Charité-Studie veröffentlicht

Sicher in Bahn und Bus

Laut einer Studie der Charité ist die Infektionsgefahr im ÖPNV nicht höher als im Individualverkehr. Die Untersuchung liefert laut Verkehrssenatorin Maike Schaefer erstmals belastbare Erkenntnisse.
11.05.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Patrick Reichelt
Sicher in Bahn und Bus

Die Charité hat im Auftrag der Bundesländer die Infektionsgefahr in Bussen und Bahnen untersucht.

Frank Thomas Koch

Die Corona-Ansteckungsgefahr im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) ist laut einer aktuellen Untersuchung nicht größer als im Individualverkehr. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Charité Research Organisation (CRO), die am Montag veröffentlicht wurde. Elf Bundesländer sowie der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hatten beauftragt, das Ansteckungsrisiko von Fahrgästen in Bussen und Bahnen mit dem von Pendlerinnen und Pendlern zu vergleichen, die regelmäßig mit Pkw, Motorrad oder Fahrrad unterwegs sind. „Die Studie der Charité liefert für Millionen von Fahrgästen in Deutschland erstmals belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse zum tatsächlichen Infektionsrisiko bei der Nutzung von Bussen und Bahnen", sagt Maike Schaefer (Grüne) als Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz (VMK) und Bremer Mobilitätssenatorin.

Durch Homeoffice, Kurzarbeit und Lockdown habe der ÖPNV in der Pandemie "stark gelitten" und die Situation zu "dramatischen Einnahmeverlusten geführt", sagt Schaefer. Es sei immer wieder ein Thema gewesen, dass Menschen Angst davor haben, dass man sich im Nahverkehr anstecken könnte. Viele Fahrgäste hätten laut Schaefer dieses diffuse Gefühl, weil sie mit vielen fremden Menschen zusammen in Bussen und Bahnen fahren. Dabei seien sie durch AHA-Regeln, Maskenpflicht, eine geringeren Auslastung und regelmäßigem Lüften in den Fahrzeugen oft besser geschützt, als bei einer großen Kaffeerunde im Bekanntenkreis ohne Maske. "Deswegen sind die Ergebnisse eine gute Nachricht für die Stammkunden im ÖPNV, aber auch für die vielen Fahrgäste, die in den letzten Monaten aufgrund eines Unbehagens auf die Nutzung von Bus und Bahn verzichtet haben", sagt die Verkehrssenatorin. Für die an der Studie beteiligten Länder sei es wichtig gewesen, genauere Informationen zu bekommen. Auch, weil man das Vertrauen in den Nahverkehr wieder zurückgewinnen wolle, so Schaefer.

Für die unabhängige epidemiologische Studie hat das Auftragsforschungsinstitut (Research Organisation) der Berliner Charité seit Februar 2021 über einen Zeitraum von fünf Wochen insgesamt 681 freiwillige Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter von 16 bis 65 Jahren im Gebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV) begleitet. Ziel war es, die Infektionsgefahr von Fahrgästen nicht unter Laborbedingungen oder auf Grundlage statistischer Berechnungen abzuschätzen, sondern im Rahmen der alltäglichen Fahrt zur Arbeit, Ausbildung oder Schule zu ermitteln. "Ein solcher Ansatz ist im Rahmen von Covid-Untersuchungen im Mobilitätssektor bislang einzigartig", teilt der ÖPNV-Branchenverband VDV mit, der laut eigenen Angaben mehr als 600 Mitgliedsunternehmen besitzt, die täglich mehr als 30 Millionen Menschen befördern.

Das Forschungsinstitut hat nach einem positiven Votum der Ethikkommission der Berliner Ärztekammer das Infektionsrisiko untersucht. Die freiwilligen Teilnehmer wurden laut Charité nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und annähernd gleich auf die beiden Gruppen ÖPNV und Individualverkehr aufgeteilt. Alle Probanden seien zu Beginn und am Ende der Studie durch PCR-Testung (akute Infektion) oder Antikörpertestung (überstandene Infektion) medizinisch untersucht worden. Während des Studienzeitraums führten die Probanden ein digitales Tagebuch, über das zusätzlich zum Mobilitätsverhalten auch Kontakte, Erkältungssymptome oder die Einhaltung von Hygieneregeln im ÖPNV festgehalten wurden. Die regelmäßige Nutzung von Bussen und Bahnen führte laut der Studie nicht zu einer höheren Ansteckungsgefahr. Auch im Vergleich verschiedener Verkehrsmittel des ÖPNV wurden keine Unterschiede festgestellt. 

„Seit Beginn der Pandemie hat die Bremer Straßenbahn AG zahlreiche Schritte zum Schutz ihrer Fahrgäste und ihrer Mitarbeitenden vor einer SARS-CoV-2-Infektion ergriffen", sagt Hajo Müller, Sprecher des Vorstands der Bremer Straßenbahn AG (BS. Das Verkehrsunternehmen reinige beispielsweise die Fahrzeuge häufiger und intensiver als zuvor. Zudem werde der Luftaustausch durch die Klimatisierung und das Öffnen der Türen an den Haltestellen verbessert. "Den Erfolg dieser Maßnahmen sehen wir durch die aktuelle Studie bestätigt. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen und angesichts der geringen Auslastung der Fahrzeuge belegt die Studie: In Bus und Bahn herrscht keine erhöhte Ansteckungsgefahr", so Müller. Ein wichtiger Baustein zum Schutz vor einer Verbreitung von Covid 19 ist und bleibt aus Sicht der BSAG die Maskenpflicht.

„Wir haben nun wissenschaftliche Klarheit für die Fahrgäste, dass die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel im Verhältnis zu anderen Verkehrsmitteln nicht mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko verbunden ist", sagt der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann. 

Info

Ergebnisse der Studie

Um die Ergebnisse der Pendler-Corona-Studie in der Bevölkerung zu kommunizieren, soll eine von Bund, Ländern, kommunalen Spitzenverbänden und den öffentlichen Verkehrsunternehmen getragene bundesweite Kampagne mit dem Slogan #BesserWeiter genutzt werden. Weitere Infos, auch zur Charité-Studie, sind unter der Website www.besserweiter.de zu finden.

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