Neustart der Gastronomie

Wirte in Bremen und Niedersachsen ziehen ernüchternde Bilanz

Seit Beginn der Woche haben einige Gaststätten in Bremen wieder geöffnet. Doch statt Freude ist die Ernüchterung unter den Gastwirten meistens groß, wie eine Studie der Dehoga-Niedersachsen zeigt.
22.05.2020, 05:00
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Wirte in Bremen und Niedersachsen ziehen ernüchternde Bilanz
Von Jürgen Hinrichs

Die erste Woche in Bremen, in der die Gastronomie wieder öffnen durfte. Wie ist sie gelaufen? Wer hat die Chance genutzt, und ist sie überhaupt eine? Die Nachfrage ergibt ein gemischtes Bild. Völlig offen, wohin die Entwicklung führt. Es gibt Wirte, die dem Neustart entgegenfieberten, weil sie ihre Stammgäste und das Personal wiedersehen wollten. Andere beschränken sich weiterhin auf den Außerhausverkauf, und wieder andere machen gar nicht erst auf, weil ihnen die Unsicherheit zu groß ist. Unterm Strich dürfte das Ergebnis wie bei den Nachbarn in Niedersachsen sein, wo die Gastro bereits seit dem 11. Mai wieder für die Kunden da ist. Die erste Woche sei „höchst ernüchternd“ gewesen, bilanziert der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Hannover.

Vor dem „Engel“ im Ostertor sind bei dem guten Wetter die Tische draußen alle besetzt. Im Gastraum, der wegen der Corona-Regeln sehr übersichtlich möbliert ist, sitzt dagegen niemand. Es ist Tag eins nach achtwöchiger Pause. Die Gäste lassen sich von den maskierten Kellnerinnen den Mittagstisch bringen. Nudeln, Salate, Flammkuchen.

Gäste müssen sich nicht mehr registrieren lassen

Der Außenbereich ist mit einem Tau abgesperrt, um den Zugang zu regeln. Wer kommt, muss sich an einem Counter melden und seine persönlichen Daten abgeben, egal, ob er einen Platz drinnen oder draußen wählt. An diesem Tag ist das noch so, zwei Tage später schon nicht mehr. Seitdem sind Gäste, die auf der Terrasse oder im Biergarten Platz nehmen, nicht mehr verpflichtet, sich registrieren zu lassen. Auch bei der Abstandsregel gibt es eine Änderung. Die Tische müssen nicht länger zwei Meter auseinander stehen.

Sabine Possehn sitzt allein am Tisch, sie hat einen Salat vor sich und ein Glas Weißwein. „Das hat so gefehlt“, schwärmt die 54-jährige Sozialpädagogin. Während des Gesprächs rührt sie nichts an, „ich will das genießen“. Possehn war im März auf Kreta, erzählt sie, einen Tag nach ihrer Ankunft seien dort die Restaurants geschlossen worden, da waren sie in Deutschland noch geöffnet. Schwieriger Urlaub, und ein Vorgeschmack auf die lange Gastro-Pause in der Heimat, die nun, mit diesem Mittagessen, vorbei ist. Der Salat auf dem Teller verträgt ein wenig mehr Pfeffer, doch eine Mühle sucht die Frau vergebens. Salzstreuer gibt es auch keine. Stattdessen Tütchen für den Einmalgebrauch, geht gerade nicht anders.

Geführt wird das „Engel“ von Paulina Solar und Andreas Hoetzel. Die beiden erzählen, wie das war, als sie schließen mussten: „“Wir sind komplett aus dem Rennen genommen worden, während die Personalkosten zunächst weiterliefen. Kurzarbeit kam ja erst später.“ Das „Engel“ hat den Kaffee außer Haus verkauft, besser als gar nichts, haben sie sich gedacht, und jetzt, nach der Wiedereröffnung, müsse man sehen: „Womit machen wir das größere Minus?“ Denn natürlich könne man mit den deutlich reduzierten Plätzen und dem Tresenverbot keine schwarzen Zahlen schreiben. Also Schulden machen und durchhalten, bis das Geschäft wieder anzieht.

