Gutachten zum Hochwasserschutz

Alternative für das Neustädter Weserufer

Der Hochwasserschutz am Neustädter Weserufer könnte mit geringem Aufwand sichergestellt werden, ein Erhalt der 136 Platanen wäre möglich. Das ist die Kernaussage eines neuen Gutachtens.
24.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Alternative für das Neustädter Weserufer
Von Jürgen Theiner
Alternative für das Neustädter Weserufer

Die Platanen am Neustädter Weserufer könnten nach Auffassung von Gutachtern erhalten bleiben.

Christina Kuhaupt

Die 136 Platanen am linken Weserufer müssen nicht gefällt werden, der Hochwasserschutz kann auf andere Weise effektiv verbessert werden – und zwar deutlich schneller und günstiger, als es die Pläne der Stadt bisher vorsehen: Das ist die wesentliche Aussage eines Gutachtens, das im Auftrag der Bürgerinitiative (BI) „Platanen am Deich“ erstellt wurde und jetzt in seiner Endfassung vorliegt. Die Neustädter Aktivisten sehen sich in ihrer Auffassung bestätigt. Sie erwarten nun von der Baubehörde, dass sie in einen Dialog mit der BI eintritt, und zwar „auf Augenhöhe“, wie Sprecher Gunnar Christiansen formuliert.

Um ein Konzept für die Anpassung des Hochwasserschutzes am linken Weserufer wird seit Jahren erbittert gerungen. Die Planungen der Baubehörde sehen vor, den vorhandenen Deich auf der sogenannten Stadtstrecke zwischen Eisenbahnbrücke und Piepe durch eine Konstruktion aus zwei unterschiedlich hohen Hochwasserschutzwänden zu ersetzen. Die obere, binnenseitige Wand würde mit einer Höhe von bis zu 8,30 Meter über Normalnull die eigentliche Flutbarriere darstellen; die untere, weiter in den Fluss ragende Wand befände sich mit ihrer Oberkante auf dem Niveau des Deichunterhaltungsweges. So entstünde eine terrassenartige Anlage mit eingefügten Stufen und einer Promenade auf der oberen Ebene. Die Kosten für das Mammutprojekt mit einer Bauzeit von etwa zehn Jahren wurden 2017 mit rund 36 Millionen Euro beziffert und dürften sich inzwischen weiter nach oben entwickelt haben.

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Die Botschaft des neuen Gutachtens lautet nun: Kann man so machen, muss man aber nicht. Mit dem Projekt hat sich ein Team des weltweit tätigen Ingenieur- und Bauunternehmens CDM Smith auseinandergesetzt. Die BI hatte mit einer Spendenaktion den fünfstelligen Betrag eingesammelt, um eine solche fundierte Expertise zu finanzieren. Die CDM-Ingenieure favorisieren die Idee, eine neue Hochwasserschutzwand landseitig herzustellen, zur Straße hin einige Meter von den Platanen abgerückt. Die Spundwand würde in die Deichböschung eingelassen und so weit herausragen, dass die geforderte Schutzhöhe von 8,30 Meter über Normalnull erreicht ist. Ein Erhöhung um weitere 0,75 Meter durch mobile Flutschutzelemente sei möglich.

Ganz ohne die Fällung von Bäumen kommen auch die Fachleute von CDM Smith nicht aus, weil es im Verlauf des linken Weserufers einige gesondert zu behandelnde Bereiche gibt, unter anderem im Einmündungsbereich der Brautstraße. Die Zahl der Platanen, die geopfert werden müssten, liegt aus Sicht der Alternativgutachter jedoch im einstelligen Bereich.

Eine Lösung auch ohne Verlust der Platanen

Eine landseitige Spundwand war als Option auch in den bisherigen Machbarkeitsstudien der Stadt durchgespielt worden. Der Einwand lautete: Die Platzverhältnisse im Raum zwischen den Platanen und der Bebauung am Straßenzug „Am Deich“ / „Sankt-Pauli-Deich“ seien zu beengt, um dort mit schwerem Gerät eine Spundwand in den Boden einzubringen. Doch diese Auffassung ist nach Ansicht der CDM-Experten technisch überholt. Statt mit gewaltigen Spundwandrammen könne auch mit deutlich kleineren, sogenannten Baggeranbau-Vibratoren gearbeitet werden, von denen eine geringe Lärm- und Erschütterungsbelastung auf die angrenzenden Gebäude ausgeht. Einige Platanen müssten hierbei geringfügig zurückgeschnitten werden.

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Foto: WK

In ihrer Expertise betonen die CDM-Ingenieure eine Reihe von Vorteilen ihres Vorschlags. Am schlagendsten ist der Unterschied bei den Kosten. Statt der 36 Millionen Euro, die 2017 von der Stadt für die großflächige Umgestaltung der Stadtstrecke genannt wurden, berechnet CDM die reinen Baukosten für die landseitige Spundwand mit circa 950.000 Euro. Die Bauzeit wird mit sechs bis zwölf Monaten veranschlagt, verglichen mit rund zehn Jahren bei den städtischen Planungen. Nicht zu unterschätzen ist nach Darstellung von CDM auch der Sicherheitsaspekt, denn: Die von der Stadt favorisierte Terrassenlösung könnte nur abschnittsweise und in der hochwasserfreien Zeit erfolgen, da während der Bauarbeiten der Flutschutz zeitweise nicht gegeben ist.

Für die Bürgerinitiative ist klar, dass nun ganz neu überlegt werden muss. „Wir nehmen die Behörde ernst, aber genauso erwarten wir, dass unsere fachlich untermauerte Position endlich ernst genommen wird“, sagt Gunnar Christiansen. Bisher habe die Baubehörde so getan, als hätte sie die Fachlichkeit gepachtet. Sein Mitstreiter Manuel Salzenberg unterstreicht die Kostenvorteile: „Selbst wenn man berücksichtigt, dass der Bund den größten Teil der städtischen Pläne finanzieren würde, wären die Kosten für unseren Vorschlag immer noch deutlich geringer als der verbleibende Anteil der Kommune.“ Die BI-Aktivisten erinnern zudem SPD, Grüne und Linke an einen Passus aus dem Koalitionsvertrag. Dort heißt es wörtlich: „Sollte sich im Verfahren – entgegen bisheriger Erkenntnisse – ergeben, dass die Möglichkeit besteht, Platanen zu erhalten, wollen wir sie nutzen.“

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Zur Sache

Stadt sagt Prüfung zu

Dem Bauressort von Senatorin Maike Schaefer (Grüne) liegt die Expertise von CDM Smith seit Freitagvormittag vor, zu einer eingehenden inhaltlichen Stellungnahme sah sich die Behörde kurzfristig nicht in der Lage. Sprecher Jens Tittmann sagte allerdings zu, man werde die neuen Vorschläge „hinsichtlich ihrer Umsetzungsfähigkeit sorgfältig prüfen und mit der bisherigen Vorzugslösung abgleichen“. Der bisherige Planungsprozess habe „eine umfangreiche Beteiligung der Öffentlichkeit und der demokratisch gewählten Gremien einschließend entsprechender Beschlüsse durch Beirat und Fachdeputation durchlaufen“.

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