Bewertung des "Feinschmecker" Nur vier Bremer Restaurants unter den Besten

Bremen. Auf einer Liste der 800 besten deutschen Restaurants, die der aktuellen September-Ausgabe des Magazins "Feinschmecker" beiliegt, landen nur vier Häuser aus Bremen. Hiesige Gastronomie-Kennern beurteilen das als "ungerecht" bis "unverschämt".
22.08.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Heinz Holtgrefe

Bremen. Nun beginnt wieder die Saison für die neuen Restaurantführer. Den Anfang machte "Der Feinschmecker" mit einer Liste der 800 besten deutschen Restaurants, die der aktuellen September-Ausgabe des Magazins beiliegt. Auf Bremen entfallen davon nur vier Häuser. Unter den befragten Bremer Gastronomie-Kennern sorgte diese winzige Auswahl für Urteile von "ungerecht" bis "unverschämt".

Doch zunächst einmal die positive Seite der Medaille und damit zu den Restaurants in Bremen, die die Aufnahme in den Ratgeber geschafft haben: Drei von fünf möglichen Punkten ("Kreative Küche, guter Service, angenehmes Ambiente") bekam das Park Hotel mit seinem Sterne-Restaurant "La Terrasse" unter Küchenchef Heiko Schulz. Hoteldirektor Wilhelm Wehrmann ist geteilter Meinung : "Natürlich freuen wir uns, aber einen halben Punkt mehr hatten wir uns erhofft."

Deutlich unter diesem Haus benotet landeten mit je 1,5 Punkten "Grashoff's Bistro" an der Contrescarpe, "Das Kleine Lokal" in der Besselstraße sowie das "Topaz" im Kontorhaus in der Langenstraße. Für einen Punkt liefert "Der Feinschmecker" die folgende Begründung: "Küche über dem Durchschnitt". Für zwei Punkte gibt es etwas mehr Lob: "Sehr gute Küche, guter Service, angenehmes Ambiente". Die Bewertung für 1,5 Punkte muss sich der Kunde dann allerdings selbst zusammenreimen.

In den Kurztexten über die bewerteten Restaurants gehen die Autoren mit den Kandidaten durchaus freundlich um, nicht immer aber können Text und Punktwertung zur Deckung gebracht werden. Über das "La Terrasse" ist beispielsweise zu lesen: "Die modernisierte Klassik von Heiko Schulz begeistert uns immer wieder. Souverän spielt er in seinen Kreationen, ohne dass sie dabei plump wirken, immer wieder gelingen ihm ausgefeilte aromatische Akzente. Köstliche Desserts! Umfangreiche Weinkarte mit besten Tropfen aus Bordeaux und deutschen Spitzengewächsen, sehr aufmerksamer Service."

"Heimelig und intim"

Über "Das kleine Lokal" schreibt der Guide: "Im heimeligen, intimen Restaurant lässt sich die Küche keinen Stempel aufdrücken. Das Angebot reicht von Kalbsbries mit frischen Spitzmorcheln über Oldenburger Flugentenbrust bis zur in Gewürzöl pochierten Meeräsche mit zweierlei Pulpo." Zu "Grashoff's Bistro" ist zu lesen: "Im Deli-Bistro in der City schmecken sowohl bodenständige Hausmannskost wie die Königsberger Klopse als auch hausgemachte Kalbsravioli oder der Steinbutt mit Champignonsauce."

Und schließlich wird das "Topaz" beschrieben: "Nettes, munteres Innenstadtbistro mit unkomplizierter Weltküche, die den Bogen von Cesars Salad und Sushi über Entenleberpaté bis zum knusprigen Bauch vom Schwäbisch-Hällischen Landschwein spannt. Immer gut die Fischsuppe. Gutes Weinangebot mit 280 Positionen, fröhlicher, netter Service."

Die genannten Restaurants können sich über die Beschreibungen sicher nicht beschweren, Frust schieben dagegen bestimmt einige Wirte der nicht berücksichtigen Häuser. Weinhändler Heiner Lobenberg, der regelmäßig nicht nur in der bremischen Gastronomie unterwegs ist, kann die beschränkte Auswahl durch den "Feinschmecker" nicht fassen: "Die haben keine Ahnung von der Stadt, diese zu kurz gegriffene Wahl lässt an der Kompetenz der Redaktion zweifeln." Er nannte aus dem Stand gleich vier weitere Häuser die seiner Meinung nach in die Liste der besten Bremer Restaurants gehört hätten: "Il Papagallo", "Alto" im Atlantic Grand Hotel, "Schröters Leib & Seele" im Schnoor sowie das "Medio" am Wall.