Das „Don Carlos“ schräg gegenüber, ein sehr großes Restaurant, wartet noch ab. An der Eingangstür hängt ein Zettel, der die Gäste darüber informiert, dass es erst am 5. Juni wieder losgeht, wahrscheinlich, aber noch nicht sicher: „Wir sind bemüht.“ Ein paar Häuser weiter prangt weiterhin das Schild „Außerhausverkauf“. Das sind die Varianten, jeder Gastronom weiß selbst am besten, was bei ihm möglich ist, mancher mag auch schon resigniert haben und schließt ganz.

Currywurst-Party zum Start

Das „Theatro“ am Theater am Goetheplatz hält es wie das „Don Carlos“, die Türen bleiben vorerst zu. Pächter ist Barry Randecker, er will zunächst sehen, was passiert, wie sich die Situation entwickelt: „Vielleicht in zwei Wochen, ich weiß es noch nicht.“ Geöffnet hat er am Mittwoch die „Meierei“ im Bürgerpark. „Wir machen das sukzessive, mit kleiner Karte“, sagt Randecker. Auftakt war zur Mittagszeit eine Currywurst-Party für die Mitarbeiter des Parks. Der Gastronom hatte sie eingeladen, das macht ihm Spaß, sagt er, außerdem sei es ein Dankeschön. Die behördlichen Auflagen kann Randecker nachvollziehen, „da stehe ich voll dahinter“. Gleichzeitig packt ihn Unbehagen: „Ich bin Wirt und kein Versorger. Meine Restaurants sind keine Kantinen.“ Mundschutz, Abstand halten, Daten erheben – muss er machen, aber nicht sein Ding. Party feiern, und sei es mit Currywurst, geht anders.

Roland Koch, der in Bremen unter anderem die beiden „Paulaner’s“ betreibt, spricht von einer „Startformation“. Er hat alle seine Lokale, darunter auch das „El Mundo“ in der Überseestadt, geöffnet, weiß aber noch nicht, wo die Reise hingeht. „Es war uns wichtig, dass wir gleich wieder loslegen, schon wegen des Personals“, sagt Koch. Was er merkt und was ihn freut: „Die Gäste sind sehr kooperativ und halten sich strikt an die Regeln.“ Das Arbeiten sei deshalb sehr angenehm. Und noch etwas: „Wenn das Wetter es zulässt, setzen sich die Kunden am liebsten nach draußen, selbst wenn sie sich dafür eine Jacke überziehen müssen.“ Sicher ist sicher.

Für Koch ist klar, dass schnell weitere Lockerungen kommen müssen – „sonst führt das in die Pleite“. Die begrenzte Anzahl von Plätzen in den Restaurants sei das eine. Wenn dann auch noch die Regel gelte, Menschen aus maximal zwei Haushalten an die Tische zu setzen, sei klar, dass das in der Gastronomie wirtschaftlich nicht darstellbar ist.

In Niedersachsen hat die Dehoga 893 Mitglieder befragt. „Die Bewertung der ersten Öffnungstage ist höchst ernüchternd“, stellt Dehoga-Präsident Detlef Schröder fest. Nur knapp zwei Drittel der Betriebe hätten am 11. Mai wieder geöffnet. Wegen der Auflagen sei klar gewesen, dass nicht mit viel Umsatz gerechnet werden konnte. Trotzdem habe sich Enttäuschung breit gemacht. 77 Prozent der befragten Betriebe beklagten, dass selbst das angepeilte niedrige Niveau nicht erreicht wurde. Im Vergleich zum normalen Umsatz einer Maiwoche lagen bei 75 Prozent der Befragten die Umsätze bei weniger als einem Viertel. „Zu hoffen ist jetzt, dass die staatlichen Einschränkungen schnell gelockert werden, um zu einer neuen Normalität zurückkehren zu können“, erklärt Schröder.

„Engel“-Wirt Andreas Hoetzel zieht am Donnerstag eine erste Bilanz. Vier Aspekte aus seiner Sicht, die das Geschäft dermaßen hemmen, dass er bei 85 Prozent seiner Kosten nur auf ein Drittel des früheren Umsatzes kommt: Kunden, die wegen Corona verunsichert sind und zu Hause bleiben. Das Kontaktverbot zum Beispiel für die Kollegen im Büro, die deshalb mittags nicht gemeinsam essen gehen. Das weit verbreitete Homeoffice, weshalb viele Menschen gar nicht in der Stadt sind. Und die fehlenden Touristen.

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