24 Stunden unterwegs mit Peter True

Obdachlos: Überleben auf der Straße

Es ist zwölf Jahre her, da hat Peter True seine erste Nacht auf der Straße verbracht. Der Bremer lebt draußen, macht Platte – einer von 500 in der Stadt. Wir haben ihn einen Tag und eine Nacht lang begleitet.
30.01.2016, 00:00
Lesedauer: 16 Min
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Obdachlos: Überleben auf der Straße
Von Kathrin Aldenhoff
Obdachlos: Überleben auf der Straße

Die Straße - für Peter ist sie nicht nur ein Problem. Für ihn bedeutet sie manchmal auch Freiheit. "Wenn ich rumlaufe und tun und lassen kann, was ich will. Dann bin ich frei."

China Hopson

Es ist zwölf Jahre her, da hat Peter True seine erste Nacht auf der Straße verbracht. Der Bremer lebt draußen, macht Platte – einer von 500 in der Stadt. Wir haben ihn einen Tag und eine Nacht lang begleitet.

Die Straße ist laut. Es riecht nach Urin. Zehn Zentimeter von Peters Kopf entfernt kleben zwei Kaugummis auf dem Boden, weiß und plattgetreten. Autos mit hysterischer Elektromusik fahren vorbei, es ist kalt im Schlafsack, besonders an den Beinen. Es ist ein Grad kalt in dieser Nacht. Peter hat die Kapuze seines Schlafsacks über den Kopf gezogen, sonst hat er am nächsten Tag Kopfschmerzen, von der Kälte. Peter schläft draußen, auf der Straße, in einem Durchgang zwischen zwei Geschäften. Der Durchgang ist überdacht und deshalb ein guter Schlafplatz. Das sagt zumindest Peter. Und der kennt sich aus.

Peter True lebt seit 2003 auf der Straße – mit Unterbrechungen. Inzwischen ist er 59 Jahre alt, einer der ältesten Obdachlosen in Bremen. Einer, der die Regeln kennt, der Bremen kennt, den alle auf der Straße kennen. „Der Winter ist die beschissenste Zeit“, sagt er. Es ist kalt – nachts besonders, aber auch tagsüber. Es gibt ein paar Dutzend Schlafplätze in Notunterkünften, lange nicht genug für alle. Doch noch nicht einmal diese Plätze sind besetzt. Viele Obdachlose schlafen selbst im Winter lieber draußen, Peter auch.

Die Fotografin China Hopson und ich wollen wissen, wie es sich anfühlt, auf der Straße zu leben. Wie es ist, eine Nacht auf der Straße zu verbringen, und das im Winter. Peter True hat sich bereit erklärt, uns mitzunehmen; 24 Stunden, von Dienstagmorgen, zehn Uhr, bis Mittwochmorgen, zehn Uhr, begleiten wir ihn. Wir nennen ihn Peter, denn auf der Straße nennen sie sich beim Vornamen.

Ein Pärchen läuft an Peters Schlafplatz vorbei. Wegen der Kapuze überm Kopf sieht er sie nicht, hört nur die hohen Absätze einer Frau auf den Pflastersteinen klappern. Sie kommen näher, laufen dicht an seinem Kopf vorbei, entfernen sich. Neben ihr geht noch jemand, denn sie redet, lacht leise. Eine Gruppe Jugendlicher gegen viertel vor zwei ist nicht so rücksichtsvoll. Sie lachen, rufen, grölen. Wecken Peter, Fiko und den Mann, den alle nur „den Ungar“ nennen.

Grölende Jugendliche, ein paar Mal laute Musik, aber die lärmende Kehrmaschine kam erst um 6 Uhr: Diese Nacht war okay, sagt Peter.

Grölende Jugendliche, ein paar Mal laute Musik, aber die lärmende Kehrmaschine kam erst um 6 Uhr: Diese Nacht war okay, sagt Peter.

