Obdachlosigkeit in der Corona-Krise

Pensionierte Ärztin kümmert sich um die Schutzlosen in Bremen

Gabriele Steinbach, 71, pensionierte Ärztin, gehört zur Risikogruppe. Eigentlich müsste sie sich schützen und zu Hause bleiben. Stattdessen fährt sie auch jetzt raus, um die zu schützen, die kein Zuhause haben.
24.05.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Pensionierte Ärztin kümmert sich um die Schutzlosen in Bremen
Von Nico Schnurr
Pensionierte Ärztin kümmert sich um die Schutzlosen in Bremen

Jeden Mittwoch wirft sich Gabriele Steinbach, 71, pensionierte Ärztin, ihren gelben Regenmantel über und setzt sich auf ihr Rad. Dann fährt sie auch in der Corona-Zeit durch Bremen, um die zu versorgen, die sonst nicht verarztet werden.

Frank Thomas Koch

Zu den großen Missverständnissen über Obdachlosigkeit zählt die Annahme, ein Leben ohne Wohnung würde ohne Struktur ablaufen. Dabei sind Gewissheiten nirgendwo so wichtig wie da, wo man sich auf wenig verlassen kann. Auf der Straße helfen Routinen, um zu überleben. Immer mittwochs zum Beispiel leuchtet um kurz nach 11 Uhr ein gelber Regenmantel vor dem Bremer Bahnhof auf. Dann wissen sie: Die Ärztin kommt.

Gabriele Steinbach fällt auf in ihrem Friesennerz, er ist ihr Markenzeichen, ein Ersatzkittel. Sie trägt ihn auch, als sie an einem für Mäntel viel zu warmen Maitag auf dem Bahnhofsplatz vorfährt. Steinbach kurvt auf ihrem Rad um ein paar Losbuden, bis sie erkannt wird. Jemand winkt sie herüber zur Grünfläche vor dem Übersee-Museum, wo eine Gruppe von Männern dicht an dicht auf Steinen hockt. Es gibt Bier aus Dosen und Sprüche auf Polnisch. Einer der Männer wendet sich an Steinbach. „Frau Doktor, meine Liebe, können Sie kurz…?“ Statt den Satz zu beenden, deutet er auf einen Typen, Anfang 20, die rechte Hand in eine Mullbinde gewickelt. Steinbach nickt. Die Ärztin parkt ihr Rad, setzt einen Mundschutz auf, stülpt Plastikhandschuhe über die Finger. Sie greift nach ihrem Rucksack, zieht eine Schere heraus, Salbe, Verbandsmaterial. Der Patient guckt sie mit großen Augen an. Er weiß, was kommt.

Kaum Rückzugsorte in der Krise

Seit dem Ausbruch des Coronavirus gilt: Wer kann, bleibt zu Hause. Nur was, wenn es kein Zuhause gibt? Wer auf der Straße lebt, hat oft ein geschwächtes Immunsystem, ist anfällig für chronische Krankheiten, für Infektionen. Hochrisikogruppe. Doch in der Krise bleiben kaum Orte, an die sich Obdachlose zurückziehen können. Die Bahnhofsmission hat zu, auch andere Anlaufstellen sind dicht. Auskurieren? Ausgeschlossen. Derselbe Staat, der Flugzeuge um die Welt schickt, um gestrandete Urlauber einzusammeln, vergisst, die Schutzlosen auf seinen Straßen zu schützen. Das übernehmen nun andere.

Es gibt Gabenzäune. Es gibt Vereine wie die Suppenengel, die Essen verteilen. Es gibt Streetworker, die unterwegs sind. Und es gibt Gabriele Steinbach, Chirurgin im Ruhestand. Seit zehn Jahren wirft sie sich mittwochs ihren gelben Mantel über, steckt eine Fliegerbrille in ihr graues Haar und setzt sich aufs Rad. Dann fährt sie durch Bremen, um die zu versorgen, die sonst nicht verarztet werden. Steinbach ist 71, auch sie zählt zur Risikogruppe. Eigentlich müsste sie sich schützen und zu Hause bleiben. Stattdessen fährt sie auch jetzt raus, um die zu schützen, die kein Zuhause haben. „Wenn ich das nicht mache“, sagt sie, „dann macht es keiner.“

Unterwegs mit Gabriele Steinbach, 70 Jahre alt, pensionierte Ärztin, gehört zur Risikogruppe und radelt trotzdem auch in der Corona-Zeit jeden Mittwoch durch Bremen, um Obdachlose zu verarzten

Gabriele Steinbach hilft Obdachlosen in Bremen. Manchmal kann aber auch sie nicht mehr tun, als einen Kakao zu spendieren.

