Bedrohung für einheimische Arten

Warum die Biberratte sterben soll

Der Bestand der Nager hat sich in den vergangenen Jahren stark vergrößert. In einer EU-Verordnung von 2014 wird die Nutria als sogenannte invasive Art geführt, die eine Bedrohung einheimischer Arten darstellen.
09.12.2020, 05:00
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Warum die Biberratte sterben soll
Von Marc Hagedorn
Warum die Biberratte sterben soll

Die Nutria, auch Biberratte genannt, fühlt sich vor allem am und im Wasser wohl.

Silas Stein

Das Image der Biberratte ist nicht gut. Es heißt, dass sie sich zu schnell vermehre und zu viel kaputt mache. Deshalb soll die Nutria sterben. Wenn Sönke Hofmann zum Umgang mit der Nutria befragt wird, schießt sein Blutdruck in die Höhe. Seit Mitte 2019 darf die Nutria in Bremen ganzjährig gejagt werden. Für Hofmann ein Unding. „Unmoralisch“, sagt der Geschäftsführer des Naturschutzbundes Nabu, „mit meiner Ethik ist das nicht vertretbar.“

Zwei- bis dreimal im Jahr bekommt das Muttertier Junge, im Durchschnitt fünf Tiere pro Wurf. Zwischen 2006 und 2016 hat sich der Bestand an Nutria in Deutschland verdoppelt. „Jetzt wird die Mutter abgeschossen“, sagt Hofmann, „und die Jungen lässt man elendig verrecken. Unerträglich.“ So wie Hofmann sehen das nicht alle. Der Deichverband zum Beispiel und die Landesjägerschaft begrüßen die Jagdfreigabe. Experten machen die Nutria dafür verantwortlich, dass die Deiche brüchig werden, weil die Tiere sich hindurchgraben und ihre Höhlen hineinbauen. In der Landwirtschaft verursachen die Nagetiere Fraßschäden an Feldfrüchten.

Hofmann findet es falsch, die Nutria hauptverantwortlich für brüchige Deiche zu machen. „Die Tiere bauen ihre Höhlen nicht weiter als zehn Meter entfernt vom Wasser“, sagt Hofmann. Damit seien höchstens die Deichabschnitte gefährdet, die sich nahe am Wasser befänden, alle anderen nicht.

In einer EU-Verordnung von 2014 wird die Nutria als sogenannte invasive Art geführt, die eine Bedrohung einheimischer Arten darstellen. Also schreitet der Mensch ein. „Wie so oft“, sagt Hofmann. 25 000 Nutrias sind in der Saison 2018/2019 allein in Niedersachsen von Jägern getötet worden. Hofmann wäre es lieber, wenn sich der Mensch zurücknähme. „Die Natur ist Jahrtausende ohne uns klar gekommen“, sagt er, „es ist ein grundlegender Fehler des Menschen, sich zum Bestimmer zu erheben.“ Landesjägerschaft und Nabu sind sich in Bremen in mehreren Fragen nicht grün.

Eine Zusammenarbeit gibt es dagegen beim Schutz der Wiesenvögel zwischen Jägern und BUND. Im Blockland etwa brüten Wiesenvögel. Der Mensch, aber auch das Tier, zum Beispiel der Fuchs, gefährden die Brut. Der BUND kooperiert seit einigen Jahren mit den ansässigen Landwirten, man hat verschiedene Regelungen zum Schutz der Wiesenvögel gefunden. Und wenn Füchse die Nester ausrauben, sind die Jäger an der Reihe. „Ganz gezielt“, so Bremens BUND-Geschäftsführer Martin Rode, erlegten sie Tiere. Das zeigt Wirkung: Die sogenannten Gelegeverluste durch Nesträuber sind über die Jahre merkbar zurückgegangen.

Die Tatsache, dass Wildtiere in der Stadt immer mehr Raum einnehmen, führt mitunter zu Kooperationen, die auf ersten Blick überraschen. Der BUND arbeitet zum Beispiel auch mit Wohnungsbaugesellschaften zusammen. Wenn die nämlich ihren Gebäudebestand modernisieren, verlieren oft Fledermäuse ihr Quartier. Die Gewoba lässt deshalb seit 2015 entsprechende Gebäude vorab artenschutzfachlich vom BUND begutachten und schafft gegebenenfalls Ersatz.

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