Foto: China Hopson

Sie sind nachts zu dritt hier, denn draußen schlafen – Platte machen, wie die Obdachlosen sagen – sollte man nicht alleine. Peter sagt, das ist zu gefährlich. „Es gibt zu viele Bekloppte.“ Die Obdachlosen wissen nicht, ob das Pärchen, das vorbeiläuft, ihnen etwas Böses will. Sie sehen sie nicht, sind ihnen ausgeliefert, wie sie da auf der Straße liegen und schlafen. Angst hat Peter trotzdem nicht. „Man weiß, was man tut.“

In Bremen leben nach Schätzungen der Inneren Mission rund 500 Menschen auf der Straße; Peter sagt, es werden immer mehr. „Nachts liegt an jeder Ecke einer.“ Bertold Reetz leitet bei der Inneren Mission Bremen die Wohnungslosenhilfe. Er bestätigt Peters Eindruck: Die Zahl der Obdachlosen steigt. „Vor ein paar Jahren waren es noch zwischen 200 und 300 Menschen.“ Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen sei ein Grund für die steigende Zahl der Obdachlosen.

Auf der Straße leben, keine Wohnung haben, kein Zimmer, kein Bett, in dem man schlafen kann. Sondern eine Isomatte; und, je nach Kälte, zwei bis drei Schlafsäcke über und unter einem; schutzlos ausgeliefert, ohne ein Zuhause, in das ich mich zurückziehen, wo ich mich erholen, wo ich essen, trinken, duschen und schlafen kann – ist das ein Leben?

Peter sagt: „Ja.“ Für ihn gibt es Schlimmeres als die Straße. Zum Beispiel ein Zimmer in einer Notunterkunft, zusammen mit ein oder zwei Männern, die er nicht kennt. Von denen er nicht weiß, ob er ihnen trauen kann. Oder ob sie am nächsten Tag wieder weg sind, mit seinem Rucksack, seinen Schuhen, seinen leeren Flaschen. Von denen lebt Peter. Er sammelt Flaschen, sehr fleißig, wie er sagt, er läuft viel, viele Kilometer am Tag. „Die ganze Zeit renn‘ ich rum.“ Dann ist man am Abend auch müde und schläft leichter ein. Vom Laufen – und von ein paar Dosen Bier.

Peter braucht nicht viel Geld, etwa drei Euro am Tag. Das verdient er mit Flaschensammeln, Hartz IV bekommt er nicht.

Peter braucht nicht viel Geld, etwa drei Euro am Tag. Das verdient er mit Flaschensammeln, Hartz IV bekommt er nicht.

Foto: China Hopson

Im Supermarkt bei Karstadt gibt’s das billigste, 29 Cent der halbe Liter Turmbräu, ganz unten im Regal stehen die Paletten mit den silbergrauen Dosen. Weiter oben die noblen Sorten, Biobier, ausländisches Bier, Bier von kleinen Brauereien. Peter nimmt drei Dosen Turmbräu, geht zur Kasse. Das schmeckt ganz gut, sagt er. Zu den 29 Cent kommt das Pfand, aber das behält er ja, das bleibt bei ihm, wie er sagt. „Morgen früh geb‘ ich die Dosen ab, 75 Cent bekomme ich dafür, dafür kann ich im Café Papagei zwei halbe Brötchen essen.“ Café Papagei – ein Treffpunkt für Wohnungslose beim Hauptbahnhof, zwischen Clubs und Kneipen, schräg gegenüber vom Finanzamt.

Plastikflaschen sind eigentlich praktischer als Dosen, denn man kann sie wieder zumachen. Wenn Peter durch den Bahnhof oder durch die Straßen läuft, steckt er die Bierdose in seine Jacke. Und wenn er dann eine leere Flasche im Gebüsch sieht, nicht nachdenkt und sich bückt – dann hat er seine Jacke und die Hose voller Bier. Ja, praktischer wären Plastikflaschen. Er kauft trotzdem lieber Dosen. Warum, weiß er auch nicht so genau.

