Konjunkturelle Erholung erreicht auch Bremer Arbeitsmarkt - doch das Land liegt bundesweit hinten

Optimistischer Ausblick vom letzten Platz

Bremen. Christine Eden blickt optimistisch ins Jahr 2011. Die Aufzählung der stellvertretenden Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Bremen klingt erfreulich: Kurzarbeit ist 2010 stark zurückgegangen, es gibt eine hohe Nachfrage nach Arbeitskräften, die zu einem massiven Fachkräftemangel geführt hat (insbesondere in der Elektro- und metallverarbeitenden Industrie). Und der Rückgang der Arbeitslosigkeit ist der konjunkturellen Entwicklung zu verdanken, weniger der Arbeitsförderung durch Aus- und Weiterbildung.
05.01.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Rainer Kabbert

Bremen. Christine Eden blickt optimistisch ins Jahr 2011. Die Aufzählung der stellvertretenden Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Bremen klingt erfreulich: Kurzarbeit ist 2010 stark zurückgegangen, es gibt eine hohe Nachfrage nach Arbeitskräften, die zu einem massiven Fachkräftemangel geführt hat (insbesondere in der Elektro- und metallverarbeitenden Industrie). Und der Rückgang der Arbeitslosigkeit ist der konjunkturellen Entwicklung zu verdanken, weniger der Arbeitsförderung durch Aus- und Weiterbildung.

Auch hat der Winter im Dezember 2010 anders als in Niedersachsen und bundesweit kaum Spuren hinterlassen: Die Arbeitslosenquoten stagnieren (Bundesland Bremen) oder gehen zurück (Stadt Bremen sowie Bezirk der Agentur für Arbeit Bremen inklusive Landkreis Osterholz).

Die große Ausnahme ist Bremerhaven. Gegenüber Dezember 2009 ist die Erwerbslosigkeit um zwei Prozent auf 16,7 Prozent gestiegen. Eden führt es auf die großen Betriebe der kriselnden Logistikbranche zurück, die noch nicht an positive Entwicklungen vergangener Zeit anknüpfen konnten.

Die Freude über Lichtblicke im Land Bremen wird auch durch einen Ländervergleich gedämpft. Paul M. Schröder vom Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe e.V. hat sich die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit angesehen und dazu eigene Berechnungen angestellt. Danach sind in allen Bundesländern die Arbeitslosenzahlen im Jahresvergleich heruntergegangen - außer in Bremen (plus 60). Spitzenreiter ist Baden-Württemberg (minus 14,7 Prozent), gefolgt von Thüringen (minus 13,3 Prozent) und Sachsen-Anhalt (12,9 Prozent). Auch bei den Arbeitslosen unter 25 Jahren trägt Bremen auf Platz 16 die Rote Laterne. Zwar waren 96 weniger junge Leute arbeitslos (2,8 Prozent), doch liegt dieses Minus weit entfernt etwa von Hamburg (30,6), Baden-Württemberg (29,8) oder Berlin (10,5).

Auffällig ist auch, dass Bremen ebenso an letzter Stelle der Arbeitslosen-Statistik liegt, in der eine Unterscheidung nach Sozialgesetzbuch II (Grundsicherung für Arbeitssuchende) und Sozialgesetzbuch III (Arbeitsförderung) skizziert wird: 82,4 Prozent der registrierten Arbeitslosen im Land Bremen erhalten keine Qualifizierungsmaßnahmen (Aus- und Weiterbildung), in Bayern ist es nur rund die Hälfte.

In Bremen hat es rund 31000 sogenannte Aktivierungen gegeben, Maßnahmen, um Menschen wieder in den 1.Arbeitsmarkt vermitteln zu können, bilanziert Thomas A. Schneider, Geschäftsführer des Bremer Jobcenters (früher: Bagis, Bremer Arbeitsgemeinschaft für Integration und Soziales). Allerdings wird es nach Einschätzung von Schneider 2011 weniger Arbeitsförderung geben. Der Bund hat im Zuge seiner Haushaltssanierung allerhand gestrichen. Für das zurückliegende Jahr hat Schneider eine zunehmende Integration dieser Geförderten in den ersten Arbeitsmarkt beobachtet. Dennoch: "Wir sind noch nicht auf Vorkrisenniveau."

Warum aber hinkt Bremen hinterher? Die Zweigstelle des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Hannover geht von mehreren Ursachen aus. An der Weser ist nach Ansicht von Sprecher Michael Köster eine zeitverzögerte Wirkung der Konjunkturerholung auf den Arbeitsmarkt zu beobachten, weil hier der Strukturwandel mit alten Industrien (Stichwort Werften) noch nicht abgeschlossen ist.

Zudem wurde die bremische Industrie mit ihren Großbetrieben (Automobilbranche, Raumfahrt und Logistik) von der Wirtschaftskrise besonders getroffen. "Die Folgen der Krise werden noch länger zu spüren sein", prognostiziert Köster. Auch wird es noch eine Weile dauern, ehe wieder bedeutend mehr reguläre Vollzeitstellen aufgebaut werden. Bremen hat einen relativ hohen Zeitarbeitsanteil. In der Krise werden diese Arbeitsplätze etwa bei Mercedes Benz als erste abgebaut, im Aufschwung als erste wieder aufgebaut - dann erst werden "normale", existenzsichernde Arbeitsplätze geschaffen.

Für den Bremer Arbeitsmarkt hat das Forschungsinstitut eine hohe Volatilität festgestellt: Menschen verlieren ihren Job, finden aber auch wieder einen neuen. "Es ist jedoch zu berücksichtigen", heißt es in einer Studie für Arbeitssenatorin Ingelore Rosenkötter, "dass eine überdurchschnittliche Arbeitsmarktdynamik auch ein Indiz für Instabilität und Unsicherheit sein kann, da die Dauer von Beschäftigungsverhältnissen häufig kurz ist."

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