Foto: Frank Thomas Koch

Am Bahnhof wippt der junge Mann hektisch mit den Beinen. Steinbach schneidet den Verband auf. Auf dem Handrücken klafft eine Wunde, so groß wie ein Zwei-Euro-Stück. Die Ärztin tupft Blut und Dreck ab. „Ach, siehste“, sagt sie, „schon viel besser.“ Bei einer Schlägerei soll sich ein infektiöser Zahn ins Fleisch gebohrt haben, seitdem macht die Hand dem Mann Probleme. Erst Anfang März soll er aus Polen nach Bremen gereist sein, Geld verdienen auf Baustellen. Dann kam Corona. Auf dem Bau haben sie ihn bald nicht mehr gebraucht. In seiner Pension sollen sie ihm seine Sachen geklaut haben. Zurück nach Polen geht nicht – Grenzen dicht, Geld weg, Papiere auch. Also auf die Straße, Alkohol und Ärger. Und mittwochs kommt die Frau im gelben Mantel vorbei und schmiert Salbe auf die Wunden seines neuen Alltags. „Danke“, sagt er leise, als Steinbach fertig ist, „schönen Tag.“

Manchmal schreibt Steinbach die Geschichten von der Straße auf, um sie nicht zu vergessen. Sie hat unzählige dieser Biografien gehört, die von verpassten Chancen handeln, von enttäuschten Hoffnungen und schiefen Bahnen. „Über die Jahre habe ich eine Parallelwelt kennengelernt“, sagt sie. Die Ärztin ahnt, dass die Menschen in dieser Welt gerade besonders gefährdet sind.

Zu wenig Passanten, zu wenig Geld

Steinbach fährt weiter, ihr Rad ruckelt übers Kopfsteinpflaster, es geht Richtung Obernstraße. Dort sitzt Mike im Schneidersitz auf einer Isomatte. In seinem Rücken rauscht eine Straßenbahn vorbei. Neben ihm plätschert ein kleiner Springbrunnen. Sein Hund läuft auf Steinbach zu. Herzliche Begrüßung, man kennt sich, „fehlt dir was“? Mike schüttelt den Kopf, keine Probleme, zumindest nicht gesundheitlich. Auf seinem Schoß liegt ein Magazin, „National Geographic“, Ausgabe Mai. Auf der Titelseite steht: „Wie Corona die Solidarität stärkt.“ Habe er höchstens ein paar Tage erlebt, Mitte März, als das öffentliche Leben heruntergefahren wurde. „Da haben die Leute kurz an uns gedacht“, sagt Mike, „jetzt nicht mehr.“ Es seien kaum Passanten unterwegs, die er um Geld bitten könne. Die wenigen, die ihm entgegenkämen, liefen meist weiter. „Man ist mehr Glas als Mensch“, sagt Mike, „die Leute schauen durch dich hindurch.“ Früher habe er an einem schlechten Tag drei Stunden gebraucht, um Geld für eine Packung Tabak zu schnorren. Nun dauere das manchmal neun Stunden.

Wollte er seine Gesundheit nicht riskieren, dürfte Mike nicht an der Obernstraße sitzen. Er müsste sich einen Platz suchen, wo weniger los ist. Kontakt zu Passanten ist gefährlich, doch für Mike ist er notwendig. Bevor er ohne das bisschen Einkommen leben muss, lebt er lieber mit dem Infektionsrisiko. Mike sagt, er habe keine Angst, sich mit dem Virus anzustecken. Manchmal frage er sich bloß: „Wo genau wäre eigentlich meine Quarantäne?“ Steinbach erklärt, es gebe eine Art Hotel, in dem Menschen wie er unterkommen könnten. Sei bislang aber noch nicht passiert, keine Infizierten, heiße es. Mike lacht. Er sagt: „So genau kann das doch gar keiner wissen.“

Unterwegs mit Gabriele Steinbach, 70 Jahre alt, pensionierte Ärztin, gehört zur Risikogruppe und radelt trotzdem auch in der Corona-Zeit jeden Mittwoch durch Bremen, um Obdachlose zu verarzten

Die pensionierte Ärztin fährt raus, damit aus kleinen Wunden keine großen Probleme werden.