Wer Peter kennenlernt, sieht nicht sofort, dass er auf der Straße lebt. Seine Jeans sind sauber, seine braune Jacke auch, um den Hals trägt er einen Schal. Nicht drumgewickelt, eher umgelegt, so wie ihn andere Männer zu Anzug und Mantel tragen. Peter ist dünn, nicht besonders groß. Er hat blonde Haare, die reichen bis zur Schulter, die blauen Augen verschwinden fast unter den Lidern. Tiefe Falten rahmen Peters Gesicht. Falten, die eigentlich zu tief sind, für einen 59-Jährigen. Die Straße lässt die Menschen schneller alt werden.

Seinen schwarzen Rucksack trägt er über der linken Schulter. Weil der dann nicht so schwer ist, sagt Peter. In der rechten Jackentasche hat er ein zerknülltes Taschentuch, mit dem tupft er sich immer wieder die tropfende Nase ab. „Eine Tropfsteinhöhle“, sagt Peter und lacht. Im Mund hat er nur noch zwei Zähne, die anderen hat er sich selbst gezogen. Seine Hände sind faltig, die Fingernägel haben Rillen, manche sind eingerissen.

Wer auf der Straße überleben will, der muss einen Zeitplan im Kopf haben. Dienstags gibt es an drei Orten Frühstück: an der Hollerallee, am Doventor und in der St.-Pauli-Gemeinde am Neuen Markt. Zu den Suppenengeln im Lloydhof kann er dienstags, mittwochs, donnerstags und freitags, bis März bekommt er bei der Winterkirche immer montags um 13 Uhr einen Teller Suppe. Peter hat auch mal beim Obdachlosen-Frühstück geholfen, bei der Heilsarmee, fast fünf Jahre lang, immer donnerstags. Er hat Kaffee gekocht, den Tisch gedeckt, abgeräumt. Inzwischen gibt es das Frühstück nicht mehr, und Peter fehlt das. „Ich musste morgens raus, und ich wusste donnerstags immer wohin.“

An diesem Dienstag kommt er um kurz nach zehn in die St.-Pauli-Gemeinde, unseren Treffpunkt. Er schreibt seinen Namen auf die Liste der Frühstücker, nimmt sich eine Tasse Kaffee mit Milch und Zucker, fällt in einen der braunen Sessel in der Eingangshalle des Gemeindehauses. Peter hat schon einen langen Tag hinter sich, ist um halb sechs aufgestanden, war in der Bahnhofsmission, hat dort einen Kaffee getrunken. Dann war er im Café Papagei, hat zwei halbe belegte Brötchen gegessen, 35 Cent kostet eines. „Da kann man nichts sagen“, meint er. Nun hat er einen Teller mit zwei Scheiben Graubrot mit Käse, Salami und Fleischwurst vor sich. Später stellt eine Mitarbeiterin einen Teller mit Franzbrötchen, Viktoriakringel und einer Apfeltasche auf den Tisch, jedes Teilchen in zwei Stücke geschnitten.

Von dem Flaschenpfand kauft Peter Bier, Schokolade oder auch mal ein Päckchen Tabak, wenn es dafür reicht.

Von dem Flaschenpfand kauft Peter Bier, Schokolade oder auch mal ein Päckchen Tabak, wenn es dafür reicht.

Foto: China Hopson

Ob wir eine Bürste haben, will Peter wissen. Haben wir nicht. Er geht auf die Toilette, kommt nach ein paar Minuten wieder, die Haare feucht. Eigentlich wollte er heute Morgen duschen, im Café Papagei. Aber die Duschen funktionierten nicht. Neben Peter setzt sich eine alte Frau mit zwei Plastiktüten, sie isst ein Brot, die anderen packt sie in ihre Plastiktüte. Zehn, zwölf Leute sitzen an den Tischen im Gemeindehaus. „Obdachlos sind nur ein paar. Die anderen haben einfach so wenig Geld.“

Peter bekommt außer Brot und Kaffee auch einen gelben Zettel, den faltet er und steckt ihn in seinen Geldbeutel. Für den Zettel bekommt er ein Abendessen in der Begegnungsstätte Bremer Treff. Diesen Abend wird er ihn nicht nutzen, aber der Zettel ist ein paar Tage gültig. Die Zettel gibt es an verschiedenen Stellen, manche fahren am Dienstag von einem Frühstücksort zum nächsten, holen sich überall einen gelben Schein. Dann haben sie schon drei, der Treff hat von Dienstag bis Sonnabend geöffnet, für drei Tage ist dann also schon mal gesorgt. Und in der nächsten Woche geht’s von vorne los.

