Interview mit Moritz Thape

"Nur Jugendkrawalle, keine wirklichen Unruhen"

Der ehemalige SPD-Bildungssenator Moritz Thape spricht im Interview darüber, wie er die Straßenbahnunruhen von 1968 erlebt hat und wie er die damalige Berichterstattung empfand.
08.07.2018, 22:07
Lesedauer: 3 Min
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Von Frank Hethey
"Nur Jugendkrawalle, keine wirklichen Unruhen"

Blickt zurück auf die Ereignisse von 1968: Moritz Thape, damals SPD-Bildungssenator.

Otto Lohrisch-Achilles

Herr Thape, die Bremer Straßenbahnunruhen im Januar 1968 haben bundesweit für Aufsehen gesorgt. Als Bildungssenator standen Sie damals schon in der Verantwortung, wie haben sie die Ereignisse erlebt?

Moritz Thape: Jedenfalls nicht als „Unruhen“. Es wird immer von Unruhen gesprochen, aber in meinen Augen handelte es sich nur um eine Jugendkrawalle. Um ein Aufbegehren junger Menschen, denen ihre Eltern zu korrekt waren. Die für sich die Parole ausgegeben hatten: So malochen wie unsere Eltern wollen wir nicht.

Sie meinen, die Tariferhöhung war kein triftiger Grund, um auf die Straße zu gehen?

Eigentlich war das ein Witz. Die Straßenbahn-Tarife waren seit zehn Jahren nicht erhöht worden. Eine Dummheit war nur, die Erhöhung nicht in Etappen vorzunehmen.

Dennoch überschlugen sich die Ereignisse. Tausende protestierten eine Woche lang in der Innenstadt. Und die Polizei griff hart durch. Mit Schlagstöcken und Wasserwerfern gegen so junge Demonstranten vorzugehen erschien vielen Menschen unverhältnismäßig brutal.

Das war die nächste Dummheit. Dass die Polizei versucht hat, mit den Methoden der 1920er und 1930er Jahre mit diesem Radau fertig zu werden.

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Was wohl auch ein Ausdruck der Hilflosigkeit war. So etwas kannte man in Bremen nicht.

Allerdings. Da hat sich die Polizei ordentlich blamiert. Und sich nach diesen Ereignissen ja auch ein bisschen modernisiert und aufgerüstet. Das machte sich dann später bezahlt bei der Terrorismusbekämpfung.

Aber woher die plötzliche Eskalation?

Das hat mit dem vielleicht größten Fehler des Senats zu tun – damit, dass der Verkehrssenator darauf bestanden hat, die Verkehrswege freizuhalten. Im Rückblick eine ziemlich unsensible staatliche Rechthaberei. Da hat sich dann eine starke Eigendynamik entwickelt, die Schüler waren selbst überrascht von dem, was sie in Gang gesetzt hatten.

Hat der Senat die Brisanz unterschätzt?

Mit Sicherheit. Ich selbst bin zur Kultusministerkonferenz nach Berlin gefahren. Vorher hatte ich noch mit Löbert (Franz Löbert: damals SPD-Innensenator) gesprochen, und der sagte mir: ‚Du kannst fahren, wir haben die Situation im Griff.‘“ Und dann hörte ich die Nachrichten im Radio und sagte mir, du musst sofort zurück.

Einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis hat der Auftritt der damaligen Jugendsenatorin Annemarie Mevissen: wie sie als stellvertretende Bürgermeisterin als Ersatz für den abwesenden Bürgermeister Koschnick auf der Domsheide auf einer Streusandkiste stand und über Megafon zu den Demonstranten sprach...

… als „einziger Mann im Senat“, weil angeblich keiner sonst den Mut hatte, sich den Demonstranten zu stellen. Ach, wissen Sie: Das ist ein Satz, der so toll ist, dass keiner jemals hinterfragt hat, ob er auch wirklich stimmt.

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Sie meinen, es hat sich eine Legende gebildet?

Aber natürlich. Es waren ja auch andere draußen: ich, Seifriz (Hans-Jürgen Seifriz: damals SPD-Bundestagsabgeordneter, später Bausenator, Anm. d. Red.) oder Brinkmann (Oswald Brinkmann: damals SPD-Bürgerschaftsabgeordneter, später Hafensenator, Anm. d. Red.). Dieser Satz ist damals von der Presse geprägt worden. Überhaupt hat die Presse kräftig mitgeholfen, die Situation zu verschärfen.

Hat sie das? Detlef Michelers lobt in seinem Buch die objektive Berichterstattung der beiden großen Bremer Tageszeitungen.

Das sehe ich anders. Der WESER-KURIER hat veröffentlicht, was die Schüler am nächsten Tag machen wollten. Aus meiner Sicht stand Ihre Zeitung voll auf der Seite der Demonstranten, nicht der Ordnungshüter. Endlich war mal was los in Bremen, da wurde die Langeweile durchbrochen. Da gab es schon eine gewisse Freude an der Kriegsberichterstattung.

Medienschelte aus Ihrem Munde! Wären Sie als langjähriger Journalist anders mit den Ereignissen umgegangen?

Ich denke schon. Durch die umfangreiche Berichterstattung bekam das Ganze eine Bedeutung, die es eigentlich nicht hatte. Ich muss Ihnen ehrlich sagen: Ich habe diese Schülerkrawallen nie richtig ernst genommen, für mich war das eine Marginalie. Wir hatten damals ganz andere Sorgen.

Vielleicht ist das auch eine Generationenfrage. Für blutjunge Demonstranten wie den heutigen Grünen-Politiker Robert Bücking waren die Straßenbahnunruhen so etwas wie ein politisches Initiationserlebnis. Erstmals spürte man die eigene Kraft. Die Macht, etwas ändern zu können.

Das mag sein. Aber umgekehrt war diese Generation auch nicht mein Lebenskreis. Ich hatte noch die NS-Zeit vor Augen, den Krieg, die schweren frühen Nachkriegsjahre. Deshalb hatten diese Jugendkrawalle für mich eine andere Relation.

Die Fragen stellte Frank Hethey

Info

Zur Person

Moritz Thape (98)

wurde 1920 geboren. Nach journalistischer Tätigkeit bei der Bremer Bürgerzeitung (1955-1965) war er Bildungssenator (1965-1979), Finanzsenator (1979-1985) sowie SPD-Landesvorsitzender (1962-1972).

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