Schauspieler vom Geschichtenhaus lassen bei Führungen im Übersee-Museum alte Zeiten aufleben Nichts für Feiglinge: Szenen vom Walfang

Bahnhofsvorstadt. Zu einem verspäteten „Prosit Neujahr!“ heißt Smutje Johann in stilechter Seefahrer-Montur in der Sonder-Ausstellung „Faszination Wale“ die zahlreichen Gäste im Übersee-Museum willkommen. Auf die Frage nach dem werten Befinden kommt eine launige Antwort aus der Zuhörerschar: „Noch sind wir nüchtern!“ Denn zum Auftakt der ersten Führung mit Schauspiel im neuen Jahr verabreichte der Smutje alias Marcus Kehlenbeck aus der Neustadt jedem einen kräftigen Schluck Rum, wahlweise Apfelsaft.
28.01.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sigrid Schuer

Zu einem verspäteten „Prosit Neujahr!“ heißt Smutje Johann in stilechter Seefahrer-Montur in der Sonder-Ausstellung „Faszination Wale“ die zahlreichen Gäste im Übersee-Museum willkommen. Auf die Frage nach dem werten Befinden kommt eine launige Antwort aus der Zuhörerschar: „Noch sind wir nüchtern!“ Denn zum Auftakt der ersten Führung mit Schauspiel im neuen Jahr verabreichte der Smutje alias Marcus Kehlenbeck aus der Neustadt jedem einen kräftigen Schluck Rum, wahlweise Apfelsaft.

Es ist das beste Gegengift gegen die Seekrankheit, die rund um Kap Hoorn verbreitet ist. Ganz so, wie es der Kapitän des Walfängers „Gustav“ immer zu sagen pflegte: Das ist nichts für Feiglinge! Die Route durch die Magellan-Straße schon eher, wie Johann berichtete. „Mensch, so viele Frauensleute wollen mit an Bord gehen. Wollt ihr alle nach Rio auswandern?“, staunte der Smutje nicht schlecht. „Ich geb’ euch mal einen guten Rat: Macht lieber euer Testament, bevor wir ablegen, und geht nochmal in die Kirche, um ein letztes Gebet auf festem Boden zu sprechen!“ Letzteres ein running gag, mit dem Kehlenbeck immer wieder den Ball ins Feld von Museumspädagogin Miriam Savoca aus dem Fesenfeld spielte, die mit ihm gemeinsam die rund einstündige Führung bestritt.

Ungemein plastisch schilderte Marcus Kehlenbeck die Fährnisse, mit denen die Männer zu kämpfen hatten, die auf Walfang-Schiffen wie der „Gustav“ anheuerten, so auch den furchterregenden Törn rund um Kap Hoorn: „Vor uns stand eine riesige, graue Wasserwand, auf der die Gischt wie ein Pott kochender Milch brodelte“, erzählt Kehlenbeck, der seit sechs Jahren im Bremer Geschichtenhaus arbeitet. Schon 2012/13 kooperierte das Übersee-Museum für die Ausstellung „Abenteurer, Entdecker, Forscher“ mit dem Haus im Schnoor. Für die Schau „Faszination Wale“ schlüpft Kehlenbeck alternierend mit zwei Kollegen in die Rollen verschiedener harter Burschen. Stefan Buchner erzählt von den Walfänger-Törns aus der Perspektive eines Segelmachers.

Patrick Fürst gibt mit schwarzem Piraten-Kopftuch den Harpunier. „Der Jan, unser Harpunier, der hatte ja so einiges auf dem Kerbholz und musste noch in Rio, vor Kap Hoorn von Bord gehen“, berichtete der Smutje weiter und klärte sogleich über die Gewinn-Verteilung auf: Zusätzlich zum Rum, den der Kapitän nach erfolgreicher Jagd ausgebe, kassiere der einfache Matrose 0,8 Prozent vom Gewinn, der Harpunier dagegen satte vier Prozent.

Die Wal-Jagd schilderte er äußerst dramatisch: „Wir sahen den Blas des Wales und dann ging es ab in die Ruderboote, wir pullten stundenlang, bis wir ihn endlich erreicht hatten. Dann muss schnell die Harpune geworfen werden“. Entweder der Wal tauche ab oder er greife das Schiff an, das er locker mit seiner Schwanz-Fluke zum Kentern bringen könne. Manchmal sei er sogar so stark, dass der harpunierte Wal das Schiff wie einen Schlitten hinter sich her zöge.

„Ja, und dann beginnt der Tanz mit dem Tod. Die Harpuniere traktieren das Tier mit Lanzen, um eine Ader in der Nähe der Lunge zu treffen, denn das Herz sitzt zu tief im Inneren. Ist er erst einmal getroffen und eine Blut-Fontäne sprudelt empor, dann sagen wir: ’Der Schornstein raucht!’“ Ja, und dann geht es wie folgt weiter: Der Wal wird geschält und geflenst. Die einzelnen Stücke werden dann in riesigen Töpfen ein bis zwei Tage gekocht. „Das stinkt erbärmlich, wie die Hölle. Einen Walfänger sieht man nicht, man riecht ihn. Das ist ein düsteres, dreckiges Geschäft“, berichtete Johann anschaulich .

Bis das erste Erdöl in Pennsylvania entdeckt wurde, war Waltran das „Schmiermittel des Fortschritts“. Nicht nur, dass die Fabrikhallen der Industrialisierung mit Walöl beleuchtet wurden, auch die „Spinning Jennys“, die Dampf- und die Webmaschinen wurden mit Waltran geschmiert, erzählte der Smutje. Ein lohnendes Geschäft also, das so manchen zu gierig und zu unvorsichtig werden ließ. „Wir waren auf der Rückreise und befanden uns auf Höhe der Galapagosinseln. Wir hatten schon viele Fässer mit Waltran an Bord, aber der Kapitän schlug alle Warnungen in den Wind und wollte immer noch mehr“, berichtet Johann.

Und da tauchte er auch schon wie aus dem Nichts auf, ein mächtiger, grau-blasser Wal-Bulle, so einer wie der legendäre „Fighting Joe“. „Wir warfen eine Harpune, aber der Wal wurde nicht müde. Mit einem Schlag der Fluke zertrümmerte er unser Schiff. Gernot und ich haben uns an den Trümmerteilen festgeklammert. Wir haben unser Leben Revue passieren lassen, gesungen und viel gebetet. Aber Gernot hat es dann doch nicht geschafft“, erzählt Marcus Kehlenbeck.

„Wir haben für unsere Schauspiel-Führungen viel recherchiert und gelesen, um tiefe Einblicke in die ganz persönliche Lebenswelt der Menschen von damals geben zu können“, sagt Regisseurin Miriam Platzeck. „Das Reizvolle ist der Kontakt mit dem Publikum.“ Und die Publikumsreaktionen waren bei dieser Führung mit Schauspiel äußerst lebhaft. Viele empörten sich über die an den Walen begangenen Massaker, die beinahe zur Ausrottung der einzelnen Spezies geführt hätten.

Die nächsten Führungen mit Schauspiel: Am Dienstag, 8. März, und Dienstag, 12. April, um 18 Uhr. Der Eintritt kostet zehn Euro, ermäßigt acht Euro inklusive einem Glas Rum. Nur mit Anmeldung unter anmeldung@uebersee-museum.de oder unter Telefon 60 38 171

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