Nach dem Frühstück laufen wir in Richtung Hauptbahnhof, dort verteilt die Caritas in den Wintermonaten dienstags und donnerstags Suppe, dort will Peter hin. Wir sind noch nicht ganz am Wall, da fahren der Sozialarbeiter Jonas Pot d’Or und Jörg Winter von der Inneren Mission im Kleinbus an uns vorbei. Jonas kurbelt das Fenster runter, fragt, ob wir einen Kaffee trinken wollen. Peter nickt. Jonas parkt, wir steigen ein. Jörg gießt Kaffee in Pappbecher, Jonas wirft jedem eine Packung mit drei Lebkuchen hin. Peter trinkt Kaffee mit Milch und Zucker. Durch die Fenster des Kleinbusses kann man kaum raussehen, Bilder kleben dort, von Menschen, die auf der Straße lebten und im vergangenen Jahr gestorben sind. Es sind viele Bilder, unter jedem stehen Geburts- und Todestag. Die Geburtsjahre: 1959, 1962. Aber auch 1974 und 1977. Wer auf der Straße lebt, wird meist nicht alt.

Ein Bild zeigt Petra, geboren am 17. 2.1957, gestorben am 25.11.2015. Sie war nierenkrank, hat zu viel gesoffen, sagt Peter. Die Älteren haben sich totgesoffen; die, die jünger gestorben sind, haben Drogen genommen. Er nimmt keine Drogen. Und auch das Saufen hat er gelassen – sagt er. Früher hat er alles getrunken. „Alles, durch die Bank. Außer reinen Spiritus.“ Heute trinkt er nur noch Bier, sechs bis acht Halbliterdosen, auf den Tag verteilt. Plötzlich auf der Straße zu stehen, das hat ihn wachgerüttelt, sagt er. „Da hab’ ich mit dem harten Trinken aufgehört.“ Der Alkohol, der war damals sein Verhängnis. Damals, vor 15 Jahren, als er nach und nach alles verlor: seine Frau und seinen Sohn, sein Haus, seine Arbeit, seine Wohnung. Seinen Lebensmut.

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Peter hat Werkzeugmacher gelernt, danach Abitur gemacht, er wollte immer Maschinenbau studieren; seine beiden Brüder sind Diplom-Ingenieure. Er hat nie studiert, mit 22 Jahren hatte er einen schweren Autounfall, er war nur Beifahrer. „Ich bin durch die Windschutzscheibe geschossen, wie ein Pfeil.“ Nach elf Monaten kam er wieder aus dem Krankenhaus, mit einer Metallplatte im Kopf, die seinen Schädel zusammenhält. Außer der Platte im Kopf hat er eine Narbe behalten, wie ein Bumerang sieht sie aus, ein nicht ganz gleichmäßiger Bumerang, wie eingefurcht, eine weiße Linie, direkt unterm Haaransatz.

Mit 25 musste er zum Bund. Für 18 Monate sollte er hin, nach 14 Monaten wurde er beurlaubt. Er war in der Deutschen Kommunistischen Partei, in der DKP. Peter erzählt, wie er in der Kaserne eine Friedenstaube an die Wand gemalt und in seiner Soldatenuniform an Friedensdemonstrationen teilgenommen hat. Deswegen war er im Knast, für 20 Tage. „Ich war ein sicherheitsgefährdender Faktor für die Bundeswehr“, sagt er. Er sagt das mit einem Lächeln, als sei er stolz darauf.

