Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Arzt Niere statt Milz entfernt

Wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung ermittelt die Staatsanwaltschaft Bremen gegen einen Arzt des Klinikums Bremen-Mitte. Der Mediziner soll einem jungen Mann eine Niere anstatt der Milz entfernt haben.
13.10.2017, 15:37
Lesedauer: 3 Min
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Von Sabine Doll Elke Hoesmann

Schwere Vorwürfe gegen einen Arzt am Klinikum Bremen-Mitte: Der Mediziner hat in der vergangenen Woche dem 18-jährigen Kerim Ucar eine Niere statt der Milz entfernt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Arzt wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung. Die Mutter des Jungen, Durna Ucar, sagte dem WESER-KURIER, ihre Familie sei immer noch im Schock. „Wie ein Schlag ist das, einfach unfassbar.“

Ursprünglich sei geplant gewesen, die Milz des Jungen operativ zu entfernen, sagte Staatsanwaltschafts-Sprecherin Silke Noltensmeier am Freitag. Stattdessen wurde die Niere herausoperiert. „Es ist Gegenstand des Verfahrens, herauszubekommen, wie es dazu kommen konnte“, sagte sie. Geprüft werde, ob sich der Verdacht auf fahrlässige Körperverletzung bestätige, oder ob es am Ende medizinische Gründe dafür gab, die Niere zu entfernen.

Kein Einfühlungsvermögen

Kerim Ucar hat eine problematische Vorerkrankung, er leidet an einer Kugelzellenanämie und ist seit der Geburt in Behandlung. Vor Jahren sei bereits seine Milz verkleinert worden, berichtete die Mutter. Und ausgerechnet der Arzt, der damals diesen Eingriff vorgenommen habe, sei nun derjenige, der ihn falsch operierte.

Liegen Erkrankungen dieser Art vor, können sich Organe im Bauchraum verschieben, erklären dazu Experten. Im Fall des jungen Bremers waren dem Vernehmen nach die Nieren verschoben, die OP-Situation erwies sich demnach als besonders kompliziert. Die Zuordnung sei schwierig gewesen.

„Jedes Kind weiß doch, wie eine Niere aussieht“, sagt Durna Ucar. Die Mutter des Jungen versteht nicht, wie es zu einer derartigen Verwechslung kommen konnte. Ihr Sohn war am Donnerstag, 5. Oktober, im Klinikum operiert worden; „erst hieß es, die OP sei gut verlaufen“, doch dem 18-Jährigen ging es schlecht. Am nächsten Tag seien Ultraschallaufnahmen gemacht worden, „da sah man, dass die Niere fehlte – wir haben es zunächst nicht glauben wollen“. In einem schlichten Aufenthaltsraum habe der Oberarzt sie dann darüber informiert, was passiert war. „Einfach so“ – von Einfühlungsvermögen keine Spur, kritisierte die Frau aus Oslebshausen.

Arzt wollte keine Auskunft geben

Die Fehler und Pannen waren damit noch nicht beendet. Die Familie wollte den Jungen zunächst schonen, ihm die schreckliche Wahrheit nicht sofort mitteilen. Es ging ihm ja auch nicht gut, sie schliefen in zwei Betten neben ihm, so die Mutter. Als er am Montag dieser Woche zu einer MRT-Untersuchung in der Kernspintomografie-Röhre gebracht wurde, war sie dabei. Und ging sofort dazwischen, als sie die Assistentin sagen hörte, die Nieren des Jungen seien ja in Ordnung. „Ich habe mir die Frau geschnappt und gefragt, wieso sie das mit der Niere nicht wisse. Das ist doch unglaublich, wie läuft das hier eigentlich?“

Die irritierte Assistentin habe dann den Arzt verständigt. Der wollte ihr später keine Auskunft mehr geben, berichtete Durna Ucar. Am Montagabend erfuhr ihr Sohn von seiner Familie, dass ihm jetzt eine Niere fehlt. „Ein großer Schock auch für ihn.“ Der 18-Jährige ist noch im Krankenhaus, „er muss erst mal stabil werden“, sagte seine Mutter. Eine Operation habe er noch vor sich: „Die Milzmuss ja noch entfernt werden.“

Kein Einzelfall

Eine Sprecherin des Bremer Krankenhausverbunds Gesundheit Nord wollte am Freitag auf Anfrage keine Stellungnahme zu dem Fall abgeben. Zur Begründung verwies sie auf die strafrechtlichen Ermittlungen.

Der offensichtliche Behandlungsfehler ist kein Einzelfall: Nach aktuellen Studien geht in der Europäischen Union jede zehnte ärztliche Behandlung schief – nicht selten mit tödlichen Folgen. Das Berliner Aktionsbündnis Patientensicherheit schätzt, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Patienten hierzulande nach einer medizinischen Behandlung Schäden davontragen. Die meisten Fehler unterlaufen Chirurgen, gefolgt von Internisten und Gynäkologen.

Checklisten helfen

Rund 200 Mal im Jahr kommt es laut Bündnis in deutschen Kliniken zu „Eingriffsverwechslungen“ auf dem OP-Tisch. Gemeinsam mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem AOK-Bundesverband hat das Aktionsbündnis ein Info-Paket zusammengestellt, das an alle 2100 Kliniken im Land verschickt wurde. Sein Inhalt: Poster, Flyer und Merkzettel im Kitteltaschenformat, die eindeutige Handlungsempfehlungen für das OP-Team beinhalten. Wichtigste Regel ist das kurze Time-Out vor dem Skalpelleinsatz: Das gesamte Team versichert sich, ob Patient, Unterlagen und markierte Operationsstelle tatsächlich übereinstimmen.

Eine kurze Checkliste kann die Fehlerrate im Operationssaal deutlich senken, wie aus einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervorging. Nach Einführung der Checkliste in acht internationalen Kliniken kam es demnach nur noch bei sieben statt elf Prozent der Patienten zu schweren Komplikationen: ein Rückgang um mehr als ein Drittel. Die Sterberate sank von 1,5 auf 0,8 Prozent.

++ Dieser Artikel wurde am 13.10.2017 um 19.50 Uhr aktualisiert ++

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