Foto: Frank Thomas Koch

Ein paar Meter weiter kauert ein Mann vor einem Restaurant an der Domsheide. Steinbach behandelt ihn seit Jahren. Gerade ist das nicht wirklich möglich. Der Mann ist kaum ansprechbar, Speichelfäden ziehen sich über sein Kinn. Er zittert. Später wird Steinbach sagen: „Wenn er das Virus bekommen sollte, sieht es ganz schlecht für ihn aus.“ Jetzt geht sie in einen Bäcker nebenan und fischt einen Kakao aus dem Kühlschrank. Hat sie dem Mann zuletzt versprochen. Sie verlässt den Laden und drückt dem Mann das Getränk in die Hand. Mehr kann auch sie gerade nicht für ihn tun.

„Ich bin nicht Mutter Teresa“, sagt Steinbach, als sie wieder auf ihrem Rad sitzt, „mir ist schon klar, dass man die Leute nicht mit Schokolade und Wurstbroten rettet. Das ist auch gar nicht meine Aufgabe.“ Steinbach fährt raus, damit aus kleinen Wunden keine großen Probleme werden. „Es geht ums Vorbeugen“, sagt sie, „spart Geld und Nerven.“ Sie wolle damit auch die Krankenhäuser entlasten. Und wenn doch mal jemand in eine Klinik müsse, kümmere sie sich auch darum. Sie fahre hin, sehe nach den Patienten. „Damit das Personal im Krankenhaus sieht: Das ist kein anonymer Obdachloser, sondern eine Person, die anderen wichtig ist“, sagt Steinbach. Dann lenkt sie ihr Rad durch den Innenstadtverkehr, zurück Richtung Bahnhof.

Die Ärztin wechselt den Modus

Auf der Bürgerweide haben sie eines dieser Zelte aufgebaut, in denen sich die Leute mit Bier zuschütten, wenn dort der Freimarkt stattfindet. Bloß ist eine Pandemie kein Volksfest, daran erinnert das Plakat neben dem Zelt, eine Luftaufnahme vom Freimarkt ist darauf zu sehen, daneben steht ein Satz: „Bitte bleibt gesund und zu Hause, damit solche Momente bald wieder passieren.“ Darunter prangt das Motto: „#stayhome“. Vor dem Plakat haben sich einige Hundert Menschen aufgereiht, die damit nicht gemeint sein können. Im Zelt verteilt der Verein Suppenengel Lebensmittel an Obdachlose. Es gibt Backwaren, Gemüse, Getränke.

Steinbach ist auch da. Sie läuft die Schlange vor dem Zelt ab. Wie jeden Mittwoch misst sie den Blutdruck einer Frau, die ihre Kappe tief ins Gesicht gezogen hat. Wie jeden Mittwoch ist er zu hoch, 190 zu 110. Wie jeden Mittwoch redet Steinbach auf die Frau ein, doch bitte die Tabletten zu nehmen, die sie ihr gegeben hat. Und wie jeden Mittwoch bedankt sich die Frau und verspricht, die Tabletten zu nehmen.

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Ein Mann mit rotem Kopf torkelt auf Steinbach zu. „Gabi, ich brauche Tabletten, Multivitamin, los, los!“ Genervter Blick der Ärztin. „Du sollst mich nicht Gabi nennen“, sagt sie, „hast du dit verstanden?“ Steinbach kommt aus Berlin. Man hört das nur, wenn sie den Modus wechselt. „Wird jemand frech, lasse ich Neukölln raushängen.“ Funktioniert. Der Mann entschuldigt sich und torkelt davon.

Es ist nach 14 Uhr, als Steinbach Pause macht. Sie sitzt auf einer Bank und sieht zu, wie sich die Bürgerweide langsam leert. Seit mehr als drei Stunden ist sie unterwegs. Hat es sich gelohnt? „Mein Bruder hat gesagt: Du gehst jetzt noch zu den Obdachlosen? Warum machst du das? Das ist doch nicht systemrelevant.“ Die Ärztin meint: Könnte sein, dass ihr Bruder recht hat. Man müsse sich nur fragen, was das über das System aussagt, nicht über sie, sagt Gabriele Steinbach. Dann wirft sie sich den gelben Mantel über und steigt wieder auf ihr Rad.

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