Was wiegt ein Beirats-Votum?

Ortspolitiker lehnen Planungen für Schlichtwohnungen ab

Seit Jahren gelten die Schlichtbauten an der Straße „Reihersiedlung“ nordöstlich der Reiherstraße als praktisch unbewohnbar.
11.07.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anne Gerling
Ortspolitiker lehnen Planungen für Schlichtwohnungen ab

Wegen des verwahrlosten Zustands der Schlichtbauten in der Reihersiedlung leide die Wohnqualität im gesamten Quartier, kritisiert die Nachbarschaft und befürchtet den Wertverlust ihrer Immobilien entlang der Reiherstraße.

Roland Scheitz

Seit Jahren gelten die Schlichtbauten an der Straße „Reihersiedlung“ nordöstlich der Reiherstraße als praktisch unbewohnbar.

Undichte Fenster, zerschlagene Scheiben, verzogene Türen, marode Fassaden, Kohleöfen und kein Warmwasser: Seit Jahren gelten die Schlichtbauten an der Straße „Reihersiedlung“ nordöstlich der Reiherstraße als praktisch unbewohnbar. Bis heute allerdings leben Menschen in einigen der 52 Unterkünfte, die ursprünglich der – damals noch städtischen – Bremischen Gesellschaft für Stadterneuerung und Wohnungsbau (Bremische) gehörten und sich mittlerweile im Besitz der Vonovia, des größten deutschen Wohnungsunternehmens, befinden.

Dort wird seit geraumer Zeit über die Zukunft mehrerer Schlichtbau-Areale nachgedacht; neben der Reihersiedlung betrifft dies auch Unterkünfte an der Holsteiner Straße in Walle und Am Sacksdamm in Sebaldsbrück.

In Oslebshausen standen die Zeichen dabei zunächst auf Abriss; anschließend war der Neubau von Reihenhäusern geplant. Ende Mai erhielten die Bewohner einen Brief der Vonovia. Die Schlichtwohnungen der Reihersiedlung seien dem Verein Wohnungshilfe überlassen worden und blieben erhalten, hieß es darin zu ihrer Erleichterung.

Empörung in der Nachbarschaft

In der Nachbarschaft allerdings und auch innerhalb des Gröpelinger Beirats sorgte ein entsprechender Bericht im WESER-KURIER für Empörung – aufgrund früherer Konflikte zweier Großfamilien aus Südost-Europa, die inzwischen beigelegt wurden, sowie wegen des verwahrlosten Zustands der Reihersiedlung leide die Wohnqualität im gesamten Quartier, kritisieren sie und befürchten den Wertverlust ihrer Immobilien entlang der Reiherstraße.

Auch im Wohngebiet an der Holsteiner Straße lehnen die Anwohner die Planungen für die benachbarten Schlichtwohnungen ab.

Auch im Wohngebiet an der Holsteiner Straße lehnen die Anwohner die Planungen für die benachbarten Schlichtwohnungen ab.

Foto: Roland Scheitz

Ihrem Ärger machten die Anwohner nun in einer gemeinsamen Sitzung der Fachausschüsse „Bau, Verkehr, Umwelt und Häfen“ sowie „Inneres, Soziales, Gesundheit und Senioren“ des Stadtteilbeirats Luft.

„Das kann man nur abreißen“, unterstrich etwa ein Hausbesitzer aus der Reiherstraße, der sich stellvertretend für 200 Anrainer zu Wort meldete: „Die Häuser sollten da ursprünglich 20 Jahre stehen und dann abgerissen werden. Wenn Sie da wieder Leute reinbringen wollen, dann sage ich Ihnen: a) geht das nicht und b) gehört sich das auch nicht!“ „Das sind keine Schlichtwohnungen, sondern Schlichtbaracken“, sagt auch Rolf Vogelsang, Vorsitzender der Oslebshauser SPD, der sich eine einvernehmliche Lösung für alle Beteiligten wünscht und gleichzeitig den äußerst schlechten Zustand der Siedlung bemängelt, in der es einst Wettbewerbe um den schönsten Vorgarten gab: „Zur Holsteiner Straße ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht.“

Dementsprechend groß ist bei vielen Beobachtern das Unverständnis darüber, dass die Vonovia die Häuser in Walle – die voraussichtlich mit deutlich weniger Aufwand als die Oslebshauser Reihersiedlung saniert werden könnten – abreißen will.

