Serie „Die Brinkmänner“ Nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen im Betriebsalltag

Siegfried Wolfram sollte 1983 bei der Bremer Zigarettenfabrik Martin Brinkmann von einer Betriebsversammlung ausgeschlossen werden. Dagegen wehrte er sich vor dem Arbeitsgericht erfolgreich.
14.07.2019, 21:01
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Nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen im Betriebsalltag
Von Detlev Scheil

Siegfried Wolfram stimmt vielen ehemaligen Kollegen zu: „Ja, Brinkmann war ein großzügiges Unternehmen, das gut zahlte und einige Extras gewährte.“ Doch es habe auch eine andere Seite gegeben. Wolfram fühlte sich systematisch ausgegrenzt. Er wehrte sich und zog vors Arbeitsgericht, das am 8. März 1983 über die Sache verhandelte. Auch Radio und Regionalfernsehen berichteten über den Fall.

Die Stimmung bei der Martin Brinkmann AG ist in jener Zeit aufgeheizt. Denn es werden große Betriebsteile und auch die übergeordnete Brinkmann-Holding aus Gründen der Steuerersparnis von Bremen nach Berlin verlegt. Im August 1982 wird auf einer Betriebsversammlung der Abbau von 350 Mitarbeitern angekündigt. Der 29-jährige Maschinist Wolfram aus der Zigarettenfabrik gehört zu den Gekündigten und wird von Januar 1983 bis zum Entlassungstermin am 31. März von der Arbeit freigestellt. Er erinnert sich: „Die Kollegen haben sich gegen die Entlassungen natürlich gewehrt, unter anderem gab es einen Demonstrationszug von Brinkmann zum Marktplatz. Viele waren fassungslos und hatten Tränen in den Augen.“

Trotz seiner Freistellung will Siegfried Wolfram, der Vertrauensmann der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG) ist, gelegentlich mit den Kollegen im Unternehmen reden und das Betriebsratsbüro besuchen. Das wird ihm jedoch von der Geschäftsleitung verwehrt. Auch an einer Betriebsversammlung soll er nicht teilnehmen dürfen. Er zieht vor Gericht, um eine einstweilige Verfügung zu erwirken, die ihm die Teilnahme an der Versammlung ermöglicht. Die Geschäftsleitung argumentiert, sie befürchte, dass Wolfram den Betriebsfrieden störe. Außerdem sei ihr unangenehm aufgefallen, dass der Arbeiter vor dem Firmengelände Flugblätter der DKP verteilt hatte. Das Arbeitsgericht gibt Wolfram recht und verpflichtet das Unternehmen, ihn zur Betriebsversammlung zuzulassen.

Siegfried Wolfram, der heute in Gröpelingen wohnt, hatte Dekorateur gelernt und wollte eigentlich anschließend Sozialpädagogik studieren. Doch um Geld zu verdienen, heuert er bei Brinkmann an und wird im Maschinensaal der Zigarettenfabrik eingesetzt. Politisch engagiert er sich von 1975 bis 1985 bei der DKP. „Ich hatte den Eindruck, dass mir das von führenden Leuten im Unternehmen übel genommen wurde und ich ganz bewusst dort eingesetzt wurde, wo ich wenig Kontakt zu Kollegen hatte“, erinnert er sich. Die Geschäftsführung habe offenbar befürchtet, dass er Unruhe stiftet.

1984 kommt es zu einer noch größeren Entlassungswelle: 1000 der insgesamt in Bremen verbliebenen 1850 Mitarbeiter sollen gehen. In den Sozialplan-Verhandlungen setzt der Betriebsrat Abfindungen in Höhe von drei bis 15 Monatsgehältern, je nach Betriebszugehörigkeit, durch. Die niedrigsten Brutto-Monatslöhne liegen damals bei rund 2400 D-Mark, die höchsten bei 5450 D-Mark. Damit eine Rumpfmannschaft in Woltmershausen verbleiben kann, erklärt sich die Belegschaft bereit, für zwei Jahre auf 30 Prozent des 14. Monatsgehalts („Weihnachtsgeld“) zu verzichten. In einem Interview erklärt der Betriebsratsvorsitzende Wilhelm Lustig, er habe schon länger den Eindruck gehabt, dass bei Brinkmann im Vergleich zu anderen Zigaretten- und Tabakfabriken „1000 Leute zu viel“ an Bord seien.

Wolfram findet einen neuen Job beim Bremer Klöckner-Stahlwerk. 1985 wechselt er zur Gewoba. Bis zum Ruhestand im Dezember 2018 wirkt er dort als Hauswart.

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