Ludwig Baumann veröffentlicht seine Biografie

„Niemals gegen das Gewissen“

Ludwig Baumann, letzter noch lebender Wehrmachtsdeserteur, hat seine Lebensgeschichte erzählt und aufschreiben lassen. Jetzt ist sie als Buch erschienen: „Niemals gegen das Gewissen.“ Es ist die Geschichte eines Menschen, der an entscheidender Stelle seines Lebens Nein gesagt hat und fortan um seine Würde kämpfen musste.
19.04.2014, 00:00
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Von Albrecht-Joachim Bahr
„Niemals gegen das Gewissen“

Ludwig Baumann am Denkmal des unbekannten Deserteurs im Bürgerhaus. Er ist erst 2009 rehabilitiert worden.

Albrecht-Joachim Bahr

Ludwig Baumann, letzter noch lebender Wehrmachtsdeserteur, hat seine Lebensgeschichte erzählt und aufschreiben lassen. Jetzt ist sie als Buch erschienen: „Niemals gegen das Gewissen.“ Es ist die Geschichte eines Menschen, der an entscheidender Stelle seines Lebens Nein gesagt hat und fortan um seine Würde kämpfen musste.

„Ich möchte noch so lange wie möglich wach und tatkräftig bleiben. Und dann in Würde sterben.“ Mit diesen Worten schließt der 92-jährige Ludwig Baumann seine Lebensgeschichte. „Niemals gegen das Gewissen“ heißt sein Buch, das jetzt erschienen ist. Auf 126 Seiten schildert der letzte noch lebende Wehrmachtsdeserteur darin seinen Kampf für Frieden und Gerechtigkeit, schildert vor allem aber den Kampf um seine Würde.

Denn das Buch erzählt vor allem von einem Leben als Verweigerer und Deserteur. 1942 sagt der in Bordeaux stationierte Marinegefreite Baumann Nein zum Krieg. Er türmt und will über Marokko nach Amerika. Doch an der Grenze zu Frankreich fällt er einer deutschen Kontrolle in die Arme. Er ist zwar bewaffnet, wehrt sich aber nicht. Die Verhandlung vor dem Marinegericht im Juli 1942 dauert 40 Minuten: Todesurteil. Baumann sitzt bis April 43 in der Todeszelle. Von der schon im August 42 erwirkten Begnadigung weiß er nichts. Aus dem Todestrakt entlassen, kommt Baumann ins Gefängnis. Danach wird er einem Strafbataillon in Weißrussland überstellt.

Ludwig Baumann überlebt. Aber im Zivilleben kann er nicht Fuß fassen. Der Kriegsheimkehrer wird wie ein Aussätziger behandelt, Verachtung und Unverständnis, selbst in der eigenen Familie, schlagen ihm entgegen. Es fehlt nicht viel, dass er vollends an seinem Schicksal zerbricht. Er stürzt ab, vertrinkt das väterliche Erbe. Auch in der Ehe, aus der sechs Kinder hervorgehen, findet er keinen Halt. Das ändert sich erst mit dem Tod seiner Frau bei der Geburt des sechsten Kindes. „Das war der endgültige Wendepunkt. Ich hatte Verantwortung für sechs weitere Leben. Und für meines. Ich musste, durfte und konnte diese Verantwortung übernehmen.“

Vor allem dann eben auch die für sich, für seine Würde. Denn er nimmt den Kampf auf, zumindest juristisch rehabilitiert zu werden. Mit spätem Erfolg: Erst 2009, 64 Jahre nach Kriegsende, beschließt der Bundestag die pauschale Aufhebung aller NS-Urteile zur Desertion. Baumann ist nicht mehr vorbestraft.

Zu dem Buch ist es gekommen, nachdem eine Lektorin des Herder-Verlages im Radio ein Gespräch zwischen Baumann und dem Rundfunkreporter und -moderator Norbert Joa gehört hatte. Sie sei begeistert gewesen, erzählt Ludwig Baumann, habe ihn aufgesucht und ihm vorgeschlagen, seine Lebensgeschichte als Buch herauszubringen. „Vierzehn Tage hat mich Joa dann interviewt. Anschließend hat er es, weil ich in meinem Alter beim Erzählen gern mal den Faden verliere, in eine lesbare Fassung gebracht.“

In seiner Zusammenfassung geht Joa dabei nicht chronologisch vor: Die einzige Ordnung ist das Todesurteil, das wieder und wieder über Baumann verhängt wird, 1942 genauso, wie zum Beispiel per Post 1993: „Sehr geehrter Herr Baumann! Ich kann nur bedauern, dass Sie nicht erschossen oder geköpft wurden . . .“ (Absender: anonym). Ein weiteres Ordnungselement ist die Beschreibung des Kampfes, den Baumann schließlich aufnimmt, um wenigstens seine Würde wiederzuerlangen.

Seit Anfang der 80er-Jahre engagiert Baumann sich in der Friedensbewegung. Er will helfen, das Übel an der Wurzel zu fassen, will helfen, eine Welt ohne Waffen zu schaffen. Er versucht, Bundeswehrrekruten vom „Kriegsdienst“ abzuhalten. Er ist bei Sitzblockaden dabei, demonstriert bei feierlichen Gelöbnissen. „Ich weiß“, sagt er, „eine Welt ohne Krieg ist eine Utopie, aber eine gute Utopie. Und für die werde ich weiterkämpfen“.

1990 gründete Baumann den Bundesverband der Opfer der NS-Militärjustiz, dessen beharrliche Aufklärungsarbeit in ein Gesetzgebungsverfahren mündete, das die Todesurteile, die Wehrmachtsrichter bei Desertion verhängten, schließlich für null und nichtig erklärte. Endlich ist er rehabilitiert. Aber bis dahin war es ein langer Weg. Und selbst wenn es hinlänglich bekannt ist, es bleibt bis heute erschreckend, wie weit das NS-Rechtswesen über den Krieg hinausreichte, wie viel Leichen die Bundesrepublik im Keller hatte und wer so alles trotz im Krieg verhängter Todesurteile später weiter und ungestraft Recht sprechen durfte.

Und immer wieder die Briefe der „alten Kameraden“. Etwa 2007, mit einem Zeitungsartikel über Baumann. Unter seinem Foto steht in altdeutschen Druckbuchstaben: „Deutscher Drecksack!“ und groß darüber: „Hengt sie alle auf!“ Ironie wenigstens dieser Geschichte: Baumann ist Legastheniker. Auch sein Vater hat seine Briefe an ihn, wie sich später herausstellte, von einem seiner Geschwister schreiben lassen. Baumann: „Anscheinend gibt es auch unter den letzten alten Kameraden Legastheniker.“

Ludwig Baumann/Norbert Joa „Niemals gegen das Gewissen“, erschienen bei Herder. Das Buch hat 128 Seiten und kostet 12,99 Euro.

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