Hausbesuch in der Zentralbibliothek: Print liegt immer noch im Trend, Schüler erobern die Lerninseln

Ort der Stille und der Diskussion

Mit ihren 320000 Medien bietet die Zentralbibliothek am Wall einen riesigen Fundus an Wissen und Fiktion an – und der erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Doch Lesen ist nicht das Einzige, was Jung und Alt in der Bibliothek tun können. Neue Lerninseln und ein Lernstudio bieten Schülergruppen Raum für Diskussion, und in der Kinderbibliothek können sich auch Eltern austauschen.
11.08.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Liane Janz
Ort der Stille und der Diskussion

Erwin Miedtke, der stellvertretende Direktor der Stadtbibliothek.

Mit ihren 320000 Medien bietet die Zentralbibliothek am Wall einen riesigen Fundus an Wissen und Fiktion an – und der erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Doch Lesen ist nicht das Einzige, was Jung und Alt in der Bibliothek tun können. Neue Lerninseln und ein Lernstudio bieten Schülergruppen Raum für Diskussion, und in der Kinderbibliothek können sich auch Eltern austauschen.

Altstadt. Die allgemeine Wahrnehmung täuscht. Die Menschen lesen angeblich weniger Gedrucktes. Stimmt nicht, sagt Erwin Miedtke, der stellvertretende Direktor der Stadtbibliothek. Die Ausleihen steigen. Allein 2012 wurden 3,7 Millionen Medien ausgeliehen. "Der gesamte Bestand geht sieben Mal im Jahr raus." Die Printmedien stehen dabei an erster Stelle, und besonders beliebt sind Sachbücher. Der Philosophiebestand allein wird fünfeinhalb Mal im Jahr ausgeliehen, aber auch Hauswirtschaft erfreut sich wieder steigender Beliebtheit. Kochen, Stricken und Häkeln liegen im Trend.

Seit 2004 ist die Zentrale der Stadtbibliothek am Wall in dem ehemaligen Polizeipräsidium untergebracht. "Wir haben elf Jahre von der Idee bis zum Einzug gebraucht", erzählt Erwin Miedtke. Nachdem das Polizeipräsidium in die Vahr gezogen war, hat ein Investor das Gebäude gekauft und umgebaut. Im Innenhof, wo früher die Polizeiautos standen, wurde ein Turm hochgezogen, der mit drei Brücken mit dem Altbau verbunden wurde. Die bauliche Geschichte des Hauses ist noch heute sichtbar. "Alles, was terracottafarben ist, ist der Neubau. Alles, was gelb ist, ist der Altbau", erklärt der stellvertretende Direktor. Mit dem Umbau wurden auch zwei Atrien geschaffen – einer vor und einer in der Bibliothek, der als Lesegarten mit internationalen Zeitungen und als Veranstaltungsraum dient. Auch ein Schachspiel gibt es dort. Manchmal finden sich dort Spielpartner, die sich vorher noch nie gesehen haben.

Der Katalog der Bibliothek umfasst rund 320000 Medien – unter anderem Bücher, Zeitschriften, CDs, DVDs, Grafiken und andere Kunstwerke, Gesellschaftsspiele und rund 17000 Noten für Musiker. In den Regalen auf den vier Etagen und insgesamt rund 7000 für die Öffentlichkeit zugänglichen Quadratmetern ist aber nur für zwei Drittel davon Platz. "Wir gehen davon aus, dass immer ein Drittel ausgeliehen ist. Und das trifft auch zu", sagt Miedtke.

Die Bibliothek ist aber nicht nur darauf ausgelegt, dass sich die Menschen Bücher aussuchen und wieder gehen, sondern hat auch Aufenthaltsqualität. "Wir sind ein öffentlicher Raum, und hier findet Kommunikation statt", sagt Erwin Miedtke. Drei Lerninseln und ein Lernstudio sind eingerichtet worden – drei Stellen im Haus, wo auch diskutiert werden darf. Normalerweise sollten sich Menschen in einer Bibliothek höchstens leise unterhalten, an den Lerninseln und in dem neuen Lernstudio ist normale Lautstärke erlaubt. "Seit zwei, drei Jahren werden wir von Schülergruppen überrannt, die auch gemeinsam hier arbeiten wollen", sagt Erwin Miedtke.

