Kälte, Nässe, Hunger, Dreck und Virus

Obdachlose stehen vor besonders hartem Winter

Für Obdachlose wird es in diesem Herbst und Winter doppelt hart: Neben den vier üblichen Plagen Kälte, Nässe, Hunger und Dreck bedroht nun auch noch das Coronavirus ihre zumeist schon angegriffene Gesundheit.
15.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Obdachlose stehen vor besonders hartem Winter
Von Joerg Helge Wagner
Obdachlose stehen vor besonders hartem Winter

Für Menschen, die auf der Straße leben, beginnt jetzt eine besonders riskante Zeit.

Frank Thomas Koch

Bis zu 600 Obdachlose leben auf Bremens Straßen, schätzt das Sozialressort. Für diese Menschen wird es in diesem Herbst und Winter doppelt hart: Neben den vier üblichen Plagen Kälte, Nässe, Hunger und Dreck bedroht nun auch noch das Coronavirus ihre zumeist schon angegriffene Gesundheit. Diverse Hilfsorganisationen und die Landesregierung tun viel, um die doppelte Herausforderung zu stemmen – denn nicht nur die Hilfsbedürftigen selbst müssen geschützt werden, sondern auch deren zahlreiche Helfer.

Am schlimmsten sind wohl die Nächte. Die Übernachtungsmöglichkeiten in Gemeinschaftsunterkünften werden jedoch an einzelnen Tagen recht unterschiedlich genutzt. An kalten Tagen könne man von etwa 450 bis 500 Schläfern ausgehen, sagt Bernd Schneider, Sprecher der Sozialbehörde. „Man kann im Umkehrschluss aber nicht sagen, dass dann 100 bis 150 auf der Straße übernachten. Die bis zu 600 Personen halten sich nicht ständig in Bremen auf – oder einzelne Personen kommen immer wieder und vorübergehend mal auch privat bei Bekannten unter.“

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Um die wegen Corona nötigen Abstandsregeln einzuhalten, musste die Zahl der Übernachtungsplätze in den Einrichtungen reduziert werden. In der Regel werden nicht mehr als zwei Personen in einem Zimmer untergebracht, erklärt Schneider. Zum Ausgleich habe das Ressort zusätzliche Unterkünfte in Pensionen und Schlichthotels angemietet. Zwei weitere Häuser seien nun Vertragspartner: „In der Summe stehen jetzt mehr Plätze zur Verfügung.“

„Für den Winter besteht die Herausforderung darin, neben der Einhaltung der Abstandsvorgaben auch Möglichkeiten für Aufnahmen im Rahmen einer Kälteregelung zu schaffen“, sagt Katharina Kähler, Bereichsleiterin Wohnungslosenhilfe beim Verein Innere Mission (VIM). Dabei geht es darum, an kalten Tagen zur Gefahrenabwehr auch Menschen ohne Leistungsansprüche aufzunehmen. Gemeinsam mit der Sozialbehörde arbeite man daran, trotz der Einschränkungen durch die Pandemievorgaben ausreichend Übernachtungsplätze zur Verfügung zu stellen, betont Kähler.

Appartments für Quarantäne-Fälle

Ein weiteres ehrgeiziges Projekt, mit dem man Menschen von der Straße holen will, kann allerdings erst nach dem Winter wirksam werden: Housing First. Dahinter verbergen sich 50 schlichte Wohnungen, die der Senat durch langfristige Belegbindung direkt an Wohnungs- und Obdachlose vergeben will. Das Programm soll im ersten Quartal 2021 starten.

Bislang hat das Sozialressort noch keinen Hinweis auf ein verstärktes Auftreten von Covid 19 bei Menschen ohne Obdach. Allerdings blieben vorsorgliche Angebote an diese Klientel auch ungenutzt. „Im August hatten wir allen Personen, die wir unterbringen, die symptomfreie Testung angeboten“, berichtet Schneider. Das Angebot richtete sich auch an die Mitarbeitenden der Einrichtungen. „Es gab aber keine Nachfrage.“ Inzwischen ist alles nicht mehr ganz so freiwillig: „In konkreten Verdachtsfällen wird der Test nicht nur angeboten, sondern ist zum Verbleib in der Unterkunft im Rahmen des Infektionsschutzes verpflichtend“, stellt VIM-Bereichsleiterin Kähler klar. Wer Symptome hat, kann jetzt eine Überweisung zum Test durch die Medizinische Notversorgung für Obdachlose erhalten. Diese ist an fünf Tagen in der Woche erreichbar, den Kontakt stellen Sozialarbeiter für die Obdachlosen her.

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Was aber passiert mit Obdachlosen, die infiziert sind? „Wir haben eigens Appartements für Quarantäne-Fälle, in denen wir jederzeit Menschen unterbringen und die kontaktlose Versorgung mit allem Lebenswichtigen sicherstellen können“, versichert Schneider. Auch in den Notunterkünften und Wohnhäusern des VIM gibt es Quarantänemöglichkeiten. Doch wer kontrolliert, dass die Infizierten dort auch in Quarantäne bleiben? „Hier achtet das dort tätige Mitarbeitendenteam auf die Umsetzung“, sagt Kähler. „Bei Nichteinhaltung müssen wir die Ordnungsbehörden einschalten.“ Das aber sei „bislang die absolute Ausnahme“.

