Didaktiker Michael Langner: Sprachenlernen bleibt auch im digitalen Zeitalter aufwendig „Ohne Wortschatz geht es nicht“

Altstadt. „Sprachenlernen und digitale Medien – was hat das mit Integration zu tun?“, hat der Sprachendidaktiker Michael Langer in der Reihe „Wissen um 11“ im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4-5, gefragt. Der Professor der Universität Freiburg im Üechtland in der Schweiz ging dabei vor allem auf die Themen Sprachenlernen, Allgegenwart des Digitalen, digitale Bildung, Generation Z und digitales Lernen sowie Migration und Integration ein.
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Von Matthias Holthaus

Altstadt. „Sprachenlernen und digitale Medien – was hat das mit Integration zu tun?“, hat der Sprachendidaktiker Michael Langer in der Reihe „Wissen um 11“ im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4-5, gefragt. Der Professor der Universität Freiburg im Üechtland in der Schweiz ging dabei vor allem auf die Themen Sprachenlernen, Allgegenwart des Digitalen, digitale Bildung, Generation Z und digitales Lernen sowie Migration und Integration ein.

„Wir leben in einer Zeit, in der das Thema ,Migration und Integration‘ eine immense Rolle spielt“, leitete Langner seinen Vortrag ein, um auf die Situation des Lernens einzugehen. So ist Lernen erst einmal der Erwerb von geistigen, körperlichen und sozialen Kenntnissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Das Lernen von Sprachen ist präziser: Es werden kommunikative Fähigkeiten und ein Wortschatz vermittelt: „Ohne Wortschatz geht nichts“, sagt Michael Langner, „bis zu einem gewissen Niveau benötigen Sie nicht einmal Grammatik.“ Augen und Ohren sind weitere wichtige Hilfsmittel beim Sprachenlernen, ebenso das Aufnehmen, Verarbeiten und Umsetzen von Informationen. „Beim Sprachenlernen brauchen Sie bereits Sprache“, erklärt Langner, „dort ist Sprache Mittel zum Zweck und gleichzeitig auch Ziel.“

Im digitalen Zeitalter scheint es nun möglich, Sprache auch auf anderem Wege zu lernen. Elemente wie Wortschatz, Grammatik, Aussprache und Interaktion mit anderen Menschen, die beim Erlernen von Sprache unabdingbar sind, lassen sich inzwischen über Apps oder Lernprogramme vom Smartphone oder vom Tablet abrufen. Doch sind solche digitalen Angebote auch sinnvoll für das Erlernen von Sprachen? Michael Langner bezweifelt dies, auch wegen des Umstands, dass die meisten Angebote kostenlos sind: „Wenn du nichts für einen Dienst zahlst, bist du das Produkt, das verkauft wird“, zitiert er einen im Internet kursierenden Spruch. „Alles, was heutzutage ,smart‘ ist, hinterlässt Spuren, damit wird gearbeitet, und damit wird Geld verdient.“ Er ist der Meinung, dass diese Apps nur für Anfänger sinnvoll seien, denn nur die Anwendung von Gelerntem führe zu weiteren Lernerfolgen. Zudem böten solche Apps nur kleine Lernbereiche, das Lernen von Sprache sei jedoch ein komplexer Vorgang. Die Menschen unterscheiden sich außerdem in der Form des Lernens und diese Lerntypen: „Und da stellt sich die Frage, ob allein das Visuelle ausreicht“, sagte Michael Langner.

Ein weiteres Problem stellen die enormen Abbruchquoten dar: „Schon vor zwanzig Jahren im Hinblick auf die Sprach-CD-Roms war es so, dass die durchschnittliche Nutzungsdauer siebzig Minuten betrug“, erzählt Langner, „danach wanderten sie in die Schublade“. Doch er sieht auch einen Grundwiderspruch und zitiert einen PISA-Experten der OECD: „Wenn wir die Kinder des 21. Jahrhunderts von Lehrern mit einem Ausbildungsstand des 20. Jahrhunderts in einem Schulsystem unterrichten lassen, das im 19. Jahrhundert konzipiert wurde und sich seitdem nur graduell verändert hat, dann kann das so nicht funktionieren.“ Es stellt sich die Frage: „Lernen wir heute, mit diesen irrsinnigen Möglichkeiten, schneller, leichter und besser, also erfolgreicher?“ Für Michael Langner steht fest, dass sowohl analoges als auch digitales Lernen benötigt wird: „Die Frage stellt sich immer nur, wann welche Form des Lernens gewählt wird und ab welchem Zeitpunkt“. Die kognitive Entwicklung des Individuums braucht beide Lernformen, und besonders am Anfang die analoge Lernform: „Wenn der kognitive ­Apparat mit den analogen Grundlagen ­versehen ist, ist digitales Lernen durchaus möglich“.

Die in dem Bereich ökonomisch wichtige „Generation Z“ genannte Gruppe, deren älteste Vertreter gerade um die 18 Jahre alt sind, ist laut Langner durch einen gesunden Realismus gekennzeichnet: „Wenn ich schon was mache, dann muss das auch erfolgreich sein, sonst lasse ich das fallen“, charakterisiert er ein Merkmal der Generation Z, „und das alles ohne Aufwand – das beißt sich natürlich extrem mit Sprachenlernen.“ Sprachenlernen ohne Aufwand? „Vergessen Sie es“, sagt Michael Langner, „Sprachenlernen braucht einen Aufwand, und ohne Aufwand kommen Sie nicht weiter“.

Viel Aufwand, aber auch die Konzentration auf das Lernen prägen den Spracherwerb: „Weder das weibliche noch das männliche Gehirn sind multitaskingfähig“, sagte er, „und werden das auch nie werden – unser Gehirn ist anders strukturiert.“ Das Multitasking sei das schnelle Nebeneinander, das kurzfristige Arbeiten an irgendwelchen Dingen, um dann zum Nächsten zu springen, führte Michael Langner weiter aus: „Keine Konzentration auf das, worauf es ankommt.“ Das werde man auch in der Industrie bald merken. „Wir brauchen Menschen, die für eine bestimmte Zeit an einer Sache arbeiten.“

Für Migrantinnen und Migranten seien Jobs und berufliche Ausbildung zwar auch wichtig, wichtiger jedoch sei die Sprache des Zielsprachenlandes. Eine nicht-repräsentative Umfrage der „Zeit“ hat ergeben, dass auf den Smartphones der Flüchtlinge als wichtigste Apps „Google Maps“ und zwei Sprachlern-Apps installiert waren. Zwar sieht auch er den Widerspruch zwischen seiner Aussage, dass diese Apps nicht besonders gut seien, doch betont er auch: „Mit Motivation lerne ich mit jedem Mittel.“ Sprache sei jedoch nicht das Mittel zur Integration, sondern eher das Fundament: „Wir müssen uns über die sozialen Hintergründe Gedanken machen, die die Flüchtlinge mitbringen, wenn wir sie zum Lernen bringen wollen“, sagte Langer, „man muss wissen, wo die Leute stehen, damit man mit ihnen arbeiten kann. Wenn wir darüber zu wenig wissen, ist die Arbeit wahrscheinlich sehr erfolglos.“ Eine Gemeinsamkeit hätten die Flüchtlinge mit jungen Einheimischen: das Smartphone. „Wenn wir uns also Gedanken machen, mit den Smartphones etwas Sinnvolles für die Flüchtlinge anzufangen, dann machen wir uns gleichzeitig auch Gedanken über die Generation Z. Bei aller Vielfalt der Informationen - das eigentliche Lernen ist genauso zeitraubend wie früher, daran hat sich nichts geändert.“

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