Später arbeitete er als Betriebsschlosser bei den Stahlwerken, damals hieß die Firma Klöckner. Der Stahlkrise in den 1980er-Jahren folgten Entlassungen, mit vielen anderen verlor Peter 1989 seinen Job. Er machte eine Umschulung zum Industrieelektroniker, arbeitete neun Jahre bei Coca Cola im Außendienst als Automatenmechaniker. Er heiratete, bekam einen Sohn. Peter baute für seine Familie ein Haus in Woltmershausen, dort lebten sie. „Ich wollte eigentlich für immer da bleiben.“

Doch im Jahr 2000 ging’s bergab, es begann mit dem Tag seiner Scheidung. Seine Frau, sein Sohn, seine Geschwister – als wir über Peters Familie sprechen, wird seine Stimme auf einmal ganz leise, er wird schweigsam. „Das sind familiäre Sachen, die will ich nicht breit treten.“ Peter zog aus seinem Haus aus, in eine eigene Wohnung, verlor seinen Job bei Coca Cola. Er fing an zu trinken. Zahlte Rechnungen nicht, die Miete auch nicht mehr. „Ich habe mich um immer weniger Dinge gekümmert, alles vernachlässigt.“ Eine Räumungsklage, und er war draußen.

Er wollte niemanden um Hilfe bitten, seine beiden Brüder nicht, seine Schwester auch nicht. „Ich lasse mir ungern helfen, das ist so.“ Also schlief er draußen. Anfangs noch ohne Schlafsack, nur dicker angezogen. Bald hatte er einen Schlafsack, und so vergingen die Jahre, draußen auf der Straße, draußen aus der Gesellschaft. Noch immer lässt er sich nicht gerne helfen, will sich nicht abhängig machen von seinen Geschwistern, von Freunden, von Sozialarbeitern.

Nur die wichtigsten Dinge trägt er im Rucksack bei sich. Seine Schlafsachen hat er versteckt, mitten in der Stadt. Erst abends holt er sie raus.

Nur die wichtigsten Dinge trägt er im Rucksack bei sich. Seine Schlafsachen hat er versteckt, mitten in der Stadt. Erst abends holt er sie raus.

Foto: China Hopson

Schon morgens beim Frühstück in der St.-Pauli-Gemeinde hatte Peter zu uns gesagt: „Die wollen unbedingt, dass ich ne Wohnung nehme.“ Wer sind die? „Die Innere Mission, Jonas, Jörg. Ich bin zu alt. Die haben keine Lust, mich tot von der Straße zu pflücken.“ Und er hat von Kurt erzählt, dem Kurt, der auf der Brücke saß und auch dort geschlafen hat. Der Kurt, sagte er, der ist so weit. Der hat alles mit der Hilfe der beiden gemacht – Jobcenter, Ausweis, Krankenkasse. Kurt ist auch 59 Jahre alt, so alt wie Peter.

Peter sitzt bei Jonas im Bus, sie reden, im Bus darf man rauchen. Peter dreht sich eine Zigarette, zündet sie an. Jonas: „Läuft das bei dir eigentlich mit Hartz IV?“ Peter: „Nö.“ Jonas: „Wie lange bist du raus?“ Peter: „Zwölf Jahre.“ Jonas: „Aus Hartz IV?“ Peter: „Ach so, nö.“

Peter überlegt, er weiß nicht genau, wann er das letzte Mal Geld vom Jobcenter bekommen hat. Auf jeden Fall ist es länger her als ein Jahr, also müsste er einen Neuantrag stellen. Jörg sagt: „Lass uns das zusammen machen.“ Peter sagt nichts.

Was bräuchte Peter, um eine Wohnung zu bekommen? Papiere, sagt Jonas. Das Wichtigste sind ein gültiger Ausweis und laufende Leistungen. Peter müsste also Hartz IV bekommen oder Leistungen vom Amt für Soziale Dienste, das einspringt, wenn jemand nicht mehr arbeiten kann. Wer arbeiten kann und wer nicht, darüber entscheidet der Ärztliche Dienst der Bundesagentur für Arbeit. Außerdem bräuchte Peter einen Wohnberechtigungsschein. Der steht ihm zu, das steht außer Frage, sagt Jonas.

