Kurse in der klassischen Bildhauerei Nicht lächeln, nicht böse gucken

Wozu braucht man ein Nudelholz und ein Messer? Zum Backen, aber auch für den Hohlaufbau mit Ton. In der neu gegründeten Bremer Bildhauerschule in Walle kann jeder ausprobieren, wie es geht.
01.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Nicht lächeln, nicht böse gucken
Von Nikolai Fritzsche

Wozu braucht man ein Nudelholz und ein Messer? Stimmt, zum Backen. Aber auch für den Hohlaufbau mit Ton. In der neu gegründeten Bremer Bildhauerschule in Walle kann jeder ausprobieren, wie es geht – genau wie andere Techniken der klassischen Bildhauerei.

Christian Schilling schneidet mit Draht eine dicke Scheibe von einem 1,5 Kilo schweren Block Modellierton ab. Mit einem Nudelholz walzt er den Ton, bis die Oberfläche glatt ist. Ein Schnitt mit dem Messer, und fertig ist das finale Bauteil: eine Scheibe aus weichem Ton, sechs Zentimeter im Durchmesser, zwei Zentimeter dick. Vorsichtig drückt er das Stück auf die runde Öffnung in der Schädeldecke.

Wir befinden uns in der Kulturwerkstatt Westend in Walle, wo eine neue Bildhauerschule entstanden ist. Draußen Regen und Sonne im Wechsel, drinnen mischen sich die Gerüche von Kaffee und Staub. Dreizehn Menschen mit schmutzigen Händen und Hemden. Zwei von ihnen laufen umher, schauen mal diesem, mal jenem über die Schulter: „Sind die Arme deiner Figur nicht zu lang geraten? Schau mal bei dir selbst: Unterarm und Hand sind zusammen so lang wie der Oberarm.“ Annegret Kon und Stefan Saxen sind Künstler von Beruf, genauer: Bildhauer. Sie leiten Kurse für Menschen, die nicht von der Kunst, aber doch ein bisschen für die Kunst leben.

So wie Christian Schilling. Der 55-Jährige hat Architektur studiert. Technisch arbeiten und kreativ sein, das ist die Mischung, die ihm gefällt. „Als in der Branche Krise herrschte, musste ich den Beruf wechseln“, erzählt er. Heute ist er als Stadtplaner im Bauressort an der Gestaltung des Bremer Südens beteiligt, sitzt aber nicht am Zeichentisch: Die Aufträge werden an Architekturbüros vergeben. Seit mehr als 20 Jahren fährt Schilling deshalb zweigleisig. Nach der Arbeit kommt das Kreative. Von Anfang an machte er hauptsächlich das, woran er auch jetzt arbeitet: Köpfe.

Von den sieben Kursleitern der Bildhauerschule unterrichtete einzig Stefan Saxen bereits vor der Neugründung in der Kulturwerkstatt Westend. Seit Langem war er mit Kollegen auf der Suche nach Räumen für eine gemeinsame Schule, in der alle Techniken und Materialien der klassischen Bildhauerei angeboten werden: Zeichnen, Modellieren mit Ton, Bildhauen in Holz und in Stein, Gips- und Betonabguss. Dann wurden wurden Räume in der Kulturwerkstatt frei, Anfang 2015 fand der erste Kurs der neuen Bremer Bildhauerschule statt: Porträt-Modellieren.

Heute geht es um den Hohlaufbau: Ton wird Lage um Lage aufgeschichtet, bis eine Figur entstanden ist, die innen hohl ist – so dass sie beim anschließenden Brennen nicht platzt. Damit die Luft aus dem Inneren entweichen kann, werden bei einem fertig modellierten Kopf die Mundwinkel oder Nasenlöcher durchstochen. „Es ist eine Mischung aus technischem und anatomischem Wissen, die wir den Leuten vermitteln“, erklärt Annegret Kon.

Von den elf Frauen und Männern, die unter Anleitung von Saxen und Kon Figuren und andere Objekte modellieren, verbraucht Christian Schilling mit Abstand am meisten Ton. Etwa viermal so groß wie ein menschlicher Schädel ist der Kopf, an dem er arbeitet, und 25 Kilo schwer. „Meine Köpfe sind alle überdimensional“, sagt er. Fünfzehn davon hat er bereits zuhause in Huchting. Der sechzehnte steht im Moment noch auf einer Drehscheibe, das Kinn auf einem Stapel aus Holzstücken gestützt. Sonst würde ihm buchstäblich die Kinnlade herunterfallen. Erst beim Trocknen über Nacht wird der Ton so stabil werden, dass der Kopf frei stehen kann.

Seine ersten Bildhauerkurse besuchte Schilling vor 20 Jahren in Saxens Atelier in der Neustadt. „Da gab es nicht mal eine Heizung“, lacht er. In der Bildhauerschule im Kulturzentrum Westend muss niemand frieren. Nicht der einzige Vorteil: Weil die Kursleiter alle Bereiche der klassischen Bildhauerei abdecken, können Teilnehmer im Zeichenkurs Skizzen anfertigen, diese in einem weiteren Kurs in ein Modell aus Ton, Holz oder Stein umsetzen und anschließend in Gips oder Beton abgießen. Ganz der Stadtplaner, hat Christian Schilling auch die Auswirkungen auf das Quartier im Blick: „Die Bildhauerschule stärkt das Kulturzentrum. Das ist gut für Walle.“

Gut für Christian Schilling wäre es, wenn sein Tonkopf am Ende ein neutrales Gesicht hätte. Weder lächeln noch böse gucken soll er, das ist sein Ideal – ein Antlitz, das dem Betrachter die eigene Stimmung zurückspiegelt, „wie Buddha-Statuen oder die Mona Lisa.“ Ob ihm das gelingt oder nicht – Christian Schilling wird wieder in die Bildhauerschule kommen, weitere Kurse belegen. „Das ist jedes Mal wieder eine neue Herausforderung“, sagt er. Genauso wie die Ohren, die seinem Tonkopf noch fehlen. Sie sollen nämlich völlig symmetrisch sein. Und das ist selbst für Annegret Kon und Stefan Saxen alles andere als ein Kinderspiel.

Die Bremer Bildhauerschule befindet sich in den Räumen der Kulturwerkstatt Westend, Waller Heerstraße 294. Es gibt Abend- und Wochenendkurse für Zeichnen, Modellieren, Stein- und Holzbildhauerei sowie Beton- und Gipsabguss. Informationen und Anmeldung unter www.westend-bildhauerwerkstatt.de oder 0421/6160455. Eine Möglichkeit, die Bildhauerschule kennenzulernen, bietet auch die Ausstellung am 18. April, bei der Arbeiten aus den Kursen zu sehen sind.

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