Friedrich Buhlrich schildert in der Vegesacker Freimaurerloge das Schicksal seiner drei Geschwister Opfer des Nazi-Wahns

Vegesack. Friedrich Buhlrich ist ein gradliniger Mensch. Wenn ihm etwas nicht passt, macht er den Mund auf.
20.06.2016, 00:00
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Friedrich Buhlrich ist ein gradliniger Mensch. Wenn ihm etwas nicht passt, macht er den Mund auf. Und doch versagt dem 70-Jährigen hin und wieder die Stimme. Dies geschieht immer dann, wenn er aus den Akten seiner drei Geschwister vorliest. So auch am Wochenende vor den Mitgliedern der Freimaurerloge „Anker der Eintracht“ an der Weserstraße.

Friedrich Buhlrich berichtete über das Schicksal seiner Geschwister Erika, Margret und Hans. Sie wurden Opfer des Rassenhygiene-Wahns der Nazis. Wer als nicht „lebenswert“ erschien, wurde im Rahmen der sogenannten Euthanasie umgebracht.

Friedrich Buhlrich fällt es nicht nur schwer, aus den Akten über seine Geschwister zu zitieren. Über viele Dinge kann er heute noch nicht sprechen. Und er gesteht ein, dass er viele schlaflose Nächte hat. „Dann muss ich das alles erst einmal wieder sacken lassen“, sagt Friedrich Buhlrich. Dabei wäre das Schicksal der drei Kinder nicht ans Tageslicht gekommen, wenn nicht der Zufall nachgeholfen hätte. Bei der Auflösung seines Elternhaushaltes in Gröpelingen waren ihm drei Sterbeurkunden in die Hände gefallen – von Erika, Margret und Hans Buhlrich.

Dass er noch Geschwister haben sollte, wusste Friedrich Buhlrich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Doch diese drei Dokumente haben sein Leben komplett verändert. Damals, im Jahr 1984, hat er sich auf die Suche nach der eigenen Identität begeben. Hintergrund: An seinem 21. Geburtstag hatten ihm seine Eltern eröffnet, dass er nicht ihr leiblicher Sohn sei. Friedrich war ein geborener Rosenhagen. Seine leibliche Mutter war noch keine 18 Jahre alt als er am 27. Mai 1946 auf die Welt kam. Der Vater war ein ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter auf einem Bauernhof bei Bruchhausen-Vilsen.

Auch mehr als ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges durfte es solch eine Verbindung nicht geben. Der kleine Friedrich wurde sofort weggegeben. Johanne und Wilhelm Buhlrich nahmen ihn auf, konnten Friedrich jedoch erst nach zehn Jahren, 1957/58, adoptieren. „Bis dahin waren sie meine Pflegeeltern“, sagt Friedrich Buhlrich kopfschüttelnd. Dass Johanne und Wilhelm Buhlrich ihm am Tag seiner Volljährigkeit weinend die Wahrheit sagten, änderte für den jungen jungen Mann allem Anschein nach wenig. „Für mich seid ihr Mutter und Vater“, ließ er sie wissen.

Viel stärker aus der Bahn geworfen hat Friedrich Buhlrich das nach und nach ans Tageslicht kommende Wissen über seine Geschwister. Sein Bruder Hans, Jahrgang 1932, animierte seine ältere Schwester Erika nach dem Umzug von der Seewenjestraße zu den Neubauten Auf der Lucht offenbar zu allerhand Streichen. Hans war nach Aussage von Friedrich Buhlrich behindert, sein rechter Arm hatte eine Fehlstellung. Diese Umstände brachten die Mutter, die zu diesem Zeitpunkt erneut schwanger war, an den Rand eines Zusammenbruchs. Deshalb bat Vater Wilhelm den Hausarzt um Hilfe. Der verwies ihn ans Jugend- und dann weiter ans Gesundheitsamt. Dort musste der Vater mit Hans vorstellig werden. Die Diagnose gibt Friedrich Buhlrich so wieder: „Schwachsinnig, bösartig, nicht erwerbsfähig.“ Hans kam am 18. Januar 1941 in die Unterrichts- und Pflegeanstalt Gertrudenheim im Kloster Blankenburg bei Oldenburg.

Den Eltern war zugesichert worden, dass sie ihren Sohn jederzeit sehen könnten. Doch nicht davon geschah, im Gegenteil. Der Junge wurde zum Opfer der Nazi-Ideologie: Von 1940 bis 1945 wurden mehr als 70 000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen als „unwertes Leben“ umgebracht. Hans starb laut Urkunde in der Heil- und Pflegeanstalt Kloster Kutzenberg bei Erlangen an einer „Herzschwäche“.

Die beiden kleinen Geschwister Erika, Jahrgang 1936, und Margret, Jahrgang 1939, wurden ebenfalls Opfer der Nazi-Ärzte. Obwohl es laut Friedrich Buhlrich keine Erkenntnisse über Behinderungen in seiner Familie gab, gingen die Verantwortlichen davon aus, dass auch Hans‘ Geschwister beeinträchtigt waren. Sie mussten zum Gesundheitsamt Bremen, das die beiden Mädchen am 6. September 1944 in die Heilanstalt Lüneburg einweisen ließ. Erika starb dort am 23. November 1945, Margret am 25. Januar 1945.

Als Todesursache wurde bei beiden Lungenentzündung angegeben. Die Mediziner hatten den Buhlrichs geraten, keine neuen Kinder zu bekommen. Also adoptierten sie Friedrich. „Ich hatte eine tolle Jugend und tolle Eltern“, sagt der heute 70-Jährige. Er habe die Möglichkeit gehabt, eine Kfz-Schlosser-Lehre zu absolvieren und anschließend Ingenieur zu werden. Darüber freut er sich bis heute.

Zorn steigt in Friedrich Buhlrich hingegen auf, wenn er an den Umgang insbesondere der Politik mit dem Thema Euthanasie denkt. „Wir haben keine Lobby“, sagte er am Abend in der Vegesacker Loge. „Wir erwarten für das, was uns und unseren Angehörigen angetan wurde, nur eine Entschuldigung.“ Doch dazu habe sich bislang niemand durchringen können. Einzige Ausnahme sei der jetzige Lüneburger Bürgermeister Henry Arends gewesen. In der Stadt gibt es eine kleine Gedenkstätte – mit den Fotos von Erika und Margret Buhlrich.

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