Kriminalitätsforscher Dirk Baier über die Hintergründe kindlicher und jugendlicher Taten „Opfer einer gewaltorientierten Erziehung“

Bremen-Nord. Mit Abscheu und Entsetzen hat die Öffentlichkeit den Missbrauch eines achtjährigen Mädchens durch zwei strafunmündige Jungs zur Kenntnis genommen (wir berichteten). Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen.
10.06.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Imke Molkewehrum

Mit Abscheu und Entsetzen hat die Öffentlichkeit den Missbrauch eines achtjährigen Mädchens durch zwei strafunmündige Jungs zur Kenntnis genommen (wir berichteten). Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. „Aber wenn die Täter strafunmündig sind, sind der Staatsanwaltschaft die Hände gebunden“, erklärt Dirk Baier, stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Wenn die Täter bekannt sind, werde „die Erziehungsfähigkeit der Eltern ermittelt und ergründet, inwieweit sie ihre Aufsichtspflicht verletzt haben“, so Baier. Außerdem werde das Jugendamt eingeschaltet.

„Die jungen Täter werden natürlich nicht verurteilt“, unterstreicht der Experte für Kinder- und Jugendkriminalität. Stattdessen gelte es, die Neigungen der Jungs zu therapieren. Oftmals seien die kindlichen Täter selbst Opfer einer gewaltorientierten Erziehung. „Das erzeugt Fehlleistungen“, so Baier. Derartige Fälle seien in Deutschland rückläufig. „Aus dem Ausland, beispielsweise aus Großbritannien, hat man so was aber schon öfter gehört.“ Und in muslimischen Gesellschaften gebe es „häufig innerfamiliäre Gewalt“, die ein solches Fehlverhalten provozieren könne.

Aber auch die sexuelle Gewalt zwischen Eltern oder freier Zugang zu pornografischem Material könne die Gewaltbereitschaft von Kindern erhöhen. Er geht nach den bisherigen Informationen davon aus, dass die Tat in Aumund-Hammersbeck einen ernsten Hintergrund hat.

Psychologen und Psychiater seien jetzt gefordert, sich der jungen Täter anzunehmen. „Und wenn Handlungsbedarf festgestellt wird, kann das Erziehungsrecht der Eltern gebrochen werden“, erläutert der Kriminologe. „Möglicherweise werden die Kinder dann ihren Eltern entzogen und in Pflegefamilien untergebracht.“ Aufgrund ihrer psychischen Störung bräuchten Kindertäter oft Therapien. Zwischen Staatsanwaltschaft, die gegen die unmündigen Täter nichts unternehmen kann, und dem Jugendamt gebe es dabei meist – auch jenseits der Dienstvorschriften – eine gute Kommunikation.

„Für das Opfer ist Geborgenheit jetzt ganz wichtig“, weiß Dirk Baier. Vonnöten seien eine professionelle Unterstützung und eine Familientherapie, „da auch die Eltern unter Schock stehen“. Das Mädchen werde diese schreckliche Erfahrung sicher Jahre mit sich herumschleppen. Baier: „Man hat früher unterschätzt, wie gravierend die psychischen Schäden sein können.“

Den Täter-Opfer-Schutz erachtet der Kriminalitätsforscher „grundsätzlich für eine gute Sache“. Namen oder Nationalitäten würden dabei nicht genannt. Und diese Selbstverpflichtung sei wichtig. „Inwieweit sie allerdings greift, ist skeptisch zu sehen“, sagt er. „Manche Verbrechen widersprechen so sehr der Normalität, dass eine regelrechte Gier nach Informationen entsteht“, hat Baier beobachtet. „Die Leute begeben sich auf die Suche, um etwas rauszufinden – auch die Identität von Täter und Opfer.“

Im Nordbremer Fall kursieren unverändert Gerüchte, etwaige erwachsene Zeugen hätten tatenlos zugesehen. Dirk Baier weiß aus Erfahrung: „Zeugen greifen bei Straftaten nicht ein, wenn mehrere Zeugen da sind.“ Bei der sogenannten Verantwortungsdiffusion meine jeder, der andere werde schon einschreiten. Oft mangele den Situationen aber auch die Klarheit. Womöglich hätten Zeugen den Vorfall als Spiel zwischen drei befreundeten Kindern missdeutet. Unterlassene Hilfeleistung sei zwar „prinzipiell strafbar, aber solche Dinge werden meist nicht bis in die Tiefe ermittelt – da kann man oft niemanden belangen“.

Zur Person: Dirk Baier ist Diplom-Soziologe und stellvertretender Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen. Er forscht unter anderen zu den Themen Jugendgewalt und Rechtsextremismus.

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