Gartenarbeit in Walle Ob Pflanze oder Mensch: Vielfalt ist gut!

Schon seit etwa drei Jahren führt die Lust am gemeinsamen Gärtnern Menschen aus aller Welt im Internationalen Garten Walle am Hagenweg zusammen.
27.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Anne Gerling

Schon seit etwa drei Jahren führt die Lust am gemeinsamen Gärtnern Menschen aus aller Welt im Internationalen Garten Walle am Hagenweg zusammen. Der 2300 Quadratmeter große Gemeinschaftsgarten war seinerzeit eines der ersten Urban-Gardening-Projekte in der Stadt; in dieser Woche nun zeigt sich dort eindrucksvoll, wie breit die Bewegung inzwischen geworden ist – und wie sie immer großflächiger auch über Ländergrenzen hinweg zusammenwächst.

In dieser Woche nämlich hat der Internationale Garten Walle Besuch: Der Verein Öko-Stadt Bremen hat 30 junge Erwachsene aus Deutschland, Frankreich und Bulgarien zum internationalen Jugendaustausch „Urban Gardening for Immigrants and Others“ eingeladen. Möglich macht dies „Erasmus+“, ein EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport, das „das Kompetenzniveau und die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen verbessern und die allgemeine und berufliche Bildung sowie die Jugendarbeit modernisieren“ will. Der Austausch richtet sich in diesem Fall an 18- bis 30-Jährige, die sich zum einen über Flüchtlings- und Migrationspolitik Gedanken machen wollen und zum anderen an einem ökologischen Lebensstil interessiert sind.

Vom gemeinsamen Zeltlager auf dem Gelände des Lidice-Hauses aus geht es für die engagierte Gruppe jeden Tag um 9 Uhr direkt an die Arbeit in unterschiedlichen Gartenprojekten. Sie habe in Frankreich Erziehungswissenschaften studiert und mit Kindern gearbeitet, erzählt die 30-jährige Virginie, während sie im Internationalen Garten Walle mit Pierre aus Frankreich und Victor aus Rumänien aus Holzlatten ein Toilettenhaus für das Gartenprojekt zusammenbaut. „Es gefällt mir gut hier – wir können helfen!“ lacht sie – und scherzt, dank der ausführlichen Bauanleitung sei die Aufgabe „ein bisschen wie Lego“.

Darie und Remus sind seit drei Stunden damit beschäftigt, gemeinsam mit Metallbauer Fritz Lucks einen Polytunnel zu errichten, der als Gewächshaus dienen soll. Die beiden jungen Rumänen haben sich für die Teilnahme am Projekt extra Urlaub genommen, erzählen sie.

„Ich arbeite in Rumänien auch in diesem Bereich und will einfach mehr Projekte kennenlernen“, erklärt der 22-jährige Darie, der Agrarwirtschaft studiert. Auch in Rumänien gebe es inzwischen Urban-Gardening-Projekte wie zum Beispiel einen Schulgarten oder sogar einen Rooftop-Garten, erzählt er – alles ähnlich wie hierzulande also; einen Unterschied habe er aber doch schon bemerkt: „Hier gibt es viele Bio-Produkte im Supermarkt. Bei uns in Rumänien kaufen die Leute so etwas direkt beim Bauern.“ Ach ja, und noch etwas sei ihm in Bremen aufgefallen: „Das Wetter hier ändert sich schnell.“

Dass das Repertoire an diesem Tag von intensivem Sonnenschein bis zu heftigen Schauern reicht, stört hier allerdings niemanden. Ganz im Gegenteil: „Vielfalt ist eine gute Sache – in jedem Bereich“, unterstreicht Darie. Das sehen auch die anderen so. „Ich treffe gerne neue Leute, reise gerne und arbeite gerne in der Natur“, erzählt Remus, der in der rumänischen Bekleidungsbranche arbeitet. „Wir haben hier Spaß und was wir machen, ist sinnvoll. Außerdem mag ich Herausforderungen“, erklärt der 22-Jährige, weshalb auch er das Projekt als eine äußerst sinnvolle Freizeitbeschäftigung sieht.

Laurent Bernays vom Verein „Graines de Liberté“ ist Koordinator der französischen Gruppe und aus Bayonne nach Bremen mitgekommen. Während der kurzen Mittagspause erzählt der 45-Jährige von seinen Erlebnissen am Vortag: Beim Arbeitseinsatz am Übergangswohnheim für Flüchtlinge in Arbergen hatte sein Team nämlich Unterstützung: „Einige Kinder haben gleich mitgeholfen und waren richtig glücklich!“ Er wolle auch in Frankreich das Gärtnern mehr in die Stadt bringen, erzählt er und gerät angesichts des Waller Gemeinschaftsgartens ins Schwärmen über Bio-

diversität – und zwar von Menschen wie Pflanzen. Schließlich sei doch alles Sein miteinander verbunden, erklärt er; auf Englisch spreche man deshalb vom „Interbeing“.

Auch im Selbsthilfe-Garten beim Café Sand und beim Projekt „Ab geht die Lucie“ auf dem Lucie-Flechtmann-Platz in der Neustadt, in der Gemüsewerft in Gröpelingen, im Gemeinschaftsgarten am Übergangswohnheim Überseetor 1 und im Gartenprojekt bei der ehemaligen Jugendvollzugsanstalt Blockland stehen in dieser Woche Arbeitseinsätze auf dem ehrgeizigen Stundenplan. Außerdem sind Workshops zu den Themen „Urban Gardening“ und „Asylpolitik“ sowie Exkursionen zu Urban-Farming-Projekten rund um Bremen sowie ein ganztägiger Ausflug ins Wattenmeer geplant.

Im Gartenareal am Übergangswohnheim Überseetor 1 ist eine Gruppe dabei, Palettenmöbel und eine Pergola zu bauen. Als Teil der vom Internationalen Garten Walle initiierten „Offenen Gartentore für Flüchtlinge“ biete dieser Garten die einmalige Chance, die integrative Wirkung des gemeinschaftlichen Gärtnerns mitzugestalten, sagt dazu Dorothea Becker, die bei Ökostadt Bremen das Projekt „Kultur-Gärten“ verantwortet, in dessen Rahmen nun der Jugendaustausch stattfindet.

Unter anderem gibt sie auch Integrationskurse an der Volkshochschule und war dabei 2008 auf die Idee mit dem Internationalen Garten gekommen: Sie wollte Migranten, die im Alltag oft zu wenig Gelegenheit haben, ihre frisch erworbenen Kenntnisse praktisch anzuwenden, dafür einen Rahmen bieten – eine kleine grüne Oase mitten in der Stadt, in der man über das gemeinsame Gärtnern gut miteinander ins Gespräch kommen kann. In dieser Woche zeigte sich wieder einmal: Der Plan ist definitiv aufgegangen!

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+