Kann Bremen von Hamburg lernen?

"Ohne Kooperation geht es nicht"

Eine Koordinierungsstelle soll einen neuen Umgang mit verhaltensauffälligen Jugendlichen schaffen. Mittlerweile wollen viele von dem Hamburger Modell lernen. Kann das Modell auch Bremen helfen?
03.12.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sara Sundermann
"Ohne Kooperation geht es nicht"

Carolin Becker

Philipp Hannappel

Hamburg versucht – ähnlich wie Bremen – seit Längerem und bisher vergeblich, eine geschlossene Einrichtung für verhaltensauffällige Jugendliche zu schaffen. Unterdessen ist dort eine Koordinierungsstelle entstanden, die einen neuen Umgang mit diesen Jugendlichen ausprobiert. Sara Sundermann hat Carolin Becker, Projektleiterin der Koordinierungsstelle, gefragt, ob Bremen von Hamburg lernen kann.

In Bremen sorgt eine kleine Gruppe jugendlicher Flüchtlinge für Probleme. Diese treten sehr extrem und aggressiv auf und können durch Sozialpädagogen offenbar gar nicht mehr erreicht werden. Sie arbeiten in Hamburg auch mit Jugendlichen, bei denen zuvor jedes Jugendhilfesystem versagt hat. Was machen Sie mit denen?

Carolin Becker: Bei uns kommen Mitarbeiter von sechs Trägern der Jugendhilfe alle 14 Tage für vier Stunden zusammen. Dann sprechen wir gemeinsam über die Fälle der Jugendlichen und laden dazu interdisziplinär Gäste ein, Experten, die den Jugendlichen kennen: Betreuer, Drogenberater, Jugendpsychiater, Jugendamtsmitarbeiter. Gemeinsam versuchen wir, alle Informationen zusammenzutragen und uns in den Jugendlichen hineinzuversetzen, um herauszufinden, was er persönlich braucht.

Soziale Träger in Bremen betrachten Ihre Koordinierungsstelle als Vorbild, Mitarbeiter der Bremer Sozialbehörde waren kürzlich bei Ihnen zu Besuch. Was machen Sie richtig?

Die Debatte darüber, wie man mit solchen Jugendlichen umgeht, läuft ja nicht nur in Bremen, sondern in vielen Bundesländern. Mittlerweile wollen viele von uns lernen, wir tingeln mit unserem Konzept durch die Republik. Auch Thüringen und Berlin interessieren sich dafür. Tatsächlich funktioniert es bislang: Wir haben im vergangenen Jahr für 21 Jugendliche eine Bleibe gefunden, alle sind versorgt.

Woran liegt’s?

Wir versuchen nicht vorrangig, die Jugendlichen zu verändern, sondern das Hilfesystem. Die Koordinationsstelle bietet Beratung und Entlastung für die Helfer, die oft nach gescheiterten Anläufen mit den Jugendlichen zerstritten sind. Und wir suchen zum Beispiel für einen marokkanischen Jugendlichen eine Wohngruppe, in der es einen Betreuer aus Marokko gibt. Vielleicht hat der Junge einen besonderen Bezug zu Hunden, dann sucht man für ihn nach einer Bleibe, wo es auch einen Hund gibt.

Welches extreme Verhalten zeigen die Jugendlichen, mit denen Sie arbeiten?

Bei vielen von ihnen kommt einiges zusammen: Sie sind gewalttätig in ihrer Wohngruppe geworden, haben geklaut, auf der Straße gelebt und hatten eine Psychose. Viele sind drogenabhängig oder gehen auf den Strich. Sie fliegen immer wieder aus ihrer Wohngruppe oder ihrer Schule, wir hatten auch schon Angriffe auf Betreuer.

Viele sagen: Mit Kuschelpädagogik kommt man doch bei solchen Jugendlichen nicht weiter. Was ist das Härteste, was Sie mit Ihren Jungen und Mädchen machen?

Wir machen überhaupt nichts Hartes mit ihnen, wir verhängen weder Strafen noch Sanktionen. Das dürfen wir rechtlich auch gar nicht. Und diese Kinder haben schon genug Schlimmes erlebt. Wir setzen auf Kooperation mit den Jugendlichen, ohne Kooperation geht es sowieso nicht.

Was haben die Jugendlichen erlebt?

Die meisten von ihnen haben eine dramatische Lebensgeschichte. Sie haben viel Gewalt erfahren, hatten als Kinder nie genug Schutz und konnten oft kaum eine Bindung zu ihren Eltern aufbauen. Sie wurden weggegeben, alleine gelassen, geschlagen oder immer wieder missbraucht.

Ist die Gruppe, mit der Sie arbeiten, mit der Gruppe von Jugendlichen vergleichbar, um die es in Bremen geht? Viele der Jugendlichen, die in Bremen für Probleme sorgen, kommen offenbar aus Marokko.

Die Zielgruppe in Bremen ist eine andere als unsere Zielgruppe. Die Sozialisation bei Jugendlichen aus Marokko ist anders. Wir haben es meistens mit Jugendlichen zu tun, die schon länger hier sind und bereits sehr viel Kontakt mit dem Jugendhilfesystem hatten. Für die Hälfte dieser Jugendlichen gibt es einen Beschluss für eine geschlossene Unterbringung, aber wir suchen hier für jeden nach einer individuellen Lösung.

Kann Bremen trotz der verschiedenen Zielgruppen etwas von Hamburg lernen?

Für die Gruppe der marokkanischen Jugendlichen braucht man vielleicht tatsächlich erstmal Straßensozialarbeit. Aber eine Koordinierungsstelle kann auch in Bremen funktionieren – für alle Jugendlichen, die sonst nirgends untergebracht werden können, auch für deutsche Jugendliche. Was die jungen Flüchtlinge betrifft: Man sucht in Bremen eine Lösung für eine ganze Gruppe. Das wird fehlschlagen. Es kann nicht ein Angebot für alle geben, sondern nur individuelle Lösungen. Nur wenn ich verstanden habe, woher es kommt, dass ein Jugendlicher sich so verhält, kann ich etwas machen. Man muss auf die Ursachen gucken.

Die Bremer Debatte wurde vielleicht auch deshalb teilweise so angespannt geführt, weil es darum ging, eine geschlossene Einrichtung vor allem für Jugendliche aus Nordafrika einzurichten. Das hat einen komischen Beigeschmack.

Ja, einen rassistischen Beigeschmack. Wir arbeiten hier in Hamburg mit Jugendlichen aus Deutschland, aus Marokko, aus England und Polen. Die Seele der Jugendlichen unterscheidet sich ja nicht.

Hoffen Sie, dass Hamburg es endlich schafft, eine geschlossene Einrichtung für Jugendliche aufzubauen? – Dann hätten Sie noch ein Werkzeug mehr, auf das Sie bei Ihren Jugendlichen setzen könnten...

Nein, ganz im Gegenteil. Ich hoffe, dass wir unsere Arbeit fortsetzen können. Wir brauchen keine geschlossene Einrichtung, wir brauchen mehr individuelle Angebote.

Zur Person: Carolin Becker (54) ist Projektleiterin der Koordinierungsstelle für individuelle Unterbringung beim Paritätischen Hamburg. Die ausgebildete Sozialpädagogin hat zuvor unter anderem eine Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt geleitet.

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