Stadt benötigt dringend Wohnraum

Ob baurechtliche Gründe bei dieser Entscheidung eine Rolle spielten? Bevor nämlich in Oslebshausen Reihen- oder Mehrfamilienhäuser gebaut werden könnten, müsste in dem als Mischgebiet ausgewiesenen Areal Stadtplanerin Georgia Wedler zufolge neues Planungsrecht geschaffen werden. Dabei wäre auch der Lärmschutz zu prüfen, was angesichts des zunehmenden Güterverkehrs auf der benachbarten Bahnlinie durchaus problematisch werden könnte. Würden hingegen die bereits vorhandenen Gebäude ohne Veränderungen an Statik und Funktion modernisiert, dann wäre kein Bauantragsverfahren notwendig.

Völlig verwahrlost und vermüllt sind Teile der Reihersiedlung.

Völlig verwahrlost und vermüllt sind Teile der Reihersiedlung.

Foto: Roland Scheitz

Soweit zu den möglichen Beweggründen bei der Vonovia. Die Stadt wiederum benötigt dringend Wohnraum – und insbesondere auch erschwingliche Unterkünfte für Menschen mit Problemen, wie die Waller Linken-Politikerin Conny Barth vom Bremer Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen und auch Bernhard Köster, Geschäftsführer des Vereins Wohnungshilfe, betonen. Der Verein vermietet derzeit rund 200 Wohnungen in ganz Bremen an sozial benachteiligte Bürger und möchte nun die Häuser an der Reihersiedlung so ertüchtigen, dass auch dort wieder gewohnt werden kann.

„Die Reihersiedlung ist für uns interessant, aber es braucht einen Mindeststandard: Warmwasser und Zentralheizung – und die Wohnung darf nicht gesundheitsschädigend sein“, betont dazu Petra Kodré, Abteilungsleiterin im Sozialressort: „Wir stehen noch ganz am Anfang. Es muss für den Stadtteil und die Bewohner verträglich sein – und wir müssen das vorher genau anschauen.“

Deshalb sollen zunächst Baufachleute die Objekte begutachten; voraussichtlich Ende August werde sich zeigen, ob, wie und wie viel Wohnraum hier tatsächlich entstehen könne. Das entsprechende Konzept hätte Kodré gerne im September dem Beirat vorgestellt.

Ortspolitiker verzichten möglicherweise auf Dialog

Die Gröpelinger Ortspolitiker allerdings verzichten möglicherweise auf den weiteren Dialog. Die Wohnungshilfe übernehme die Schlichtwohnungen nur dann, wenn der Beirat zustimme, hatte nämlich Bernhard Köster bei einem nichtöffentlichen Koordinierungstreffen zugesagt. Vor diesem Hintergrund wirke die zwischenzeitliche Übernahme der Gebäude durch den Verein äußerst befremdlich und schließe weitere Gespräche aus, so Hannes Grosch (SPD). Eine Sichtweise, der sich seine Fraktionskollegen und auch die beiden CDU-Vertreter anschlossen und somit Linke und Grüne und BIW bei der Beschlussfassung schließlich ganz knapp überstimmten: Offiziell hat die Ortspolitik sich somit gegen die Ertüchtigung der Reihersiedlung ausgesprochen.

Die Schlichtwohnungen der Reihersiedlung sollen saniert werden.

Die Schlichtwohnungen der Reihersiedlung sollen saniert werden.

Foto: Roland Scheitz

Was dieses Votum – und ebenso das der Waller Ortspolitiker, die sich im November für den Erhalt der Schlichtwohnungen an der Holsteiner Straße ausgesprochen hatten – letztendlich wiegt, bleibt dahingestellt. „Es wird in Walle keinen Abrissantrag geben, dem der Beirat zustimmen muss oder nicht“, machte etwa Georgia Wedler deutlich. Petra Kodré äußerte sich in eine ähnliche Richtung: „Ich glaube nicht, dass ein Beirat entscheiden kann, ob Wohnungen vermietet werden oder nicht.“

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