Kurt Steinheisser schreibt Buch über Flucht aus der DDR Neunzig schwarze Stunden bis zur Freiheit

„90 Schwarze Stunden“ heißt die Autobiografie eines Grollander Autors, der seine Flucht als 16-Jähriger aus der DDR beschreibt. Es war ausgerechnet ein Witz, der sein Leben in Gefahr gebracht hat.
26.03.2018, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Neunzig schwarze Stunden bis zur Freiheit
Von Karin Mörtel

Buntentor/Grolland. „Woran erkennt man, dass eine Ziege geschlachtet werden muss?“ Es war ausgerechnet ein unvorsichtig auf dem Schulhof erzählter Witz, der im Jahr 1961 den damals 16-jährigen Kurt Steinheisser in Gefahr gebracht hat. Denn der Direktor seines Gymnasiums in Brandenburg fand es alles andere als lustig, dass darin der DDR-Staatslenker Walter Ulbricht mit seinem Ziegenbart lächerlich gemacht wurde.

In Kurt Steinheissers kürzlich erschienener Autobiografie „Neunzig schwarze Stunden – der Beginn eines bewegten Lebens“ ist nachzulesen, was folgte: Die lebensgefährliche Flucht des Jugendlichen aus der DDR, sein Neuanfang in Westdeutschland sowie seine abenteuerlichen Reisen als späterer Seemann auf den sieben Weltmeeren. Am Mittwoch liest der Grollander aus seinem Buch in der Begegnungsstätte Buntentor.

Um der politischen Verfolgung durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) zu entgehen, floh der Heranwachsende nur wenige Tage nach dem Vorfall in der Schule aus seiner Heimatstadt Hennigsdorf. Er ließ seine Mutter und zwei ältere Brüder ahnungslos zurück. „Hätte ich sie in meine Pläne eingeweiht, hätte ihnen ebenfalls Verfolgung als Mitwisser gedroht“, begründet er heute seinen Alleingang.

Im Frachtraum eines Schiffes gelang ihm die Flucht von Rostock über die Ostsee nach Kiel, und er riskierte dabei sein Leben. Denn unplanmäßig blieb das Schiff wegen Sturms ganze vier Tage im Hafen liegen, bevor es endlich in Richtung Kiel auslief. Insgesamt 90 Stunden in vollkommener Dunkelheit, die er nur für kurze Blicke auf seine Uhr mit seinem Feuerzeug erhellen konnte, ertrug er unter Deck. Nur ein glücklicher Zufall verhinderte, dass Zollbeamte der DDR ihn nicht zu fassen bekamen. „Ich hatte nichts zu essen bei mir, und ich trank das Kondenswasser, das die Schiffswand herunterlief – diese Tropfen haben mir das Leben gerettet“, beschreibt Steinheisser die angsterfüllten Tage.

Im Westen kam er zunächst in ein Auffanglager für Zonenflüchtlinge, später durfte er eine Unterkunft in einem Schülerheim im Siegerland beziehen. „Im Prinzip war ich das, was man heute einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling nennt“, sagt der Grollander Buchautor und erinnert sich an stete Geldknappheit und Gelegenheitsjobs für ein selbstbestimmteres Leben. Der Neuanfang gelang: Die spannenden Erzählungen eines Seemanns entfachten erneut das Fernweh, das er bereits in der DDR verspürt hatte. Doch nun war er nicht länger an Ländergrenzen gebunden und fuhr zunächst als Schiffsjunge, später als Kapitän 13 Jahre lang zur See.

1970 meldete er sich zum Studium an der Seefahrtsakademie in Bremen an, auch wenn er die Stadt nur von wenigen Landgängen her kannte. „Aber Bremen war mir gleich sympathisch und genoss unter Seeleuten den Ruf der weltweit besten Bratwürste“, erinnert Steinheisser sich lachend. Erst wohnte er als Student in der Neustadt, seit 1979 lebt er in Grolland. Auch, als er 1981 als Diplom-Ökonom in die Bremer Wirtschaftsförderung wechselte, blieb er dem Meer als Segler stets treu. 2010 ging er in den Ruhestand.

Ob er rückblickend bereut, damals den Witz erzählt zu haben? Prompt kommt ein klares „Nein“ von Steinheisser, und er erklärt: „Der Witz hat mir ein freies Leben in Westdeutschland und vielen westlichen Ländern eröffnet, und ich bin froh, dass ich das erleben durfte.“

Die Autobiografie „Neunzig schwarze Stunden“ ist im Bremer Kellner-Verlag erschienen und im Buchhandel für 12,90 Euro erhältlich.

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