Kritik an Bremer Rüstungsexporten Ostermarschierer prangern Waffendeals an

Gegen Rüstungsexporte Bremer Waffenschmieden, für Einsparungen im Verteidigungshaushalt. Beim traditionsreichen Ostermarsch nahmen nach Angaben der Veranstalter rund 600 Friedensbewegte teil.
26.03.2016, 16:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Ostermarschierer prangern Waffendeals an
Von Jürgen Theiner

Gegen Rüstungsexporte Bremer Waffenschmieden, für Einsparungen im Verteidigungshaushalt. Beim traditionsreichen Ostermarsch nahmen nach Angaben der Veranstalter rund 600 Friedensbewegte teil.

Rüstungsexporte, Flucht und der Syrien-Krieg: Dieser Themen-Dreiklang hat am Sonnabend den traditionsreichen Ostermarsch dominiert. Nach Angaben der Veranstalter nahmen rund 600 Friedensbewegte an dem Umzug vom Hauptbahnhof zum Marktplatz teil, die Polizei sprach von lediglich 250 Menschen. Aufgerufen hatten neben dem Deutschen Gewerkschaftsbund verschiedene Initiativen und politische Gruppierungen aus dem linken politischen Spektrum. Auf Spruchbändern und Schildern wurde den Krisen dieser Tage eine gemeinsame Wurzel zugeschrieben: das kapitalistische Wirtschaftssystem, das mit seiner zerstörerischen Dynamik für immer neue Konflikte auf der Welt sorge.

Dieser Grundton prägte bereits die ersten Ansprachen am Sammelpunkt Hauptbahnhof. „Hunderttausende von Flüchtlingen haben eine Ursache, und die verantworten wir mit“, sagte Eva Böller, eine der Sprecherinnen des Bremer Friedensforums. Gemeint war die Rolle Deutschlands als einer der größten Rüstungsexporteure der Welt – und innerhalb Deutschlands wiederum Bremen als einer der wichtigsten Standorte dieses Wirtschaftszweiges. Unter Verweis auf ein Dossier des WESER-KURIER über die Geschäfte der Vegesacker Lürssen-Werft und ihre noch nicht abschließend genehmigte Lieferung von Küstenschutzbooten an Saudi-Arabien appellierte Eva Böller an die Demonstranten: „Sprechen Sie Ihre Bundestagsabgeordneten an und fordern Sie sie dazu auf, diesen Deal zu verhindern.“

Für die meisten Zuhörer ist der Ostermarsch seit Jahren, besser: seit Jahrzehnten, ein Pflichttermin. Der Altersschnitt dürfte am Sonnabend bei etwa 60 Jahren gelegen haben. Gerd-Rolf Rosenberger ist ein typischer Vertreter dieser Generation, die schon gegen den Indochina-Krieg und dann Anfang der Achtzigerjahre gegen die Nato-Nachrüstung auf die Straße ging. Und so zog es den Blumenthaler auch an diesem Wochenende wieder auf den Marktplatz, um, wie er sagte, „einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass endlich diese verdammten Kriege aufhören“. Als Bremer empöre es ihn besonders, dass von der Hansestadt aus diverse Firmen „den Tod in alle Welt liefern“. Rosenberger: „Damit meine ich zum Beispiel die Lürssen-Werft, die mit den Kopfabschneidern in Saudi-Arabien Geschäfte macht.“ Im Arm führte der bekennende Kommunist eine rote Fahne, wie sie seit eh und je zum Kolorit der Ostermärsche gehört. In Rosenbergers Fall ein besonders aufwendig gearbeitetes Banner, versehen mit dem Konterfei des Weimarer KP-Führers Ernst Thälmann. „Es ist mir 1986 auf dem Hamburger DKP-Parteitag überreicht worden“, schwärmte Rosenberger von vergangenen Zeiten. Entgegengenommen habe er die Fahne damals aus der Hand des Moskauer KP-Chefs, der später Geschichte schreiben sollte: Boris Jelzin.

"Unsere Gesellschaft ist nicht genügend politisiert“

1986 war Conrad Gerd Pfitzner noch nicht geboren. Der 20-Jährige aus Osterholz-Scharmbeck gehörte am Sonnabend zu den jüngsten Teilnehmern. Mit seinem dunkelblonden Rasta-Schopf stach er schon rein äußerlich aus dem Grau der Veteranen heraus. Auf Gemeindeebene ist er in der Partei Die Linke aktiv. Er hat keine Sorge, von den überwiegend unpolitischen Angehörigen seiner Generation für sein Engagement belächelt zu werden, denn: „In meinem Freundeskreis sind viele Leute, die ebenfalls bei den Linken mitmachen.“

Pfitzner findet: „Unsere Gesellschaft ist nicht genügend politisiert.“ Anders sei es nicht zu erklären, dass die milliardenschweren deutschen Rüstungsexporte in der Öffentlichkeit kein großer Aufreger sind. „Letztlich bewegt sich in unserer Demokratie nur etwas durch öffentlichen Druck“, so Pfitzner. Und den hoffe er durch die Teilnahme am Ostermarsch ein wenig mit aufzubauen.

Hauptrednerin der Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz war Pfitzners Parteifreundin Sevim Dagdelen. Sie gilt als Vertreterin der radikaleren Strömung der Linken und hat mit ihrer gelegentlich etwas grobschlächtigen Rhetorik schon Vergleiche mit dem einstigen SPD-Fraktionschef im Bundestag Herbert Wehner provoziert. Warum das so ist, wurde bei ihrer Rede auf den Stufen des Bürgerschaftsgebäudes deutlich, vor allem in jenen Passagen, in denen sie sich der türkischen Regierung und deren Beitrag zum Elend in Syrien widmete. Den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und den Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu bezeichnete sie als „Terror-Paten“. Die türkische Staatsspitze habe den islamistischen Terror in Syrien lange Zeit geduldet und es zugelassen, dass über die türkisch-syrische Grenze islamistische Glaubenskrieger mit Waffen und Nachschub versorgt wurden. Erdogan und Davutoglu gehörten nicht aufs diplomatische Parkett in Brüssel, sondern vor den Internationalen Gerichtshof, forderte Sevim Dagdelen in ihrer mit viel Applaus bedachten Rede. Für die EU und Deutschland sei es eine „moralische Bankrotterklärung“, bei der „Flüchtlingsabwehr“ mit solchen Akteuren zusammenzuarbeiten.

Dagdelen äußerte sich auch zu innenpolitischen Themen. Der Aufstieg der AfD habe seine Ursache nicht nur im Anstieg der Flüchtlingszahlen. „Er hat auch damit zu tun, dass in den letzten zwanzig Jahren alles an Sozialstaatlichkeit kaputt gespart wurde“, und zwar nicht nur durch Mitte-Rechts-Koalitionen, sondern auch durch SPD-geführte Bundesregierungen unter Kanzler Gerhard Schröder. Dieser sei ihr gerade dieser Tage wieder in den Sinn gekommen, als der Serbenführer Radovan Karadzic in Den Haag wegen Kriegsverbrechen zu 40 Jahren Haft verurteilt wurde. Auch Schröder, der im Jugoslawien-Krieg deutsche Bombenangriffe auf Belgrad verantwortete, sei ein „Kriegsverbrecher“.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+