Radio-Autor Ulrich Teusch über Unwahrheiten in der Politik und im Alltag – Zu Gast beim Hörkino-Geburtstag „Nicht jede Lüge ist verwerflich“

„Nicht schwindelfrei. Über Lügen in der Politik.Herr Teusch, was war die dreisteste Politikerlüge, die Ihnen bisher untergekommen ist?
01.04.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Nicht schwindelfrei. Über Lügen in der Politik.“ Für dieses Radiofeature hat Ulrich Teusch im vergangenen Oktober den Roman-Herzog-Medienpreis bekommen. Am morgigen Mittwoch wird es im Bremer Hörkino zum zehnjährigen Bestehen der Kulturreihe aufgeführt. Anschließend wird Bremens Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne) mit dem Publikum und dem Autor diskutieren. Anke Landwehr sprach vorher mit Ulrich Teusch.

Herr Teusch, was war die dreisteste Politikerlüge, die Ihnen bisher untergekommen ist?

Ulrich Teusch: Mein Feature geht los mit Uwe Barschel und seinem Ehrenwort. Man könnte aber ebenso gut seinen damaligen Gegenpart Björn Engholm nennen, der seinem Herrgott in der Schubladen-Affäre gedankt hat, von nichts gewusst zu haben, bis sich herausstellte, dass er es doch gewusst hat. Das finde ich schon sehr grenzwertig.

Haben Sie weitere Beispiele?

Ich wollte nicht der populistischen Versuchung erliegen, die zehn dreistesten Politikerlügen anzuprangern. Es geht mir eher um die Sichtweise von Leuten, die meinen, dass Politiker uns ständig belügen; sie werden darin nicht bestätigt. Denn wenn einer lügt, gehört auch immer einer dazu, der sich belügen lässt. Und es gehören die Medien dazu, die die Lügen verbreiten – mal bewusst, mal unbewusst.

Wer Politikern alles glaubt, ist also selber schuld?

Bürger sollten lernen, das politische Spiel zu durchschauen. Da spielen Taktiken und Strategien eine Rolle. Man kann nicht erwarten, dass jemand gleich alles auf den Markt trägt. Auch Geheimhaltung hat ihre Berechtigung. Und nicht jede Lüge ist verwerflich. Denken Sie nur an unseren ganz unpolitischen Alltag – an Komplimente oder daran, wie überschwänglich von Kindern gemalte Bilder gelobt werden. Wenn wir uns von morgens bis abends nur die Wahrheit sagen würden, wäre das Leben wahrscheinlich unerträglich.

Möglich. Doch von Politikern möchten wir nicht hinters Licht geführt werden.

Nun, es gibt auch die Lüge als List, die sich im Nachhinein durch Erfolg legitimiert. Als Adenauer die Wiederaufrüstung lanciert hat, hat er nicht immer die Wahrheit gesagt, doch aus seiner Taktik ist etwas allgemein Akzeptiertes erwachsen. Das kann allerdings auch nach hinten losgehen, wie die Irak-Politik von Bush zeigt. Wäre das aber anders ausgegangen, würden wir das anders sehen.

Helmut Kohl erklärte in der Parteispendenaffäre, sich nicht an die illegalen Millionen-Zuwendungen des Großindustriellen Flick erinnern zu können. Da war er schon Bundeskanzler. Jahre später behauptete er auch, die Wiedervereinigung gehe nicht zu Lasten des Steuerzahlers. Dann kam der Soli, und den gibt es bis heute. Trotzdem wurde Kohl wiedergewählt. Will das Volk belogen werden?

Viele lassen sich gerne einlullen. Die wollen Politiker, die es ihnen ermöglichen, ihr Leben weiterzuleben. Und Kohl hatte ja auch was vorzuweisen. Das ist der Hoeneß-Faktor: Bei einer anerkannten Lebensleistung verzeiht man gewisse Dinge. Gute Kommunikatoren kriegen das hin. Ypsilanti dagegen ist sofort abgestraft worden.

Wie kann der Bürger es vermeiden, Lügen aufzusitzen?

Indem er sich umfassend informiert, hinterfragt und analysiert, seine Naivität, Leichtgläubigkeit und Lethargie überwindet. Er sollte wissen, dass Politiker sich eigentlich immer taktisch verhalten. Erst wenn sie wie Geißler oder Schmidt nichts mehr zu verlieren haben, können sie Dinge sagen, die sie vorher vielleicht nicht sagen konnten. Andererseits lügen Politiker nicht, sobald sie den Mund aufmachen. Die meisten halte ich schon für seriös.

Was aber schwer zu durchschauen ist.

Es gelingt einem nicht immer, gerade bei Kampagnen. Ich bin ja immer noch ein wenig stolz darauf, von Anfang an nicht auf die Wulff-Affäre eingestiegen zu sein, weil ich das Ende vorausgesehen habe. Journalisten haben in solchen Fällen eine besondere Verantwortung, kühlen Kopf zu bewahren und diesen Rudel-Journalismus zu vermeiden. Leider gibt es heute ja diese merkwürdigen Talkshows, wo sich jeder produzieren darf. Ob die Leute hinterher schlauer sind, ist die Frage. Früher gab es mal eine Sendung, die hieß Pro und Contra. Die hat auf diese Mätzchen total verzichtet: Da haben Politiker innerhalb einer festgelegten Zeit ihre Argumente ausgetauscht, und das Publikum durfte vorher und nachher abstimmen. Da hat man gesehen, wie sich Meinungen durch gute Information ändern können. So was finde ich klasse. Denn mündig sind Bürger nicht, wenn sie irgendeiner Politik zustimmen, mündig sind sie, wenn sie sich von keiner täuschen lassen.

Mit dem Radiostück „Nicht schwindelfrei - Über Lügen in der Politik“ feiert das Bremer Hörkino morgen sein zehnjähriges Bestehen. Die Veranstaltung im SWB-Kundencenter Am Wall/Sögestraße beginnt um 20 Uhr, der Eintritt ist frei.

Zur Person

Ulrich Teusch ist Professor für Politikwissenschaft, er lebt in Edermünde bei Kassel. Nach längerer wissenschaftlicher Tätigkeit arbeitet er seit 2002 als freier Hörfunkautor und schreibt Sachbücher.

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