Debatte in Bremen und Niedersachsen Ohne Impfschutz kein Zutritt zur Kita

Seit Jahresbeginn sind in Niedersachsen mehr Menschen an Masern erkrankt als im ganzen vergangenen Jahr. Angesichts eines aktuellen Ausbruchs fordern Ärzte ein Impfpflicht für Kitas, Schulen und Universitäten.
10.03.2019, 21:45
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Ohne Impfschutz kein Zutritt zur Kita
Von Sabine Doll

In Bremen und Niedersachsen ist die Debatte um eine Impfpflicht voll entbrannt. Anlass ist ein Masernausbruch im Landkreis Hildesheim, dort hat die niedersächsische Gesundheitsbehörde die Notbremse gezogen: Ungeimpfte Kinder dürfen eine Schule, an der sich Masernfälle häufen, vorerst nicht mehr besuchen. Masern sind in Niedersachsen auf dem Vormarsch: Seit Jahresbeginn wurden laut Gesundheitsministerium bereits 26 Fälle registriert, im gesamten Jahr 2018 waren es 18.

Dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB), Jörg Hermann, reicht ein vorübergehender Ausschluss bei solchen Ausbrüchen nicht: „Man muss für den Schutz der Allgemeinheit sehr weit gehen. Konkret heißt das: Die Ungeimpften haben keinen Zutritt mehr zu staatlichen Einrichtungen wie Kitas, Schulen und Universitäten“, sagte er dem WESER-KURIER. Das Recht , den Zutritt zu verweigern, müssten auch Privateinrichtungen wie Arztpraxen haben. Die KV Bremen werde Ärzte darin bestärken und nicht gegen sie vorgehen, wenn sie Ungeimpften den Zutritt in ihre Räume verwehrten. Radio Bremen hatte zunächst darüber berichtet.

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Es gehe um den Schutz der Allgemeinheit, so der Bremer KV-Chef. Die Entdeckung von Impfungen sei das goldene Zeitalter der Medizin gewesen. Ein minimaler Eingriff führe zu maximalem Erfolg. Und zwar nicht nur für den Geimpften, sondern vor allem für die übrige Bevölkerung. „Wir sprechen von Herdenimmunität. Diesen Teil nicht wahrzunehmen ist so grob fahrlässig und rücksichtslos gegenüber den Mitmenschen, dass man das auch mit erheblichen Nachteilen für denjenigen, der diese Fehlentscheidung trifft, sanktionieren darf“, betont Hermann. Erst vor Kurzem hatte eine private Kita in Essen eine Impfpflicht eingeführt.

Bremens Gesundheitssenatorin gegen eine Impfpflicht

Bremens Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) hält nichts von einer Impfpflicht für Kitas, Schulen, Universitäten und andere staatlichen Einrichtungen: „Aufklärung ist der bessere Weg. Die Pflicht zur Impfberatung gibt es schon: Bevor Kinder in eine Gemeinschaftseinrichtung aufgenommen werden, muss eine Impfberatung erfolgen.“ Fehle dieser Nachweis, werde das Gesundheitsamt informiert.

Die Zahl der Meldungen bewege sich seit Einführung des Bundesgesetzes im Juli 2017 im unteren zweistelligen Bereich. In Bremen erhielten alle Eltern, deren Kinder in den Kindergarten oder in die Schule kommen, Infobroschüren zu erforderlichen Impfungen. Amtsärzte besuchten Kindergärten sowie die fünften und achten Klassen, um Impfpässe zu sichten, über fehlende Impfungen aufzuklären und Nachimpfungen anzubieten. Auch Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) lehnt eine Impfpflicht ab: „Auch im Hinblick auf das Grundgesetz wäre dies ein derartig harter Eingriff, den man nicht für eine Kommune entscheiden kann.“

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Im Land Bremen sind laut Schuleingangsuntersuchungen des Gesundheitsamts für das Schuljahr 2018/2019 fast 98 Prozent der Kinder mindestens einmal gegen Masern geimpft worden, eine zweite Impfung hatten rund 92 Prozent. Das Gesundheitsamt registrierte 2018 zwei Masernfälle, 2017 waren es drei. Niedersachsen nennt als aktuellste Zahlen für Impfquoten die Schuleingangsuntersuchungen 2017: Danach waren 93,3 Prozent zweimal gegen Masern geimpft, im Jahr davor 93,7 Prozent. Im Bundesschnitt lag die Impfquote laut Robert-Koch-Institut bei 97,1 Prozent für die erste Impfung. Bei der für die Masernausrottung notwendigen zweiten Impfung wurden 92,9 Prozent erreicht (Schuleingangsuntersuchungen 2016).

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Impfquote von 95 Prozent notwendig

Notwendig sei eine Impfquote von 95 Prozent, um Ausbrüche wie in Hildesheim zu verhindern: „Damit sich in der Bevölkerung beim Auftreten einzelner Fälle eine Ausbreitungsbarriere bildet und auch Menschen geschützt sind, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können“, betont der Präsident des Landesgesundheitsamts, Matthias Pulz. Masern seien hochansteckend und keine harmlose Kinderkrankheit. Als lebensbedrohliche Komplikation könne eine Gehirnentzündung auftreten.

Die niedersächsische Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) sagt: „Es ist nicht hinnehmbar, dass es noch Masernausbrüche in einem medizinisch so gut versorgten Land wie Deutschland gibt.“ Eine Impfpflicht müsse jedoch bundeseinheitlich geregelt werden.

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