Das weiß Peter, und er weiß auch, wie das mit dem Berechtigungsschein geht. Er hat das für Dieter erledigt, mit dem er mal Platte gemacht hat. Er hat ein ganz anderes Problem. „Ich geh‘ nicht mehr zur Schule“, sagt er. Jonas erklärt, was Peter damit meint. Manche, die beim Jobcenter einen Neuantrag stellen, müssen eine Woche lang einen Kurs machen, der über Rechte und Pflichten aufklärt. „Bevor du den nicht absolviert hast, bekommst du keinen Abgabetermin“, sagt Jonas. „Sie testen deine Arbeitsfähigkeit und Arbeitswilligkeit.“

Peter sollte den Kurs schon mal machen. Hat er aber nicht. „Wie soll ich den Kurs machen, wenn ich draußen schlafe? Wie soll ich mich morgens waschen, soll ich da ankommen wie ein Schwein?“ Kurt muss den Kurs nicht machen, sein Sachbearbeiter beim Jobcenter hat darauf verzichtet. Bei Peter würden sie dieses Mal vielleicht auch darauf verzichten. Jonas sagt zu ihm: „Du hast im Moment andere Sorgen, gesundheitliche, wo du schlafen sollst. Wenn du nachts nicht vernünftig schlafen kannst, dann kannst du tagsüber nicht unbedingt pünktlich irgendwo sein. Weil du vielleicht gerade dann einschläfst.“

Was hält ihn davon ab, es zu versuchen? Peter schaut auf die Tischplatte, zuckt die Schultern. Geld ansparen, von Amt zu Amt fahren, um die Papiere neu zu beantragen, Hilfe annehmen. Das sind Hürden, die für Peter unüberwindbar zu sein scheinen. Oder zumindest so hoch, dass er es nicht einfach so mal versucht. Jonas und Jörg reden auf ihn ein, versuchen sollten wir es, sagen sie. Er will es sich durch den Kopf gehen lassen. Er weiß es ja, er ist eigentlich schon zu alt, um auf der Straße zu leben. „Ich will und kann auch nicht mehr so weitermachen. Ich bin alt, das merkt man langsam, vor allem morgens nach dem Aufstehen.“

Morgens: Da stützt er sich mit den Händen an der Wand ab, um hochzukommen. Morgens humpelt er auch stärker, seine Beine sind steif von der Kälte, vom Liegen auf dem harten Boden. 2007 hatte er einen Unfall, fiel draußen eine Treppe runter, brach sich das Bein. Die Schrauben sind immer noch drin, er wollte nicht zurück ins Krankenhaus, um sie entfernen zu lassen. Inzwischen, meint er, seien sie gut festgewachsen.

Und die Papiere, die müsste er neu beantragen. Sie sind ihm geklaut worden, damals, als er anfing, draußen zu schlafen. Gesellenbrief, Geburtsurkunde, Zeugnisse. „Da passt du einmal nicht auf, hast vielleicht zu viel getrunken, dann klaut dir einer den Rucksack.“ Da war auch ein Foto von seinem Sohn drin. Elf Jahre war der Junge, als er ihn das letzte Mal gesehen hat. Inzwischen ist er 25, Peter ist sich sicher, dass er ihn erkennen würde, wenn er ihm auf der Straße begegnen würde. Vermisst er ihn? „Das Vermissen gewöhnt man sich ab auf der Straße.“ Aber ja, er denkt an ihn, immer wieder. „Vergessen tu ich den nicht.“

24 Stunden waren die Fotografin China Hopson und die Autorin Kathrin Aldenhoff mit Peter True auf der Straße. Haben mit ihm gefrühstückt, vor dem Bahnhof herumgestanden, Bier getrunken und draußen ihre Schlafsäcke ausgebreitet.

24 Stunden waren die Fotografin China Hopson und die Autorin Kathrin Aldenhoff mit Peter True auf der Straße. Haben mit ihm gefrühstückt, vor dem Bahnhof herumgestanden, Bier getrunken und draußen ihre Schlafsäcke ausgebreitet.