Und auch für Peter Siemering, Chef der Bremer Touristik-Zentrale, "ist die Liste für Bremen reichlich knapp ausgefallen". Allerdings räumt er auch ein, dass die Stadt noch das eine oder andere Restaurant mit Klasse gebrauchen könnte. In dem Fachmagazin hätte er schon jetzt gern die Häuser "Campus" am Universum Science Center, "Hansen" und "Riva" in der Überseestadt sowie das "L'Oliva" im Hotel Hilton gesehen.

Die bremische Magerkost wird noch ärgerlicher, wenn sich die Hamburger Ergebnisse ansieht. Dort hat die Feinschmecker-Redaktion 34 Restaurants für ihre Bestenliste ausgesucht. Bremens Dehoga-Präsident Fritz Rößler erkennt zwar an, dass an der Elbe deutlich mehr erstklassige Häuser zu finden seien als an der Weser, "aber diese Auswahl drückt ein deutliches Missverhältnis aus". Ein Grund für das Übergewicht könnte sein, dass die Redaktion ihren Sitz in Hamburg hat.

Erst kürzlich hatte "Topaz"-Wirtin Holle Schmidt die Chefredakteurin des "Feinschmeckers", Madeleine Jakits, auf die seit Jahren in dem Magazin praktizierte Unterrepräsentation der Bremer Gastronomie angesprochen. Die Begründung der Journalistin: Bremen liege wohl zu dicht an Hamburg und werde wie ein Vorort betrachtet. Vielleicht liegt es aber auch daran, so möchte man ihr antworten, dass sich einfach öfter mal ein kompetenter "Feinschmecker"-Mitarbeiter an die Weser aufmachen müsste.

Im Ländervergleich müsste Bremen mit Thüringen gemeinsam auf Platz 14 und je fünf Lokalen liegen. Das "Natusch Fischereihafen Restaurant" in Bremerhaven wurde in der Länderwertung schlicht unterschlagen. Vielleicht wurde die Seestadt ja als Vorort vom Vorort betrachtet?

Im Städtevergleich abgeschlagen

Bei den Restaurant-Empfehlungen für die größten deutschen Städte landete Bremen abgeschlagen unter ferner liefen. An der Spitze steht die Bundeshauptstadt Berlin mit 44 Häusern vor Hamburg (34), München (29), Frankfurt (27) und Köln (18). Selbst Dresden (9), Essen (8), Leipzig (8) und Hannover (7) kamen noch recht deutlich vor Bremen ins Ziel. Lediglich die Halbmillionenstadt Dortmund ging dieses Mal gänzlich leer aus.

Ein Blick nach Niedersachsen mit 43 genannten Häusern ist auch für Bremer Gourmets interessant. An der Spitze mit glatten fünf Punkten - die Wertung steht für "in jeder Hinsicht perfekt" - das "Aqua" in Wolfsburg, gefolgt vom "La Vie" in Osnabrück mit 4,5 Punkten, dem "Endtenfang" in Celle mit 3,5 Punkten und dem "Sterneck" in Cuxhaven mit drei Punkten. Wer nicht so weit fahren möchte, findet gute Adressen in Verden mit "Pades Restaurant" (2 Punkte), in Bothel mit dem "Botheler Landhaus" (2), in Rotenburg/Wümme mit dem "L'Auberge" (2), in Worpswede mit dem "Kaffee Worpswede" (1,5) und in Bad Bederkesa mit "Böses Restaurant" (1,5).

Auf der linken Weserseite befinden sich in der Liste unter anderem das "Apicius" in Bad Zwischenahn (2,5 Punkte), das "Altera" in Oldenburg (1,5), "Das weiße Haus" in Rastede (2,5) sowie das "Marco Polo" in Wilhelmshaven (2). Lässt man die Ländergrenze einfach mal weg, dann ist es für die Feinschmecker aus Bremen ganz so schlecht nun also doch nicht bestellt.

Das ist einer der Punkte, den auch der Bremer Touristik-Zentralen-Chef Peter Siemering herausstellt. Viele Bremer machten sich aus der Stadt auf den Weg in das weitere Bremer Umland und suchten dort die Spitzengastronomie auf. In der Hansestadt selbst ist lediglich ein einziger Michelin-Stern verblieben, ihn trägt das "La Terrasse" im Park Hotel. Alle anderen sind bereits in der Vergangenheit verloschen, sei es der für "Grashoff's Bistro", für die "Villa Verde" im Weserstadion oder für die "L'Orchidée" im Ratskeller.

"Der Feinschmecker" hat den ersten Aufschlag in der Saison 2011/2012 hingelegt, das broschierte Büchlein liegt der September-Ausgabe des Magazins bei, das für 9,95 Euro im Zeitschriftenhandel zu bekommen ist. Die für Fachkreise deutlich wichtigeren "Michelin" und "Gault Millau" kommen indes erst im Spätherbst auf den Markt.

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