Brachflächen in der Überseestadt Oasen der Pflanzenvielfalt verschwinden

Brachflächen haben mittlerweile eine große Bedeutung für die biologische Vielfalt. Über das Für und Wider, diese zu erhalten - vor allem im Zusammenhang mit Wohnungsbau -, ist eine Diskussion entbrannt.
16.06.2019, 17:23
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Die Weltkonferenz zur Artenvielfalt in Paris warnte Ende April, dass die Zerstörung der Ökosysteme und das Artensterben eine mindestens so starke Bedrohung sei wie der Klimawandel. Zahlreiche naturnahe Flächen in Städten haben laut Experten mittlerweile eine große Bedeutung für den Erhalt der biologischen Vielfalt, denn das Artensterben in ländlichen Regionen habe durch die industrielle Landwirtschaft enorme Ausmaße erreicht.

Brachflächen, Gärten oder Parks in urbanen Regionen könnten für Pilze, Moose oder Blütenpflanzen und Insekten oder Vögel Ersatzlebensräume bilden, die es in der Kulturlandschaft nicht mehr gebe. Allerdings steht die Natur auch in der Großstadt unter wachsendem Druck: Angesichts knappen Wohnraums und benötigter Flächen für Gewerbe und Industrie lastet auf Freiflächen großer Bebauungsdruck.

Die Lebensqualität leidet

In der Bremer Überseestadt etwa, mit einer Fläche von rund 300 Hektar eines der größten städtebaulichen Projekte in Europa, ist dies nach Ansicht von Experten besonders spürbar. Die Bebauung sei hier bereits weit fortgeschritten: Viele der Deichhäuser nahe der Weser seien bezogen, auf dem Kellogg-Gelände sollen ein Hotel, ein „Genusshafen“ und zahlreiche kleinere Wohnungen entstehen, weitere Häuser am Schuppen 3 und dem Europahafen.

Für einige Bewohner der Überseestadt ist die Bebauung zu dicht, worunter die Lebensqualität leide. Für Grünflächen bleibe wenig Raum. „Der Hilde-Adolf-Platz ist praktisch eine Schotterfläche, und der grüne Hügel vor dem Großmarkt und der Überseepark sind praktisch alles, was wir an Grünflächen in der Überseestadt haben“, kritisierte etwa Cecilie Eckler-von Gleich (Grüne) bereits 2015 bei einer Sitzung des Fachausschusses Überseestadt des Waller Beirats.

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Nur wenige Flächen, meist auf sandigem Boden, sind derzeit noch unbebaut. Meist wurden sie nach Aufschüttung von Erdmaterial der natürlichen Entwicklung überlassen. Dass jedoch viele dieser Standorte Refugien für seltene Tier- und Pflanzenarten sind, sei in der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt. Einige Brachen in der Überseestadt beherbergten eine große Zahl extrem seltener Pflanzen: „Über die Häfen, mit Stückgut und offenen Waren, konnten sich zahlreiche Pflanzenarten vor allem auf Sandflächen ansiedeln. Sie haben die städtische Artenvielfalt enorm bereichert. Brachen bieten überraschend viele Lebensmöglichkeiten, vor allem für einwandernde Arten“, sagt Josef Müller, Botaniker an der Universität Bremen.

Eine dieser Restflächen liegt nördlich des Kellogg-Geländes: eine Sandfläche, auf der Silbergras feine Horste bildet, gelber Hornklee und violett leuchtende Wicken blühen und der offene Sand Brutbiotope für Wildbienen bietet. Weitere Flächen befinden sich im Umfeld der Rolandmühle an der Emder Straße. Acker-Rittersporn, Kornblumen und Acker-Stiefmütterchen wachsen dort neben Exoten wie Tataren-Lattich oder Australischem Gänsefuß.

Zweifel an der Rettung der letzten Brachflächen

Auf 1000 Quadratmetern fand Müller mit seinem Kollegen Heinrich Kuhbier nach eigenen Angaben bis zu 130 Pflanzenarten. „Die Brachen zeigen ein ungeheures Kaleidoskop von Möglichkeiten, hier finden Arten aus Nord- und Südamerika oder Australien Raum“, sagt Müller. Doch ist diese Pflanzenvielfalt in der Überseestadt mit zahlreichen Exoten überhaupt erhaltenswert? „Der Naturschutz macht sich leicht lächerlich, wenn er um solche Flächen kämpft. Es gibt wichtigere Gebiete in Bremen, die man erhalten sollte“, sagt dazu Nabu-Geschäftsführer Sönke Hoffmann. Er hat Zweifel daran, die letzten Brachflächen in der Überseestadt retten zu können: „Sie müssten regelmäßig gepflegt, also gemäht werden und würden hohe Kosten verursachen. Zudem wären sie in kürzester Zeit von Hunden mit Nährstoffen überfrachtet.“

BUND-Geschäftsführer Martin Rode sieht das anders: „Es wäre sinnvoll, einige Restflächen zu bewahren, man müsste sie in ein Strukturkonzept für die Überseestadt integrieren, das es aber bisher nicht gibt.“ Ein Lösungsansatz könne das Projekt „Orte der biologischen Vielfalt“ sein, eine Kooperation des BUND mit dem Netzwerk "Umwelt Unternehmen": Im Zuge dieser Kampagne können Firmen auf ihrem Gelände Orte der biologischen Vielfalt schaffen. „Dies könnte Unternehmen motivieren, Teilflächen ihres Betriebsgeländes als städtische Brachen zu erhalten, in denen ein Rest der einstigen Artenfülle der Überseestadt bewahrt wird“, sagt Rode.

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Der Masterplan für Grün- und Freiflächen der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) überlässt die konkrete Bepflanzung den projektbezogenen Planungen und Ausschreibungen. „Kriterien bei der Auswahl der Bepflanzungen sind in der Regel Klima- und Standortverträglichkeit, einheimische Gehölze und geringe Unterhaltungskosten“, teilt die WFB auf Nachfrage mit.

Ökologe Müller sieht Brachen in der Überseestadt nicht als Spielwiese für Artenreichtum, die nur für wenige Pflanzenspezialisten interessant seien: „Bei höherem Bewuchs binden solche Flächen in hohem Maße Feinstaub, und sie tragen zum Lärmschutz bei. Wildnispfade, die durch Blütenmeere mit Insekten führen, könnten für Anwohner einen hohen Erlebniswert haben.“ Ein Konzept dafür gebe es aber nicht.

Weitere Informationen

Weitere Informationen über die Kampagne „Orte der biologischen Vielfalt“ finden sich unter www.umwelt-unternehmen.bremen.de oder bei der Koordinierungsstelle „Partnerschaft Umwelt Unternehmen“ unter Telefon (0421) 323 464 22.

++ Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Version war eine falsche Telefonnummer angegeben, wir haben das berichtigt und bitten, den Fehler zu entschuldigen. ++

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