Ausnahmezustand herrscht selbst bei der ganz alltäglichen Betreuung der Obdachlosen. „In die Bahnhofsmission dürfen aus Platzgründen aktuell maximal drei Personen gleichzeitig, weshalb die Aufenthaltszeit für die Wohnungslosen begrenzt ist“, sagt Caritas-Sprecherin Simone Lause. „Zudem werden keine Lebensmittel ausgegeben und verzehrt.“ Betreiber der Bahnhofsmission sind die Caritas Bremen und der VIM.

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Auch direkte Gespräche von Streetworkern mit ihrer Klientel in der geschützten Umgebung der Beratungsbusse seien derzeit nicht möglich, schildert Kähler. „Es müssen überall kreative Lösungen gefunden werden, das reicht von mobilen Handwaschstationen bis zu gemeinsamen Gesprächsspaziergängen mit Ratsuchenden zu zweit.“

Neben einem sicheren Schlafplatz und medizinischer Notversorgung haben Obdachlose noch andere Bedürfnisse: Essen, wärmende Kleidung und eine Gelegenheit, sich zu waschen – derzeit wichtiger denn je. „Bereits zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr haben verschiedene Initiativen und Einrichtungen ihre Angebote ausgeweitet oder neue geschaffen, wie zum Beispiel zahlreiche Essensausgabestellen in ganz Bremen“, erklärt Diakonie-Sprecherin Regina Bukowski. „Ergänzt werden diese nach wie vor bestehenden Angebote nun auch durch Angebote der Kältehilfe.“

Schlafsäcke, Süßes, Masken

In der „Johannis-Oase“ können Wohnungslose kostenlos duschen und ihre Wäsche waschen. „Da coronabedingt immer nur eine Person die Räume betreten darf und die Dusche anschließend desinfiziert werden muss, haben wir die Öffnungszeiten erweitert“, sagt Lause. Das gemeinsame Projekt der Caritas Bremen, der Vinzenzkonferenz und der Propsteigemeinde St. Johann ist montags bis freitags von 10 bis 13.30 Uhr geöffnet.

Am Montag startet das Caritas-Projekt „Wärme auf Rädern“. Obdachlose erhalten dann eine warme Mahlzeit, Tee und Kaffee und etwas Süßes. Die freiwilligen Helfer geben dies montags und donnerstags um die Mittagszeit am Bahnhofsvorplatz aus. „Da die traditionelle Weihnachtsfeier für Wohnungslose in diesem Jahr coronabedingt ausfällt, werden wir in der Woche vor Weihnachten an dieses Projekt eine kleine Weihnachtsüberraschung anbinden“, verrät Lause. In Planung sei zudem, Wohnungslosen donnerstags und freitags ein kostenloses Frühstück anzubieten.

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Beim VIM läuft die jährliche Spendenkampagne „Das lässt uns nicht kalt“ an. „Wir planen, wohnungslose Menschen hierdurch mit Hygieneartikeln, warmer Bekleidung, Heißgetränken, Schlafsäcken und weiteren dringend benötigten Dingen des täglichen Bedarfs zu unterstützen“, berichtet Kähler. In diesem Jahr gelte das insbesondere auch für Schutzmasken.

Gemeinsam mit neun anderen Institutionen hat die Diakonie Bremen schon im April einen „Sozialstadtplan“ erstellt. Angebote verschiedener Träger sind in einer Karte verzeichnet, in einer Wochentabelle aufgeführt und mit allen Details auf der Internetseite der Diakonie Bremen unter dem Menüpunkt Corona zu finden. Die Bandbreite reicht von Essen und Trinken, Ausgabestellen für Masken, Duschmöglichkeiten und Kleiderkammern bis hin zu Kältehilfen. Zudem wird angegeben, welche Angebote barrierefrei zu erreichen sind.

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Im Internet wird der Plan regelmäßig aktualisiert. Da Obdachlose eher selten Internet-Zugang haben, wird der Sozialstadtplan in großer Stückzahl als gedruckter Flyer den verschiedenen Projekten und Einrichtungen kostenfrei durch das Diakonische Werk zur Verfügung gestellt. „Aktuell ist bereits die vierte Auflage im Druck“, sagt Bukowski. „Sie wird zu Beginn der nächsten Woche in Bremen verteilt.“

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Mehr jüngere Obdachlose

Die Zahl der Obdach- und Wohnungslosen hat sich nach Angaben des Sozialressorts in den vergangenen zwei bis drei Jahren erhöht. „Darunter sind zunehmend EU-Bürger aus osteuropäischen Ländern, die hier keine Leistungsansprüche haben“, sagt Behördensprecher Bernd Schneider. Über die Altersstruktur der Obdachlosen wird keine Statistik geführt. „In der Betreuung ist der Eindruck entstanden, dass der Anteil jüngerer Menschen etwas zugenommen hat“, berichtet Schneider.

Für die höhere Zahl von Obdachlosen im Innenstadtbereich nennt er zwei Gründe: Zum einen seien viele Unterstützungsangebote in den Stadtteilen zurückgefahren worden, während gleichzeitig Angebote – etwa der Suppenengel – zentralisiert wurden. Zum anderen sind wichtige Aufenthalts- und Rückzugsgebiete für Obdachlose heute nicht mehr zugänglich, besonders im Bereich des Güterbahnhofs.

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