Nachbarn im Heimatviertel sind schockiert über die neuesten Pläne für das Waller Wied Ohne jegliches Fingerspitzengefühl

Steffensweg. Bremen braucht Wohnraum für seine wachsende Bewohnerzahl. Das ist eine Tatsache.
29.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Steffensweg. Bremen braucht Wohnraum für seine wachsende Bewohnerzahl. Das ist eine Tatsache. Ein Grundstück zwischen Nordstraße und Hafenrand ist dafür schon seit Längerem im Visier. Die unmittelbaren Nachbarn im Waller Wied haben nun als erste davon erfahren, wie sich Stadtplanung und Gewoba die Bebauung vorstellen. So war es abgesprochen. Doch was auf der der knapp 13000 Quadratmeter großen Grünfläche zwischen Bogenstraße und Überseetor geplant ist, darauf waren die Anwohner nicht vorbereitet.

Sollten die Pläne umgesetzt werden, wären sie in Zukunft mit einem Neubaugebiet konfrontiert, in dem 100 Wohneinheiten in Gebäuden mit bis zu acht Geschossen untergebracht werden sollen. Das gewachsene Quartier würde davon buchstäblich in den Schatten gestellt, sagen die Nachbarn. Im Heimatviertel hofft man sehr, dass das verhindert werden kann.

Ein Rückblick: Vor drei Jahren wurde das Vorhaben im Waller Wied konkreter. Die ersten Entwürfe, die im Sommer 2013 präsentiert wurden, sahen die Bebauung des Mischgebietes mit rund 30 Wohneinheiten entlang der Bogenstraße vor, dahinter sollten ein Studentenwohnheim, eine Kindertagesstätte und Künstlerateliers gebaut werden.

Im Waller Beirat und unter den Anwohnern wurden die Pläne nicht kritiklos akzeptiert: Die vorgesehene dreigeschossige Bebauung widerspreche dem Bebauungsplan, hieß es. Nachbesserungsbedarf wurde unter anderem auch bei den Fragen der Zuwegung und der Parkplatzsituation gesehen. Das Vorhaben zerschlug sich aber von selbst, als sich zunächst das Studentenwerk, dann auch die Bremer Evangelische Kirche als mögliche Betreiberin der Kita aus dem Projekt zurückzogen.

Anfang dieses Jahres war das Waller Wied wieder Thema der Stadtteilpolitik: Das Gerücht ging herum, dass die Gewoba das Grundstück zum Bau von mindestens 100 Wohneinheiten erstehen wolle. Es gebe noch keine Pläne, zunächst müssten Lärm- und Geruchsgutachten erstellt werden, und es werde nichts unternommen, ohne die Nachbarschaft am Waller Wied zu beteiligen – so wurde Stadtplanerin Georgia Wedler in dieser Zeitung zitiert. „Wir fühlten uns ernst genommen“, berichtet Hans-Werner Liermann, der seit 35 Jahren an der Bogenstraße lebt. „Wir waren zu naiv“, sagt sein Nachbar Erik Wankerl.

Rund ein Dutzend der Nachbarn haben sich vor drei Jahren zur „Anwohnerinitiative Waller Wied“ zusammengeschlossen und wissen im Heimatviertel gut 100 Unterstützer hinter sich. Sie wehren sich nicht gegen die Bebauung als solche. Sie wünschen sich aber für den Ort, an dem ein Stück altes Walle auf die moderne Überseestadt trifft, eine Architektur „mit Fingerspitzengefühl“, sagen Wankerl und Liermann, die beiden Sprecher der Initiative.

Man sei der Einladung ins Info-Center in der positiven Erwartung gefolgt, dass ein planerischer Verbesserungsvorschlag die Sicht der Anwohner berücksichtige. Doch was am 16. August präsentiert wurde, entpuppte sich als alles andere als das.

Die Gewoba möchte 100 Wohneinheiten schaffen – mindestens 80 Prozent, womöglich sogar komplett, sozial gefördert. Vorgesehen sei dabei auch die Bebauung der kleinen Straße Am Waller Wied: Dort soll eine Hausreihe mit Geschosshöhen von vier bis acht Stockwerken entstehen. „Nur mal so zum Vergleich: Ein achtstöckiger Turm ist locker 24 Meter hoch. Unsere Häuser sind mit Spitzdach zehn Meter hoch“, erklärt Hans-Werner Liermann.

Der Wall parallel zur Straße Überseetor solle abgetragen und durch einen Riegelbau ersetzt werden, berichten die Nachbarn. Zu einem späteren Zeitpunkt solle dann auch die Front zur Nordstraße bebaut werden. „Dort soll irgendwann ein Erweiterungsbau für die Schule an der Nordstraße entstehen“, berichtet Liermann. An den gültigen Bebauungsplan, der Wohnbebauung nur im Bereich an der Bogenstraße erlaubt, und dort auch nur zwei Geschosse plus Satteldach, sehe sich der Entwurf nicht gebunden. „Wir hätten wissen müssen, dass die Gutachten nur dem Zweck dienen, den Bebauungsplan ändern zu können“, sagt Erik Wankerl. „Ehrlich gesagt: Wir fühlen uns verarscht.“

„Schock und Entrüstung“, so beschreibt der 41-Jährige seine Gefühlslage. Seit neun Jahren lebt er mit seiner Familie in einem der typischen kleinen Heimatviertel-Häuser an der Bogenstraße. Von seinem Wohnzimmerfenster hat er das potenzielle Bauland direkt im Blick. Die wild bewachsene Brachfläche im Waller Wied, die die Bewohner im Heimatviertel liebevoll ihre „grüne Lunge“ nennen: Hier soll nach den neuesten Plänen die architektonische Dimension der Überseestadt mit Wucht auf das alte gewachsene Wohnquartier prallen.

Den Einwand, dass die vorgesehene Bebauung überhaupt keine Rücksicht auf die gewachsenen Strukturen nehme, hätten die Planer „eiskalt weggewischt“, erzählt Wankerl: „Blanker Hohn“ sei das Argument, dass man mit den Gebäudehöhen städtebaulich auf den Stil der Überseestadt reagieren müsse. „Dass damit das Heimatviertel mit seiner 127 Jahre alten Tradition in den Schatten gestellt wird, das ist den Planern anscheinend ziemlich egal. Statt an die Menschen zu denken, die hier wohnen, wird nur von oben auf abstrakte Formen und Fluchten geschaut.“ Die städtebauliche Verbindung des historischen Quartiers zur Überseestadt könne über „kluge, integrative und schöne Konzepte“ durchaus gelingen. „Aber Bremen will wieder einmal versagen.“

Noch sind es Entwürfe, noch muss die Baudeputation eine solche Art der Bebauung gutheißen, noch muss der Bebauungsplan geändert werden, noch ist nichts entschieden. Die Anwohnerinitiative im Waller Wied ist sich zwar bewusst: „Wenn die Stadt das durchdrücken will, dann kann sie das.“ Aber im Heimatviertel sagt man: „Wir wissen, wie man sich wehrt. So leicht geben wir nicht auf.“

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