Ehrenamtliche kümmern sich um Besatzungen

Nur noch wenige Seefahrer bleiben über Nacht

Bremen. Der Hall ihrer Schritte ist das einzige Geräusch, wenn Katrin Mathiszik durch die oft menschenleeren Korridore des Bremer Seemannsheims geht. Auch an diesem Vormittag führt ihr Weg durch stille Flure.
16.08.2014, 17:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von MARC FUCKE

Der Hall ihrer Schritte ist das einzige Geräusch, wenn Katrin Mathiszik durch die oft menschenleeren Korridore des Bremer Seemannsheims geht. Auch an diesem Vormittag führt ihr Weg durch stille Flure vorbei an unbewohnten Zimmern in einen Gemeinschaftsraum, der seinem Namen an diesem Tag nicht gerecht wird.

Seit 1854 kümmert sich die Bremer Seemannsmission um das Wohl von Seeleuten, denen sie im Seemannsheim einen günstigen Schlafplatz bietet. Auch die Besatzungen der in Bremen liegenden Schiffe werden von der Organisation betreut und unterstützt. Früher – in den 1980er-Jahren, als der Hafen noch boomte und die Liegezeiten länger waren – waren nicht selten mehr als 100 Seeleute da. Meist kamen sie gerade von einem Törn und warteten auf neue Arbeit. Das dauerte oft Wochen.

Doch so ist es längst nicht mehr. Inzwischen werden die Crews im Ausland angeheuert, sie kommen aus Indien, Russland oder der Ukraine. Wenn ihr Anstellungsverhältnis endet, müssen sie das Land verlassen. Im Seemannsheim verbringen sie nur eine Nacht, während sie auf ihren Flieger in die Heimat warten oder auf das Schiff, auf dem sie angeheuert haben. In der übrigen Zeit wird auf dem Schiff geschlafen.

„Die meisten Schiffe liegen nicht länger als 24 Stunden im Hafen“, erklärt Heimleiterin Katrin Mathiszik. „Wenn die Besatzung nicht zu müde ist, fahren die Seeleute höchstens mal in die Stadt, um sich umzuschauen und etwas zu kaufen. Für eine Übernachtung bei uns haben sie keine Zeit und meist auch kein Geld.“

Und so bleiben die Flure oft leer und die PC-Plätze unbenutzt. Sicher, in der Hauptsaison ist es noch immer brechend voll im Seemannsheim, doch die Besucher sind nicht mehr nur Seeleute. Seit mehreren Jahren kann hier jeder ein Zimmer buchen. Nur die untere der drei Etagen ist weiterhin den Seefahrern vorbehalten.

In einem der kleinen Appartement im ersten Stock wohnt seit mehr als zehn Jahren Franco Parpaiola. Nur er und ein weiterer Mann sind übrig geblieben von einer großen Gruppe pensionierter Seeleute, die hier lange Zeit wohnten.

Parpaiola erzählt gerne von seiner Zeit auf See und davon, wie sich alles verändert hat. Und wenn er nicht erzählt, dann schreibt er darüber. „Ich habe eine Meinung zu allem, was mit Seefahrt zu tun hat“, sagt Parpaiola mit einem breiten Lächeln. Er war Seemann mit Leib und Seele, doch romantisch verklären will er die Vergangenheit nicht. Und die Gegenwart schon gar nicht: „40 Jahre habe ich gearbeitet, und trotzdem reicht meine Rente weder zum Leben noch zum Sterben.“ Er bekommt nicht einmal 1000 Euro. Die Seefahrt, schwenkt Parpaiola zu einem anderen Thema über, sei früher bereits hart und entbehrungsreich gewesen, doch heute sei es noch schlimmer. „Lange Schichten, wenig Schlaf, kurze Liegezeiten, schlechte Bezahlung“, listet Parpaiola auf.

Seine Kurzgeschichten spiegeln sein ambivalentes Verhältnis zur Seefahrt wieder. Sie sind eine Mischung aus scharfer Kritik, Humor und dann doch etwas nostalgischem Seemannsgarn.

Auch die Seemannsmission weiß von den Verhältnissen, unter denen die Seeleute arbeiten müssen. Daher fahren Freiwillige täglich zum Hafen, um den Schiffsbesatzungen mit kleinen Dingen zu helfen.

„You have Avita Premium?“ Diese Frage muss Holger Winter an diesem Morgen mindestens zehn Mal verneinen. Wie jeden Montag ist der ehemalige Seemann an Bord der im Hafen liegenden Schiffe unterwegs. Im Gepäck hat er eine internationale Auswahl an Zeitungen, Stadtpläne und vor allem Telefonkarten – leider allerdings nicht von Avita.

Trotzdem ist die indische Besatzung guter Stimmung. Ihr Schiff hat Erz geladen und liegt vor den Bremer Stahlwerken, bis die Ladung gelöscht ist. In einigen Stunden geht es wieder los. Norwegen ist das nächste Ziel.

Winter ist einer von mehreren ehrenamtlichen Helfern der Seemannsmission. „Das ist eine sinnvolle Geschichte, die wir da machen“, erklärt Winter. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie sich Seeleute in fremden Gewässern fühlen. In den Sechzigern und Siebzigern ist er um die halbe Welt gefahren. Meist war er auf Trampfahrt, also auf einem Schiff ohne feste Route. Jetzt ist er in Rente und hilft, wo er kann.

„Hier draußen ist nur Weserwasser, Dreck und Staub“, sagt er und zeigt auf einen Erzhaufen, der unweit vom Schiff an Land liegt. „Und ein Taxi in die Stadt ist teuer. Die meisten Seeleute haben also kaum eine Chance, hier wegzukommen.“

Seit mehr als einem halben Jahr sind die Crewmitglieder ohne Pause unterwegs. Sie sind vom am anderen Ende der Welt gekommen, um Erz von Norwegen nach Bremen zu liefern. Gut entlohnt werden sie dafür nicht.

Dass Ehrenamtliche ihnen mit Rat und Tat helfen, ist ihnen umso mehr willkommen. Auch wenn nicht mehr allzu viele Seeleute ins Seemannsheim kommen, hat die Mission immer noch alle Hände voll zu tun.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+