Und ein weiterer Trend macht sich bemerkbar: Wer am Computer arbeiten möchte, bringt häufig seinen eigenen mit. In der Bibliothek gibt es WLAN, das Passwort dafür ist an der Information zu haben. Laptop-Nomaden können überall in der Bibliothek Platz nehmen. "Wir werden wahrscheinlich unsere fest installierten Internetterminals zurückbauen", sagt Miedtke. 122 Computerplätze stehen aktuell zur Verfügung. 470 Arbeits- und Sitzplätze hat die Bibliothek. Bei einer Kundenbefragung sei herausgekommen, dass etwa die Hälfte der Leute bis zu einer Stunde in der Bibliothek bleibe, sagt Erwin Miedtke.

Ihm ist es wichtig, dass die 35 Beschäftigten der Zentralbibliothek Freude am Kontakt mit Menschen haben. In dem Gebäude arbeiten klassische Bibliothekare, aber auch Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, Fachrichtung Bibliothek, und Lektoren. Letztere sorgen auch dafür, dass der Bestand immer auf dem neuesten Stand ist. Besonders bei den Sachbüchern veralten Inhalte schnell. "Allein auf dem deutschsprachigen Markt erscheinen pro Jahr 90000 Titel", sagt der stellvertretende Direktor. Die Bibliothek kommt in diesem Bereich auf 23000.

Was nicht mehr ansehnlich ist, muss aussortiert werden. Das treffe besonders auf die Romane zu, sagt Miedtke. Ein Roman für Erwachsene wird im Schnitt nach 100 Ausleihen ersetzt, einer für Kinder nach 60. Was noch zu retten ist, landet in der hauseigenen Werkstatt, deren zwei Beschäftigte außerdem die Neuzugänge etikettieren und einschweißen – auch für die Zweigstellen.

Die Stadtbibliothek hat sechs feste Repräsentanzen zwischen Vegesack und Huchting, versorgt auch die Bibliothek im Strafvollzug in Oslebshausen und die im Frauengefängnis am Fuchsberg und die Busbibliothek, die insgesamt 25 Haltestellen hat, mit den passenden Medien. Und die ausgeliehenen Medien müssen ihren Weg zurück finden, denn die Rückgabe ist an allen Standorten möglich. In der Poststelle werden die Bücher sortiert und zurück geschickt. "Das ist inzwischen ein Volumen von fast 200000 Einheiten", sagt Erwin Miedtke.

Die Bibliothek am Wall ist auch ein Ort für Veranstaltungen. In der Krimibibliothek, deren Bestand nicht ausgeliehen wird, weckt an jedem ersten Montag im Monat eine Video-Installation "Arsen und Sterben" die Giftmörderin Gesche Gottfried zum Leben. In dem Raum gibt es auch regelmäßig Lesungen mit Autoren verschiedenster Genres – genau wie im Wallsaal, der vom Wall aus zu erreichen ist. Die Reihe "Bremer Buchpremiere" und die Konzerte von "Vokal lokal" um 11 Uhr am ersten Sonntag im Monat ziehen Zuhörer aus der ganzen Stadt an.

Kinder und Eltern sind Zielgruppe der Reihe "Gedichte für Wichte", die donnerstags um 11 Uhr in der Kinderbibliothek im dritten Obergeschoss läuft. In der Kinderbibliothek, finden Familien auf einer Etage komprimiert das, was es für Erwachsene zwischen Erdgeschoss und zweitem Obergeschoss gibt: Bücher für jedes Vorlese- und Lesealter sowie andere Medien und Computerterminals. Und während die Kleinen schmökern, können sich Eltern beispielsweise in Erziehungsratgeber vertiefen. Die Kinderbibliothek habe sich inzwischen zu einem Treffpunkt für Eltern entwickelt, erzählt Erwin Miedtke. Sonnabends seien vor allem Väter mit ihren Kindern dort.

Die Zentralbibliothek am Wall ist montags, dienstags und freitags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs von 13 bis 19 Uhr, donnerstags von 9 bis 20 Uhr und sonnabends von 10 bis 16 Uhr geöffnet – gelegentlich auch sonntags. Jeden Dienstag sind Führungen. Gastronomische Betriebe gibt es in der Halle des Gebäudes. Nähere Informationen auf www.stadtbibliothek-bremen.de.

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