„Bremen so frei“ Osterchorsteinway: Kritisch und friedensbewegt

Der Komponist Manfred Seidl tritt mit seinem Chor „Osterchorsteinway“ beim Liederfest „Bremen so frei“ auf. Der Chor gibt regelmäßig Benefizkonzerte zugunsten von Kriegsopfern und Geflüchteten.
30.05.2017, 19:59
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Von Sigrid Schuer

Der Komponist Manfred Seidl tritt mit seinem Chor „Osterchorsteinway“ beim Liederfest „Bremen so frei“ auf. Der Chor gibt regelmäßig Benefizkonzerte zugunsten von Kriegsopfern und Geflüchteten.

„Es lebe der Wahnsinn, nur er regiert die Welt!“ heißt es ebenso hellsichtig wie visionär in Giuseppe Verdis „Die Macht des Schicksals“. Der italienische Nationalkomponist übte in seiner Oper dezidiert Kritik an dem Kriegswahnsinn.

Ein Thema, das auch Manfred Seidl und seinen „Osterchorsteinway“ umtreibt. Immer wieder gibt er mit dem von ihm 1989 gegründeten Chor Benefizkonzerte zugunsten von Kriegsopfern und Geflüchteten, so 2013 für die Opfer des syrischen Bürgerkriegs mit dem Abend „Al-Karama“: „Gebt uns unsere Würde wieder“. Andere Benefizkonzerte gibt der Chor zugunsten des Vereins Refugio, der traumatisierte Geflüchtete psychologisch betreut oder zugunsten der Hilfsorganisation Medico international, von Amnesty International und des Vereins Pegasus.

Kreis-Chor-Verband

Manfred Seidl, der lange Jahre als Musik- und Italienisch-Lehrer in Ganderkesee arbeitete, hat auch viele Werke selbst komponiert, zum Beispiel seine „Antikriegslieder“. Er hat aber auch Texte von Wolfgang Borchert, Bert Brecht und Erich Fried vertont. Eine besondere Vorliebe des Osterchorsteinway, der als einer von insgesamt 112 Chören im Kreis-Chor-Verband organisiert ist, gilt indes auch der großen, klassischen Orchesterliteratur.

So führten sie im Oktober 2014 gemeinsam mit der Kantorei Salzwedel die „Messa da Requiem“ auf, die viele für Giuseppe Verdis wohl schönste Oper halten. Am 21. Oktober folgt dann in der Liebfrauenkirche die Aufführung von Bruckners F-Moll-Messe. In der alten Ratskirche im Herzen der Stadt ist Seidl mit seinem Chor schon oft zu Gast gewesen.

Doch bis es soweit ist, hat der Osterchor­steinway fleißig alle elf Lieder für das große Mitsingfest geprobt, das am 1. Juni auf dem Bremer Marktplatz über die Bühne geht. „Wie immer nach unseren Chorproben sind wir gut gelaunt nach Hause gegangen“, resümiert Seidl. „Ich finde das Projekt richtig gut!“ Universitätsmusikdirektorin Susanne Gläß, bei der alle musikalischen Fäden des Liederfestes „Bremen so frei“ zusammenlaufen, habe ihn gefragt, ob er Lust habe, mit seinem Chor am 1. Juni mitzumachen. Hatte er selbstverständlich.

„Aufzusteh‘n für Recht und Menschlichkeit“

Besondere Favoriten des Chores sind das „Neue Weserlied“, aber auch „Nach zu vielen dunklen Jahren“, in dem Texterin Imke Burma die NS-Vergangenheit Bremens und den Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg unter Bürgermeister Wilhelm Kaisen thematisiert. „Woher nehmen wir, wenn wir sprachlos sind, denn die Worte, um uns Mut zu machen? Weht uns Hoffnung an mit dem neuen Wind, und gelingt es, Funken anzufachen?“ heißt es da etwa und das Lied endet mit dem Appell „aufzusteh‘n für Recht und Menschlichkeit“.

Das klingt ganz so, als sei es auf den Osterchorsteinway gemünzt. David Jehn mit seinem Bruder Nicolas, Komponist der elf Lieder, ist in Lilienthal übrigens einer von Manfred Seidls Schülern gewesen. Die Liebe zur Musik liegt bei den Seidls in der Familie. Manfred Seidls Frau Ingrid Galette-Seidl hat als Musiklehrerin am Schulzentrum Rübekamp viele eigene Musiktheater-Produktionen realisiert.

Die Fußstapfen des Vaters

Tochter Lena arbeitet als Klavierlehrerin, und Seidls beiden Söhne Niklas und Hannes sind in die Fußstapfen ihres Vaters getreten und zeitgenössische Komponisten geworden. „Wir haben unsere Kinder von kleinauf einfach immer zu unseren Proben und Aufführungen mitgenommen. Sie sind also mit Musik aufgewachsen“, erzählt Manfred Seidl. Zu einem Schlüsselwerk des Chores wurde der „Canto general“ von Mikis Theodorakis nach dem „Großen Gesang“, der blumigen Liebeserklärung an Südamerika des chilenischen Dichters Pablo Neruda.

Immer wieder hat Seidl mit seinem Chor Werke jenseits des Mainstreams ausgegraben und aufgeführt, wie die „Faust“-Oper des Fürsten Radziwill, für die noch kein Notenmaterial existierte. Sein Material musste sich der Chor erst aus der Partitur basteln. „Im 19. Jahrhundert ist Radziwill ein äußerst beliebter Komponist gewesen“, sagt Seidl. „Seine romantische Musik wurde oft bei Solidaritätskonzerten gespielt, denn wenn Radziwill aufgeführt wurde, sorgte das für ein garantiert ausverkauftes Haus“. Und genau das hofft das Kreativ-Team von „Bremen so frei“ auch für das Liederfest auf dem Bremer Marktplatz.

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