unabhängig von corona-bedingten Veränderungen die Umsetzung der Inklusion dringend stärker steuern.

Diese Kritik formulieren drei Akteure im Bremer Bildungswesen, die sich zusammengeschlossen haben: Der Bremer Landesverband Sonderpädagogik (VdS), die Bildungsgewerkschaft GEW und der Verein „Eine Schule für Alle“, der von Eltern gegründet wurde und sich für Inklusion einsetzt.

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„Wir haben das Gefühl, das Thema Inklusion gerät gerade ins Hintertreffen“, formuliert es Elke Gerdes, Vorsitzende von „Eine Schule für Alle“. „Corona hat vieles verschärft, plötzlich hatten wir in vielen Klassen wieder ein total veraltetes System mit preußischem Frontalunterricht.“ Und dabei falle vieles weg, was wichtig sei: Zum Beispiel, dass Kinder sich unkompliziert gegenseitig helfen könnten. Und eine Frontalausrichtung der Tische sei keineswegs die einzige Option für genug Abstand: An Gruppentischen könne jeder zweite Platz frei bleiben, beim Sitzkreis könne man Stühle weiter auseinanderrücken.

Zurück zu getrennten Gruppen

Bei der Bildung von Halbgruppen, in denen bis vor kurzem an Grundschulen unterrichtet wurde, hätten manche Schulen die Klasse in leistungsstärkere und -schwächere Kinder aufgeteilt, anstatt gemischte Gruppen zu bilden, kritisiert Corinna Genzmer, die Sprecherin des GEW-Stadtverbands Bremen ist und als Sonderpädagogin an einer Grundschule arbeitet. „Dann saßen da zum Teil wieder die Kinder mit Förderbedarf in einer Gruppe zusammen, das ist Verhinderung von Inklusion.“

Es geht den Kritikerinnen aber nicht nur darum, dass Inklusion durch corona-bedingte Veränderungen auf der Strecke bleiben kann. Sie setzen mit ihrer Kritik breiter an. Schon länger komme die Inklusion nicht voran, weil die Behörde nicht genug steuere, wie diese in Bremer Schulen umgesetzt werden solle.

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„Inklusion ist zwar ein zentrales Thema in der Behördenspitze, aber es fehlt im Ressort Personal für die Umsetzung“, sagt Stefanie Höfer vom Vorstand des VdS Bremen und Leiterin des Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentrums (Rebuz) West. „Jetzt ist endlich die Stelle der Referentin für Inklusion in der Behörde besetzt, aber diese Referentin hat kein Team – und eine Person kann das, was für gute Inklusion nötig wäre, nicht schaffen.“ In Hamburg gebe es für Inklusion ein Behörden-Referat mit neun Beschäftigten.

Standards für Inklusion gefordert

Es fehle in Bremen an verbindlichen Standards für die Umsetzung, sagt Höfer. Und diese müssten überprüft werden. Ohne Standards hänge die Umsetzung von Inklusion weiter vom Engagement einzelner Schulmitarbeiter ab. „Jede Schule sollte zum Beispiel ein Konzept dazu haben, wie sie unterschiedliche Kinder fördert – das wird aber nicht überprüft, und in der Schulaufsicht gibt es niemanden, der sich mit Inklusion auskennt“, schildert Höfer die Zustände. Zudem gebe es noch keinen neuen Entwicklungsplan Inklusion (EPI 2.0), obwohl sich Rot-Grün-Rot dies im Koalitionsvertrag schon für 2019 vorgenommen habe.

Beschäftigt hat sich das Bündnis auch mit der Frage, wie digitales Lernen in einer inklusiven Schule funktionieren kann. In der Zeit der Schulschließungen, als viel über Online-Lernen zu Hause lief, seien Kinder aus bildungsfernen Familien weiter abgehängt worden, so Höfer. Dennoch befürworten die drei Frauen vom Bündnis für Inklusion mehr Digitalisierung. „Wir brauchen verbindliche Fortbildungen zu digitalem Lernen für alle Schulbeschäftigten.“ Und sie fordern ein: Digitales Material müsse inklusiv aufbereitet werden und Lernaufträge für zu Hause so formuliert, dass alle sie umsetzen könnten.

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Wie das aussehen kann, erklärt Genzmer: „In der Klasse meines Sohnes sollte jedes Kind ein kurzes Video darüber drehen, womit es in der Corona-Isolierung seine Freizeit verbringt.“ Später sei aus den Videos ein kleiner Film für die ganze Klasse entstanden. „So ein Auftrag fördert den Austausch, und alle können mitmachen“, sagt Gerdes. „Einen Film mit dem Handy drehen können zum Beispiel auch Kinder mit einer persönlichen Assistenz.“

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