Foto: China Hopson

Das Foto lässt sich nicht ersetzen, die Papiere schon. Aber neue Papiere kosten Geld, Peter müsste zu verschiedenen Ämtern, müsste Passbilder machen lassen, auch die kosten Geld, genauso wie der Personalausweis. 28,80 Euro beim Stadtamt Bremen für Menschen über 24. Geld, das Peter nicht hat. Mit Flaschensammeln bekommt er an einem normalen Tag vier bis fünf Euro zusammen. Wenn Fußball ist am Wochenende und er mit anderen vorm Stadion sammelt, dann wird es so viel, dass er drei bis vier Tage nicht sammeln muss. Aber der Winter ist eine magere Zeit, so nennt Peter das. Die Leute trinken nicht draußen, lassen weniger Pfand auf den Straßen und in den Parks zurück.

In dieser Zeit ist Peter besonders auf kostenloses Essen für Bedürftige angewiesen. Oft gibt es Suppe, blöderweise auch oft aus Linsen, Erbsen oder Bohnen, sagt ein Bekannter von Peter, den wir am Hauptbahnhof bei der Suppenausgabe treffen. Blöd, weil die den Magen zum Rumpeln bringen und Obdachlose ja nicht immer eine Toilette in der Nähe haben. Peter sagt, es gibt zu wenig öffentliche Toiletten. Und Suppe kann er eigentlich nicht mehr sehen. Die Linsensuppe mit Würstchen, die Ehrenamtliche vor dem Hauptbahnhof aus einem großen Pott schöpfen, isst er trotzdem. Im Stehen, mit einem Plastiklöffel aus einer Plastikschale. Er hat die vorletzte Portion bekommen, wir waren spät dran, weil wir so lange bei Jonas im Bus saßen, kamen erst um viertel vor eins am Bahnhof an. Eine Viertelstunde vorher hatte die Essenausgabe begonnen.

Als Peter aufgegessen hat, laufen wir zum Lloydhof, zu den Suppenengeln. Es gilt, die unterschiedlichen Orte so anzusteuern, dass man möglichst viel Zeit im Warmen verbringen kann. Im Sommer sitzt er gerne draußen, an der Mühle in den Wallanlagen, das ist sein Lieblingsplatz. Um zehn nach eins sind wir im Lloydhof. Ein paar Stufen nach oben, Männer stehen an der Treppe und rauchen, einer redet wirres Zeug. Wir betreten den Raum, an einer Seite die Essenausgabe, auf der anderen Seite Tische und Stühle. Es ist warm, und es riecht nach Essen, nach Menschen, die Luft ist voll mit Gerüchen, die sich vermischen zu einem warmen Brei.

Ein Helfer sieht Peter, winkt ihm zu, sagt: „Heute kannst du neue Klamotten bekommen.“ Aber Peter schüttelt den Kopf. Er geht immer zur Kleiderkammer der Inneren Mission. Der Helfer bietet ihm Schuhe an, schwarze Lederschuhe, wie neu, Größe 44. „Da flieg ich doch raus! Ich hab Schuhgröße einundvierzigeinhalb. Im Winter zwoundvierzig, da trag ich zwei Paar Socken.“ Und überhaupt: „Meine Schuhe sind doch noch gut.“

Peter isst nichts, geht nur auf die Toilette und trinkt einen Kaffee. Das Gesicht zerknittert, die Bartstoppeln grau, das Kinn in die Hand gestützt, erzählt er von seinem Leben. „Tagsüber laufen wir von einer Fressstelle zur anderen. Abends wird’s langweilig.“ Viele hätten nur eines im Kopf: saufen oder essen. „Alles andere spielt für die keine Rolle.“ Und für ihn? „Ich interessiere mich für alles“, sagt er. Und zieht einen Packen Sudoku-Rätsel, ausgerissen aus Zeitungen und Zeitschriften, aus seiner Jackentasche. Peter redet viel, er ist froh, jemanden zu haben, der ihm zuhört. Er erzählt von einer Begegnung, die sein Leben geändert hat – für vier Jahre.

2011, Freimarktumzug: Peter sammelte Flaschen, da hat er seine Partnerin kennengelernt. Sie hat nicht Flaschen gesammelt, sie hatte Geld. Und eine Wohnung mitten in der Stadt. Er hat gekocht, Frühstück gemacht, zog zu ihr, putzte und kaufte ein. „Ich war ja mit ihr zusammen, ich wusste, wofür ich das gemacht habe.“ Ab und zu ist er mal raus, hat sich mit den anderen am Bahnhof getroffen, ein Bier ausgegeben. Seine Partnerin ist im Juli 2015 an einem Herzinfarkt gestorben. Wir wollten heiraten, sagt Peter. „Wir wollten einen Untermietvertrag machen, aber wir waren zu spät.“ Sie ist gestorben, und ihr Bruder hat die Wohnung geerbt. „Mit ihr, da hätte es sich wieder gelohnt.“

Seit ein paar Monaten ist er wieder auf der Straße. Hat seine Decken, seinen Schlafsack und seine Isomatte im Gebüsch versteckt, wo, das ist ein Geheimnis. Seine Nachmittage verbringt er wieder vor dem Bahnhof, neben dem Aschenbecher, zusammen mit Ronni, Dieter mit dem Rollator und den anderen, die vorbeischauen.

Als wir um kurz nach zwei den Lloydhof verlassen, macht Peter das erste Bier auf. Wir gehen zum Bahnhof, treffen die anderen. Gehen zu Aldi, Peter gibt Flaschen zurück, kauft Bier für sich und Cola für Dieter. 1,07 Euro macht es. Als er der Kassiererin seine abgezählten Münzen hinhält, sagt die: „Legen Sie das Geld hin, dann kann ich es besser zählen.“ Er legt es hin und fragt uns hinter der Kasse: „Hat sie das Geld von euch aus der Hand genommen?“

Vor dem Bahnhof öffnet Peter ein zweites Bier, die Männer reden, lachen, erzählen, was sie von den anderen wissen, von Kurt, den seit dem Morgen keiner mehr gesehen hat. Dieter muss dann weg, eine Wohnung besichtigen. Peter geht mit uns in die Stadtbibliothek, da hält er sich oft auf, manchmal spielt er Schach, liest Zeitung, sitzt im Warmen. Um sieben schließt die Stadtbibliothek, wir geben bei Karstadt noch einmal Flaschen zurück, kaufen Bier, gehen zum Schlafplatz.

Dienstagabend, halb neun: Die Betten sind fertig. Isomatte, ein Schlafsack zum Reinkriechen, einer als Decke, der Rucksack als Kopfkissen, damit keiner was klaut. Peter und Fiko trinken noch ein Bier, rauchen. Peter zieht die kleine Metalldose aus seiner Jackentasche, in der er Kippenstummel sammelt. Er pult sie auseinander, mischt den Tabak mit frischem, dreht sich eine Zigarette. Um halb elf legen wir uns hin. Peter sagt: „Eigentlich bin ich froh, wenn ich wieder aufwache. Und wenn nicht, dann hab ich‘s nicht gemerkt.“

Peter wacht wieder auf, wie jeden Morgen um halb sechs. Er dreht sich eine Zigarette, nimmt einen Schluck Bier. Packt seine Sachen in die Tüten, versteckt sie, läuft zum Bahnhof, wartet. Um acht öffnet die Bahnhofsmission. „Moin Peter“, rufen die Damen, er nimmt sich einen Kaffee, setzt sich an einen der Tische. Es ist warm. Ist er glücklich? „Ich bin nicht unzufrieden, bin zufrieden. Aber glücklich bin ich auch nicht. Weil bei mir nichts passiert. Und weil mir schon zu oft was passiert ist.“ Sein Traum ist es, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Muss ja kein Traum bleiben, fügt er hinzu. „Mehr ist nicht mehr drinne bei mir.“ Aber doch, eins wünscht er sich, aber wahrscheinlich wünschen sich das ja alle, sagt er: dass endlich mal ein bisschen Frieden herrscht.

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